Aufgefallen in Cannes: Immer diese Kinder
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Ein Trend ist in Cannes unübersehbar. Die Kinder haben die Macht übernommen. Die tektonischen Verschiebungen in der Kommunikationswelt sind hier auch physisch greifbar. Google, Yahoo, YouTube, tumblr und Konsorten rocken in Cannes die Show. Die Seminare sind proppenvoll, wenn strubbelige Mittzwanziger der Welt erklären, wie man auf ihren Kanälen die kommunikative Welt erobern kann. Sie tun dies mindestens so überzeugend und eloquent wie ergraute Koryphäen wie Lou Reed und Rem Kohlhaas die heute auch hier Auftritte im Werbewunderland absolvierten.
Interessant ist auch, wie plastisch man hier vor Augen und Ohren geführt bekommen, wie sich diese Netzwerke unterscheiden. Unternehmen wie Facebook, obwohl mit dem Massstab Menschenalter gemessen noch nicht einmal in der Pubertät, sehen teilweise schon ziemlich alt aus. Neue Player wie tumblr zum Beispiel scheinen aktuell die Bedürfnisse von Usern, Unternehmen und Kreativen weit besser abzudecken. Und dies obwohl die Plattform Interaktivität unter den Usern aktiv unterdrückt und erschwert, statt sie ins Zentrum zu rücken, wie Facebook dies tut. Was aber immer diese Unternehmen uns anbieten. Es ermöglicht uns zu kreativen Ufern aufzubrechen, von denen wir vor nicht allzu langer Zeit nicht mal wussten, dass sie nur ganz knapp hinter unserem aktuellen Horizont liegen.
Für Kreative ist es eine aufregende Zeit. Die Werkzeuge sind da. Man mag vielleicht den Verlust der einen oder anderen Werbetugend beklagen. Was wir dazubekommen haben, wiegt meiner Meinung nach den Verlust mehr als auf. Die Fülle von grossartig gedachten, geschickt inszenierten, haargenau auf die Zielgruppe abgestimmten und mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln der Technik zum Leben erweckten Kampagnen hier in Cannes ist grossartig. Um nur eine zu nennen: Die Tatsache, dass ein nach allen Regeln der Kunst gedrehter Dokumentarfilm das Herzstück einer Kampagne eines internationalen Kosmetikbrands wie Dove sein kann, ist erstaunlich.
Und das Dove es geschafft hat, diese Kampagne praktisch ohne „paid media“ zum Fliegen zu bringen, ist ermutigend, denn es zeigt, dass unsere Fähigkeiten Geschichten zu erzählen, die berühren und interessieren stark genug sind, um die Menschen jenseits des bezahlten Werberaumes für die Botschaften unserer Kunden zu gewinnen.
Nichtsdestotrotz, die üppige Präsenz von jungen Menschen, die ganz offensichtlich zu den Taktgebern unserer Industrie geworden sind ist gewöhnungsbedürftig. Solange uns diese Kids aber solche tollen Spielzeuge zur Verfügung stellen, bin ich gerne bereit über 26-jährige CEOs hinwegzusehen, die auf der Bühne des Auditoriums mit dem Erwerb ihrer ersten Superyacht prahlen. Have fun guys. Ich hab ihn dank euch ja auch.
Thomas Engeli ist Executive Creative Director bei Futurecom/Wunderman in Zürich