06.09.2013

Erfolgreiche Frauen

"Bei uns sind die Frauen in der Mehrheit"

Zwar sind sie in der Schweiz selten, doch es gibt sie: weibliche Chefredaktoren. Larissa Bieler leitet seit 1. Juli das "Bündner Tagblatt". Dass es nicht mehr Chefredaktorinnen gibt, bezeichnet die 33-Jährige als Armutszeugnis, denn der Journalismus sei sehr weiblich, was sich aber in den Chefetagen nicht manifestiere. "Das wird sich aber in nächster Zeit ändern", sagt die Bündnerin zuversichtlich. Mit persoenlich.com spricht Bieler über den kürzlich erfolgten BT-Relaunch, ihren Führungsstil und über ihren Werdegang. Die studierte Betriebswirtschafterin, Politologin und Linguistin befürwortet Frauenquoten und sie ist fasziniert von der Sprachpolitik, die im Bergkanton live miterlebt werden kann.
Erfolgreiche Frauen: "Bei uns sind die Frauen in der Mehrheit"

Frau Bieler, Sie haben vor einer Woche den Relaunch des "Bündner Tagblatts" präsentiert. Was bedeutete dieser Schritt?
Ich hatte zuvor eine grosse Vorfreude und natürlich auch eine gewisse Spannung verspürt. Zu einem grossen Teil auch Entspannung. Ein intensives Jahr mit viel Arbeit am Relaunch des "Bündner Tagblatt" (BT) liegt hinter uns (persoenlich.com berichtete). Der Erfolg eines neuen Zeitungslayouts steht und fällt mit den Details. Auch die gesamte inhaltliche Konzeption war eine Herausforderung – ein Blatt neu zu positionieren mit neuem Layout birgt immer auch ein gewisses Risiko. Auf die Reaktionen der Leserinnen und Leser freue ich mich enorm. In dieser neuen Zeitung steckt von allen Beteiligten sehr viel Herzblut.

Warum war der Relaunch nötig?
Christian Buxhofer, mein Vorgänger, hat mir ein sehr gut funktionierendes Team hinterlassen und eine Zeitung geschaffen, die im ganzen Kanton eine grosse Wertschätzung und Achtung erfährt. Das Blatt benötigte aber dringend ein neues Layout, da die Inhalte und die Sprache seit Jahren moderner sind als es die Optik der Zeitung vermuten lässt. Das BT ist überhaupt nicht der kleine Seitenwagen der "Südostschweiz" (SO), wie es die NZZ kürzlich darstellte. Mit dem Relaunch wird das Drei-Titel-System in der Bündner Medienlandschaft gestärkt und das BT ist als regionaler Pfeiler darin ein ebenbürtiger Player.

Es heisst ja, dass das BT eher bürgerlich konservativ ist.
Wir möchten mit dem BT zum Denken anregen und sowohl für rechts, als auch für links weiterhin hartes Denkbrot liefern. Ich habe grundsätzlich Mühe mit solchen Schubladisierungen. Dem BT werden immer wieder Labels angeheftet, aber ich möchte diese alten Denkmuster etwas aufbrechen. Natürlich werden wir nicht alles über den Haufen werfen, aber wir sind eine Redaktion mit unterschiedlichen Haltungen und Meinungen und parteipolitisch völlig unabhängig, das möchte ich betonen. Das zeigt sich auch in der unterschiedlichen Themensetzung. Traditionelle Strukturen, Institutionen und Werte, alles was das Wesen von Graubünden ausmacht, ist für uns jedoch wichtig. Das signalisiert auch der Zeitungskopf in Frakturschrift. Das ist konversativ in einem guten Sinne.

Spüren Sie als Nachfolgerin vom langjährigen Chefredaktor des BT, Christian Buxhofer, starken Druck? Sie treten in seine Fussstapfen.
Ich spüre einen gewissen Druck. Christian Buxhofer hat eine sehr gute Zeitung gemacht. Das BT soll diese Qualität natürlich weiterhin bieten. Und natürlich muss ich mich in gewisse Themenbereiche einarbeiten. Christian Buxhofer verfügt über ein riesiges Netzwerk und grosses Know-how. Dadurch, dass ich aber bereits seit zehn Jahren für das BT arbeite, kenne ich die Redaktion und die internen Abläufe. Die Übernahme ist Hand-in-Hand erfolgt.

Haben Sie ein Vorbild? 
Nein, ehrlich gesagt, habe ich kein Vorbild. 

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?
(lacht und überlegt). Ich gebe meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern viel Verantwortung ab, erwarte im Gegenzug aber auch viel. Wie soll ich das formulieren? Man kann eine Zeitung nicht nicht hierarchisch führen. Es braucht jemanden, der die Verantwortung trägt und die Entscheidungen fällt. Wir sind natürlich eine Redaktion mit unterschiedlichen Meinungen und Haltungen, die diskutiert werden. Es ist nicht so, dass ich die Leute briefe, wie sie einen Kommentar zu verfassen haben. Aber ich stehe jeden Abend hinter den Inhalten, die morgens in der Zeitung stehen.

Was verbindet Sie persönlich mit dem BT?
Sehr viel! Das BT hat mir auch Graubünden als völlig neue Welt eröffnet. Ich habe sehr viele interessante Persönlichkeiten, Strukturen und neue Mechanismen im Kanton kennengelernt. Andererseits habe ich hier das journalistische Handwerk erlernt. Darüber hinaus verbindet mich mit dem BT sehr viel Herzblut. Das BT hat einen eigenen Charakter und eine starke Identität. 

Sie sind Graubündens erste Chefredaktorin. Sind Sie ein Stück weit stolz darauf? 
Die Tatsache, dass ich eine Frau bin, war nicht der Grund, warum ich diesen Posten erhalten habe. Ich versuche die Diskussion nun nicht allein auf die Frauensache zu reduzieren. Mich interessiert die Funktion und die Herausforderung. In diesem Sinne ist es kein Stolz, sondern eine Selbstverständlichkeit und grundsätzlich ein Armutszeugnis, das es so wenig weibliche Chefredaktorinnen gibt. Meines Erachtens ist der Journalismus sehr weiblich, was sich leider nicht in den Chefetagen manifestiert. Das wird sich aber in nächster Zeit ändern.

Gibt es beim BT auch eine Frauenquote oder sogar eine Frauenbeauftragte wie beim "Tages-Anzeiger"?
(lacht) Nein, das gibt es beim BT nicht. Das ist bei uns im Moment auch nicht nötig, die Frauen sind in der Mehrheit, das hat sich selbstverständlich so ergeben. Ich bin aber natürlich eine starke Befürworterin der Frauenquote.

Was sagen Sie dazu, dass Andrea Bleicher als Chefredaktorin vom "Blick" bereits wieder abgesetzt wurde? Haben Sie sich darüber Gedanken gemacht?
Ja, darüber habe ich mir Gedanken gemacht. Es hat mich befremdet und wütend gemacht, dass eine Frau, die im Übrigen im Team einen grossen Rückhalt genoss, als Lückenbüsserin eingesetzt wurde. Ich halte sie für eine sehr fähige Frau. Dass sie jetzt wieder abgesägt wurde, um wieder auf die Männerriege zurückzugreifen, zeigt, dass man ihr diese Stelle auch einfach nicht zugetraut hat. Ich bin überzeugt, dass Andrea Bleicher dem "Blick" weiterhin gut getan hätte. Hier haben ganz klar – wie so oft im Journalismus – Männerbünde und Männerfreundschaften gespielt. 

Wussten Sie schon immer, dass Sie Journalistin werden wollen?
(lacht) Nein, eigentlich nicht. Ich war aber immer an Politk und Gesellschaft interessiert und neugierig. Damals in meinem Heimatdorf Bonaduz hat es mich geärgert, dass niemand den Lokalpolitikern auf die Finger schauen konnte, als es noch keine Lokalzeitung gab. Eine Zeitung sehe ich deswegen auch als Kontrollorgan an und nicht nur als Informationslieferant. Man soll auch unbequem sein, man soll überraschend sein und man soll auch subjektiv sein. Die Überlegung, wie sich eine Gesellschaft selbst reflektieren kann, finde ich spannend. Das passiert natürlich sehr stark über die Medien. Dazu kommt mein Interesse für die Sprache – ich bin Linguistin, von daher besteht ein Interesse für den Forschungsgegenstand an sich. Und als Journalistin benutze und reflektiere ich die Sprache als Arbeitsinstrument. Sprache konstruiert Wirklichkeit und schafft Bewusstsein. Wörter leiten uns an, wie wir die Welt zu verstehen haben und jede Verwendung eines Wortes ist immer auch eine Handlung.

Wie sind Sie aufgewachsen?
Ich bin in Bonaduz in einer, sage ich mal, politisierten Familie aufgewachsen. Politik war oft Gesprächsthema am Tisch. Das ist natürlich etwas, das mich an den Journalismus herangeführt hat. Auf diese Weise wurde mir Möglichkeit zu reflektieren mitgegeben. An der Klosterschule in Diesentis habe ich das Gymnasium besucht und dann die Matura gemacht.

Sprechen Sie Romanisch? Immerhin waren Sie an der Disentiser Klosterschule.
Ich verstehe es. Ich bin die ersten acht Jahre meines Lebens in Domat/Ems aufgewachsen und habe dort in der Schule auch Romanisch gelernt. Die romanische Kultur ist wichtig für mich. Die Vielfalt und der Pluralismus ist in meinen Augen eine grosse Stärke des Kantons Graubünden. Als Linguistin ist es ausserdem interessant zu beobachten, was jetzt sprachpolitisch im Kanton passiert. Mit dem Standardisierungsversuch hin zum Rumantsch Grischun kann man die Sprachpolitik live mitverfolgen, die im deutschsprachigen Raum bereits im 17. Jahrhundert stattgefunden hat. Diese Erfahrung zeigt eigentlich, dass ein Standardisierungsversuch die Dialekte bzw. Idiome nicht verdrängt. Es herrscht dann einfach eine Zweisprachigkeit wie beim Verhältnis von deutschen Dialekten und der Hochsprache.

Sie haben in Zürich studiert. War für Sie immer klar, dass Sie zurück in die Heimat wollen?
Nein, das war nicht immer klar. Ich habe die Anfrage (zur neuen Stelle, Anm. d. Red.) vor über einem Jahr erhalten. Dann hatte ich Zeit, mir Gedanken über meine Zukunft zu machen. Die Möglichkeit des Relaunches war für mich entscheidend. Es musste klar sein, dass ich keine Übergangslösung bin und dass ich nicht einen Patienten pflege.

Haben Sie Kinder?
Nein, ich habe keine Kinder und bin auch nicht verheiratet.

Das BT präsentiert sich in der Beilage zum Relaunch als "echt bündnerisch". Würden Sie sich auch so bezeichnen?
Ja, ich identifiziere mich stark mit Graubünden. Es ist meine Heimat und ich lebe gerne hier. Graubünden ist ein so vielfältiger Kanton, der zudem eine interessante Geschichte aufzuweisen hat. Viele Zürcher betrachten Graubünden oft als konservatives Idyll an – das bekam ich oft zu hören, als ich mich entschied, nach Graubünden zurückzukehren –, und das ist eine völlig falsche Perspektive! Graubünden ist auch historisch bedingt als Passlandschaft sehr offen, auch wenn wir sicherlich unseren eigenen Charakter haben. Ja, ich fühle micht "echt bündnerisch". Der Begriff "Provinz" wird immer stark negativ konnotiert verwendet, dabei ist es positiv, wenn die Welt, in der wir leben, überschaubar bleibt.

Gibt es Themen, die Ihnen als Chefredaktorin am Herzen liegen?
Als Chefredaktorin habe ich klare Schwerpunkte festgelegt. Wir widmen uns dezidiert dem regionalen und lokalen Geschehen. In den Vordergrund stellen wir Graubünden und die Menschen, die hier im Kanton leben und arbeiten. Die Bündner Köpfe und das was sie zu erzählen haben, interessieren mich. Wir porträtieren, führen Interviews, zeichnen auf, was die Leute bewegt. Wir stellen auch gewisse Sachvorlagen personifiziert dar – aber nicht im reisserischen Sinn. Dann berichten wir als Tageszeitung über Themen wie Politik, Tourismus, Wirtschaft, Verkehr und Bildungspolitik. Im Zentrum stehen diejenigen Bereiche, die das Rückgrat des Kantons bilden. Über Schneekanonen lesen sie bei uns häufiger als im Tagi. 

Warum haben Sie sich für die Studiengänge Germanistik, Politik und Wirtschaftswissenschaften entschieden?
Wie gesagt, ist die Sprache ein faszinierendes Medium, unser Ausdrucksmedium mit oft verkannter Wirkungsmacht, das für wesentliche Bereiche unseres Alltags wie unser Wissen und Denken konstitutiv ist. Sprache begleitet uns jeden Tag und ich wollte einfach wissen wie sie strukturiert ist und wie sie funktioniert. Wirtschaft und Politik sind Leidenschaften. Es war für mich eine wichtige Grundausbildung. Ich will wissen und verstehen, was "Finanzkrise" bedeutet. Die Welt wird immer komplexer, solche Inhalte journalistisch zu bearbeiten, ist enorm anspruchsvoll. Es kommt immer mehr zu Missverständnissen, Ängste werden ausgelöst, weil die Leute gar nicht verstehen, worum es eigentlich geht. Und viele Journalisten und Politiker auch nicht. Das war ein wichtiger Grund für mich, mir dieses wirtschaftliche Rüstzeug anzueignen.

Wen würden Sie als Ihre Lieblingsschrifstellerin oder Ihren Lieblingsschriftsteller bezeichnen?
Eine Schriftstellerin mit der ich mich intensiv auseinander gesetzt habe, ist Annemarie Schwarzenbach, die auch ihre Spuren in Graubünden hinterlassen und sehr lange in Sils gelebt hat. Sie hat weit voraus gedach. Sie hat nicht nur eine bewegende Vita, auch ihr Werk ist sehr spannend. Und man hat sich in der Literaturwissenschaft viel zu lange viel zu wenig mit diesem Werk auseinandergesetzt. Es ist paradox. Sie ist ein totaler Beststeller im Moment, es handelt sich aber eigentlich um schwer zugängliche Literatur. Das ist faszinierend.

Sie arbeiten immer noch an der Dissertation von Paris und Mannheim aus, sind Mitarbeiterin am Deutschen Seminar der Universität Zürich und jetzt Chefredaktorin in Chur. Wie bringen Sie alles unter einem Hut?
(lacht). Die Dissertation ist jetzt natürlich sistiert. Anfang 2011 habe ich mit dem Forschungsprojekt angefangen, da ich ein Stipendium vom Schweizerischen Nationalfonds erhalten hatte. In der Forschungsarbeit geht es um den Geschmacksdiskurs im Alltag – also darum, wie Menschen über Geschmack reden und mit welchen Strategien sie das tun. Die Vorbereitungen zum Relaunch des "Bündner Tagblatt" hat dann allerdings meine Schreibarbeit durchkreuzt. Im Moment hat die Zeitung absolut Vorrang für mich. Ich schreibe die Dissertation zu einem gegebenen Zeitpunkt aber sicherlich fertig.


Interview: Lea Friberg
Foto: Nikkol Rot

 



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