"Beat Alder, was tun Sie, wenn Ihnen das Geld ausgeht?"

- Der Baselbieter Lokal-Fernsehsender NordWest 5 erreicht heute rund 53'000 Haushaltungen in 25 Gemeinden. Mit einer neuen Konzession will er die gesamte Nordwestschweiz inklusive der Stadt Basel beliefern dürfen, das Zuschauerpotential wüchse von 130'000 auf eine halbe Million. "persoenlich.com" hat sich mit Geschäftsführer und Chefredaktor Beat Alder (Bild) über Heimatschutz, Kolchosedenken und Bettelgänge unterhalten. Das Interview:

Warum sollte die Stadt Basel ein zweites Lokalfernsehen brauchen?

Weil Tele Basel stadtlastig ist, und die Basler Landschaft zu kurz kommt. NordWest 5 gleicht das aus, weil wir uns auf das Baselbiet fokussieren.

Die Stadtbasler Regierung sieht das anders: Der Werbemarkt sei zu klein, neue Konkurrenz würde Tele Basel gefährden und letztlich gar der Basler Zeitung Medien schaden.

Die Stadt Basel hat sich nie ernsthaft mit dem Thema auseinandergesetzt. Jetzt betreibt sie reflexhaft und aus Unkenntnis Heimatschutz und plappert nach, was Tele Basel sagt. Bezeichnenderweise sitzt der Verfasser der städtischen Vernehmlassung, Volkswirtschaftsdepartements-Sekretär Samuel Hess, im Stiftungsrat von Tele Basel -- genau wie Volkswirtschaftsdirektor Ralph Lewin. Man darf die Stellungnahme daher nicht ganz ernst nehmen. Zudem hat sich Tele Basel, das Gelder aus den Kabelgebühren erhält, in den zehn Jahren seines Bestehens nie wirklich um den Markt bemüht. Dies beweist NordWest 5, das mit kleinerem Einzugsgebiet und nach nur zwei Jahren höhere Werbeumsätze erzielt. So haben wir 2004 in den ersten vier Monaten bereits das ganze Budget vom Vorjahr erreicht. Wir rechnen für dieses Jahr denn auch mit Sponsoring- und Werbeeinnahmen von zwei Millionen Franken.

Und wie schafft man das?

Wir sind eben sackstarke Verkäufer (lacht). -- Im Ernst: Am Anfang ist schnelles Wachstum einfach. Auch schätze ich den Markt viel positiver ein, als dies Tele Basel tut. Bis in drei Jahren erwarte ich hier ein Werbevolumen des Privatfernsehens von fünf Millionen Franken. Denn Tele Basel macht heute eine Million, und wir werden dieses Jahr zwei Millionen einnehmen. Wenn wir danach im Baselland verdoppeln, sind wir noch nicht mal besonders gut. Als ehemaliger Verleger des Gratisblatt Basler Bebbi kann ich das beurteilen, holte ich damals doch 3.5 Millionen Franken aus dem Markt.

Sie produzieren wöchentlich zwei Stunden Programm, ab Mai soll tagesaktuell eine Viertelstunde Sendung hinzu kommen. Reicht das, um besser als Tele Basel zu sein?

Nein. Darum werden wir dieses Jahr auf mindestens fünf Stunden selber produziertes Fernsehen ausbauen. Damit überholen wir Tele Basel.

Wer sagt Ihnen, dass Tele Basel darauf nicht reagiert?

Das können die nicht, weil man dort in einem Kolchosedenken verhaftet ist. Dieses zu überwinden ist mit der bestehenden Führungscrew nicht möglich. Was Tele Basel betreibt, ist kein freies Fernsehen in einem freien Markt, sondern Heimatschutz mit Gebührengeldern -- so was macht träge.

Ziel von NW5 ist es gemäss Website, "das Programm mit themenorientierten Spezialsendungen weiter auszubauen". Was muss man sich darunter vorstellen?

Unser Internet-Auftritt ist nicht mehr aktuell und wird derzeit überholt, in zwei Monaten haben wir so eine schöne Site wie Sie (lacht). -- Ein themenspezifisches Programm steht bei uns nicht im Vordergrund, sondern gut gemachte Sendungen zu Aktualität, Kultur und Lokalsport. Zudem möchte ich mehr Service public, indem wir mehr Nachrichten aus den Gemeinden bringen. Natürlich braucht es daneben zum Akquirieren themenspezifische Gefässe wie Messe-TV.

Service public? Schielen Sie auf den Gebührentopf?

Nein. Ich habe dem Bakom in meiner Replik sogar explizit mitgeteilt, es könne gerne in die Vernehmlassung schreiben, dass wir freiwillig auf Gebühren verzichten. Ich will kein Geld vom Bakom, sonst reden die mir nur rein. Wer in einer Grossagglomeration kein privates Fernsehen finanzieren kann, muss nicht auf den Markt kommen. In Bern zu betteln gehört für mich ebenfalls zum Kolchosedenken. Schliesslich gibt es andere Finanzierungsformen. So holen wir das Geld in Verbänden und Gemeinden. Schon heute bekommen wir beispielsweise von der Gemeinde Aesch jährlich 10'000 Franken dafür, dass wir ihr mit unserer Berichterstattung nützen -- vielleicht ziehen da noch andere Gemeinden nach.

Um in einem neuen Gebiet bekannt zu werden, braucht es Marketing. Welche Massnahmen planen Sie?

Unser Hauptthema ist der Sport. Lokalsport ist heute televisuelles Niemandsland, Tele Basel bringt nur den FCB. Wir hingegen zeigen Fussball, Handball und Volleyball bis in die 4. Liga. Wenn jemand so nahe bei der Basis präsent ist, muss er kein Marketing mehr machen. Das gleiche gilt in Bezug auf die Gemeinden, die wir zum Mitmachen auffordern. Hinzu kommt der erwähnte neue Internet-Auftritt, wo wir alle Film-Beiträge ablegen und irgendwann gegen Gebühren verkaufen werden. Das Web ist aber auch wichtig für die Interaktion mit dem Publikum, bei Wettbewerben und Handy-Voting ist dieses Medium zentral. Und letztens investieren wir in Merchandising: Irgendwann wird hier jedes Kind mit einer Kappe, einem T-Shirt oder einem Teddy-Bären von uns herumlaufen.

Wie hohe Einnahmen erwarten Sie aus dem Televoting?

SMS wird mit Sicherheit eine Ertragsquelle. Wie hoch die Beträge sein werden, weiss ich aber noch nicht, denn es fehlen die Erfahrungen für so kleinräumige Gebiete. Der budgetierte Umsatz von zwei Millionen Franken für dieses Jahr bezieht sich jedenfalls nur auf Werbe- und Sponsoringeinnahmen.

Auch zwei Mio. könnten zu wenig sein. Tele-Basel-Geschäftsführer Willy Surbeck schätzt den benötigten Mindestumsatz zum Abdecken beider Basel beispielsweise auf vier Millionen Franken.

Wieso sollte ich einen höheren Umsatz brauchen als er? Wir besitzen viel billigere Strukturen als Tele Basel und haben von den Fehlern der Anderen gelernt. Unsere Werbeproduktionskosten sind beispielsweise vier Mal billiger als bei der Konkurrenz. Zudem konnten wir die Infrastruktur dank der rasanten technologischen Entwicklung viel günstiger einkaufen als damals Tele Basel. Herr Surbecks Annahmen basieren auf veralteten Daten. Das werfe ich der Stadtbasler Regierung im übrigen vor, dass sie die Angaben noch nicht mal überprüft hat.

Wieviel Geld wollen Sie bei der beabsichtigten Aktienkapital-Erhöhung Ihrer Betreiberfirma NordWest Medien AG zusammenbringen?

Die -- übrigens bereits beschlossene -- Erhöhung erfolgt von 300'000 auf 600'000 Franken. Finanzexperten haben uns bestätigt, dass das ausreicht. Denn wir machen günstiges Wochenfernsehen, das mit einem Tagesfernseh-Block und später mit Magazinbeiträgen angereichert wird. Unsere wöchentlich bis zu fünfzig Einzelbeiträge sind im Gegensatz zu Tele Basel nur dreissig bis sechzig Sekunden lang und dadurch viel günstiger. Mein sackstarkes Team weiss eben, wie man schnell Nachrichten macht.

Erhält dieses sackstarke Team mehr als nur Hungerlöhne? Rund zwanzig Mitarbeiter bei einem Umsatz von 680'000 Franken scheint nicht viel Spielraum zu lassen.

Im letzten Jahr, als wir die knapp 700'000 Umsatz schrieben, waren wir nur sieben Leute. Unsere Redaktoren verdienen monatlich 5000 Franken, VJs steigen bei 3500 Franken ein. Das sind branchenübliche Ansätze.

Was tun Sie, wenn Ihnen das Geld ausgeht? Würden Sie nötigenfalls auch mit einem Grossverlag zusammenarbeiten?

Wir müssen vor allem mit anderen Privatsendern zusammenarbeiten, denken Sie nur an die Wetterberichte oder an Auto-Sendungen. Ich komme aus der Online-Branche, wo solche Content-Partnerschaften üblich sind. Das gleiche gilt für die Werbung, und das ist auch die grosse Angst von Tele Basel, dass NW5 dem Tele News Combi beitreten könnte. Von mir aus gesehen ist das Teil des freien Wettbewerbs, und wenn es mit dem Combi nicht klappen sollte, suchen wir eben bilaterale Kooperationen. Konkrete Gespräche haben diesbezüglich noch nicht stattgefunden, wenngleich das Echo bei informellen Plaudereien bisher immer gut war.

Wie steht es aber mit dem verschiedentlich befürchteten finanziellen Einstieg eines Grossen wie Tamedia: Wäre das denkbar?

Nein. Entsprechend war die unlängst öffentlich getätigte Absage vom zuständigen Tamedia-Mann Andreas Meili auch überhaupt keine Enttäuschung. Eine solche Beteiligung ist von mir schlicht nicht erwünscht, weil man sonst seine Selbstbestimmung verliert.