Herr Giacobbo, Ende 2002 haben sie dem Schweizer Fernsehen den Rücken gekehrt. Wie viele Versuche hat SF starten müssen, bis sie sich zum Comeback entschieden haben?
Ich verliess das Schweizer Fernsehen nicht im Streit und sagte auch nicht, dass ich nie mehr fürs Fernsehen arbeiten will. Ich habe lediglich mit "Viktors Spätprogramm" aufgehört und wollte mir Zeit für andere Projekte nehmen. Der Kontakt zum Fernsehen ist aber nie abgebrochen.
Aber SF hätte Sie sicher gerne früher zurück gehabt.
Der Sender hat das Gespräch mit mir immer wieder gesucht, aber die Anfragen kamen jeweils zu früh.
Was hat nun den Ausschlag für ihre Rückkehr an den Bildschirm gegeben?
Ich hatte wieder Lust auf Fernsehen. Als sich herausstellte, dass ein wöchentliches Format möglich ist und man uns grosse Freiheiten einräumt, war der Entscheid schnell gefallen. Schon unter Peter Schellenberg bestand bei SF die Auffassung: Wenn man Satire will, muss man die Satiremacher gewähren lassen. Dies hat sich auch unter Ingrid Deltenre nicht geändert. Sie gibt uns so viele Freiheiten, wie es im Rahmen des Hauses möglich ist.
War von Anfang an klar, dass Sie nicht mehr allein durch die Sendung führen wollen?
Ja, es war eine Grundbedingung, dass ich die Sendung mit Mike Müller bestreiten will, zumal er unabhängig von mir auch angefragt worden war. Zu zweit hat man rein formal viel mehr Möglichkeiten. Ich muss beispielsweise ein Thema nicht unbedingt mit einem Gast diskutieren, wir können es auch unter uns behandeln. Und es macht zu zweit einfach mehr Spass.
Ist man zu zweit gibt es aber auch mehr Reibungspunkte.
Das ist genau das Schöne an der Konstellation. So entsteht untereinander ein Spiel. Für TV-Verhältnisse bereiten wir für die Moderation sehr wenig vor -- es ist nicht abgesprochen, wer jeweils die Pointe liefern wird.
Es entsteht also ein Wettbewerb untereinander um die besten Pointen?
Weniger Wettbewerb als vielmehr Pingpong. Das ganze findet aber ohne Prestige-Denken statt. Die Herausforderung besteht aber auch darin, dem andern eine Pointe vorzubereiten.
Warum kam nur Mike Müller als Mitstreiter in Frage?
Um eine solche Sendung gemeinsam bestreiten zu können, muss man sich kennen und verstehen. Mike Müller und ich haben schon oft live improvisiert. Er interessiert sich für das Weltgeschehen und hat eine eigene Meinung. Zudem spielt er ebenfalls eigene Figuren.
Sie wollen weder das Fernsehen noch Late Night, noch die Satire neu erfinden. Haben Sie gedacht "Viktors Spätprogramm" hat funktioniert, also "never change a winning concept"?
Alle grossen Late-Night-Shows funktionieren nach dem gleichen Prinzip: Die Gastgeber kommentieren vor einem Publikum das aktuelle Weltgeschehen. Als Gäste lädt man Würdenträger oder Kulturschaffende ein und spricht mit ihnen. Wer etwas anderes machen will, muss ein anderes Format wählen. Man darf nicht vergessen, dass "Giacobbo/Müller schlussendlich eine Talk-Show ist.
"Die Weltwoche" hat geschrieben, dass Sie inzwischen sehr gute Kontakte zu Wirtschaftsführern unterhalten. Können Sie sich überhaupt noch unbekümmert über Wirtschaftsexponenten lustig machen, ohne mit einem "Liebesentzug" rechnen zu müssen?
Gründen Sie als Satiriker ein Haus wie das Casinotheater Winterthur und finanzieren es durch Sponsoring, reiben sich die Journalisten natürlich die Hände. Es kommt ihnen gelegen, wenn einer die SVP immer kritisiert, dann aber die Unterstützung von Peter Spuhler annimmt. Das ist beste Nahrung für simpel gestrickten Thesenjournalismus. Hat man diesen Artikel in der Weltwoche gelesen, bekommt man das Gefühl, ich verbringe meine Freizeit mit der Hochfinanz. Amüsiert hat mich, dass mir ausgerechnet dieses rechtsbürgerliche Kampfblatt vorwarf, mein "Rollenspiel als Unternehmer" mache mich in meiner "Rolle als Moralist nicht unbedingt glaubwürdiger".
Diese Verbindungen färben also nicht auf Ihren Biss als Kritiker ab?
Die Sponsoren haben inhaltlich nichts zu bestimmen. Bei mir geniesst niemand Satire-Verschonung.
Bei "Viktors Spätprogramm" schauten über eine halbe Million zu. Stehen Sie am Sonntag unter Quotendruck?
Wir haben keine Quotenvorgaben. Ich steh nur unter dem Druck, eine gute Sendung abzuliefern. Gelingt dies, finde ich es schön, wenn viele Leute zugeschaut haben. Die Zuschauerzahlen sind mir aber nicht so wichtig. Lieber eine gute Show mit wenigen Zuschauern als eine schlechte mit vielen.
Wie gehen Sie mit dem Erwartungsdruck um?
Die Leute haben zu Recht Erwartungen -- die hätte ich auch. Ich bin deswegen aber nicht nervöser als bei einer Theaterpremiere, es liegt mehr eine gewisse Spannung in der Luft. Darum freue ich mich, dass es am Sonntag nun endlich losgeht und ich nicht mehr nur darüber reden muss.
(Interview: Stefan Wyss)