Herr Gilli, Sie waren schon einmal bei einem nationalen TV-Sender dabei, der gescheitert ist. Was wird diesmal anders?
Markus Gilli: Tele 24 gibt es nicht mehr, das wissen wir. Wir wären sicher noch dran, wenn es kommerziell machbar gewesen wäre. Wir hatten bei Tele 24 und TeleZüri zusammen rund 250 Mitarbeitende. Damals herrschte – kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase – eine unglaubliche Stimmung. Bei TV24 stellen wir nicht gleich 200 Leute ein, sondern fangen schrittweise an und bauen nachhaltig auf.
Werden Ihre Regionalfernsehsender durch die neue Konkurrenz aus dem eigenen Haus nicht geschwächt?
Gilli: Nein. Das wäre der grösste Fehler, wenn wir uns intern die Zuschauer abjagen würden. Tele Züri, Tele M1 und Tele Bärn sind sehr stark verankert in den Regionen. TV24 ist kein Regionalsender. Dank dem nationalen Sender können wir eher noch stärker fokussieren auf die Regionen.
Sie haben gesagt, TV24 sei «programmatisch komplementär» zu den Regionalfernsehsendern. Was heisst das konkret?
Roger Elsener: Wir arbeiten nicht nach dem Konzept «News on the Hour» wie bei den Regionalfernsehsendern, sondern programmieren 24 Stunden für sieben Tage. Wir werden Lizenzprogramme zeigen – Serien, Spielfilme, Dokumentationen. Diese geben eine neue Programmfarbe, die komplementär zu den Regionalfernsehsendern funktioniert. Gewisse Inhalte aus den Regionen werden wir übernehmen und bei TV24 einsetzen, aber zeitlich so programmiert, dass es sich unterstützt und nicht gegenseitig kannibalisiert.
Kommen die angekündigten Eigenproduktionen aus den Regionalsendern, oder werden sie von einer eigenen Redaktion gemacht?
Gilli: Im News-Bereich arbeiten wir mit den Regionalfernsehsendern. Abends um 22 Uhr wird ein Querschnitt durch deren News-Sendungen gezeigt. Mit unseren vielen VJs, die täglich im interessantesten Gebiet der Schweiz unterwegs sind, haben wir eine enorme Abdeckung.
Können Sie so eine nationale Nachrichtensendung machen? Haben Sie keine eigenen Redaktoren, die nationale Themen abdecken?
Gilli: Nein. Wobei zum Beispiel unser neuer Bundeshauskorrespondent Matthias Steimer auch eigene Beiträge für TV24 machen wird. Schauen Sie die SRG an, da ist auch nur ein Team draussen und bedient mehrere Sendungen, von der Mittags-«Tagesschau» bis zu «Schweiz Aktuell».
Was haben Sie sonst für Eigenproduktionen geplant?
Gilli: Wir lancieren in diesem Jahr drei neue Formate in der TV-Senderfamilie. Es ist wie ein Baukastensystem. Wir starten jetzt mit «The Gran Plan» und schauen dann, was wir in der zweiten Jahreshälfte machen. Etwas haben wir aus dem Scheitern von TV3 und Tele 24 gelernt: Wir lancieren nicht sofort 15 neue Sendungen, um dann nach einem Jahr festzustellen, dass man das überhaupt nicht finanzieren kann.
Elsener: Bei den Regionalfernsehsendern lagert ein Programmstock, den wir dort nicht mehr zeigen können. Wir haben zum Beispiel mit «CheckUp» ein hervorragendes Gesundheitsmagazin, das jeden Montag in der ganzen Senderfamilie sehr gute Quoten bringt, aber nur einmal ausgestrahlt werden kann und einen Tag nach der Erstausstrahlung im Archiv verschwindet.
Gilli: Bei uns geht es so: Einmal serviert, gegessen, fertig. Wir haben auch Material, das nie gesendet wurde. Diese Stundenschlaufe ist ein unglaubliches Geschenk und ein Erfolgsprinzip, aber auch ein goldener Käfig.
Elsener: So können wir auf TV24 qualitativ hochstehende Inhalte zeigen, die die meisten Schweizer noch nie gesehen haben. Das versuchen wir punktuell mit neuen Eigenproduktionen zu stärken und so neue Leuchttürme zu schaffen.
Die Talkshows gehören auf den Regionalfernsehsendern zu den beliebtesten Formaten. Wird es solche auch auf TV24 geben?
Gilli: Die Talkshows werden am nächsten Tag am Vorabend auf TV24 wiederholt. Der grösste Fehler wäre, wenn wir sagen würden, am Abend um 22.15 Uhr kommt «TalkTäglich» auch noch auf TV24.
Dann haben Sie hauptsächlich Lizenzprodukte aus dem Ausland sowie eine eigene News-Sendung. Reicht das, damit die Zuschauer einschalten und dranbleiben?
Elsener: Wir haben tatsächlich viele Lizenzprogramme auf TV24, sowie mit dem Programmstock einen hohen Anteil an Schweizer Eigenproduktionen. Ich gebe uns gute Chancen, dass wir uns damit gegen andere Programme bewähren können. Wir haben uns an einem Ort positioniert, an dem sonst kein anderer Schweizer Privatsender programmiert ist, und auf den ein deutscher Sender programmatisch auch nicht reagieren kann.
Gilli: Die Lizenzprogramme kommen nicht aus dem dritten Untergeschoss von irgendeinem Archiv – da wurde viel Geld in die Hand genommen. Das sind unter anderem Inhalte von BBC und kein abgenudeltes RTL 2-Zeug. Wir gehen ganz bewusst nicht in den Trash-Bereich.
Im Gegensatz zu SRF sind die Regionalsender im Netz eher schwach vertreten. Wie sieht Ihre digitale Strategie aus?
Elsener: Wir sind als Konzern im Bereich Online noch nicht dort, wo wir sein möchten. Darum wurde auch die Unternehmensleitung um die Sparte Digital erweitert. Hier wird Peter Neumann ab dem 1. Juni dafür verantwortlich sein, das komplette digitale Geschäft voranzubringen. TV ist dabei eine wichtige Säule. Denn Bewegtbild-Formate haben Zukunft, egal auf welcher Plattform sie konsumiert werden. TV24 erhält zum Start auch eine Website, die sehr stark Video- und Bild-orientiert ist.
Gibt es auch eine Zusammenarbeit mit Watson oder der Aargauer Zeitung?
Elsener: Wir arbeiten grundsätzlich mit allen Medien im Haus zusammen – zum Beispiel für gegenseitige Promotion, Sendeplatz-Hinweise oder Integration im TV-Guide.
Gilli: Unser Konzern ist gut aufgestellt. Mit Radio 24 hat man die Nummer 1 im Lokal-Privatradio-Markt, man hat Radio Argovia, man hat jetzt Watson, man hat TeleZüri, Tele M1, TeleBärn, man hat einen nationalen Fernsehsender, man hat eine Tageszeitung, man hat die Schweiz am Sonntag – not bad, oder? Sagen Sie uns, was wir noch nicht haben, dann wird es gekauft! (lacht)
Elsener: Wir erreichen mit den Regionalfernsehsendern ein Publikum von rund 600'000 Zuschauern, im Radio sind es auch mehr als eine halbe Million, die Auflagen unserer Zeitungen bewegen sich in ähnlichen Grössenordnungen. Das ist ein Startschub, den wir TV24 mitgeben können, der uns auch einen gewissen Wettbewerbsvorteil gibt.
Wie viele Stellen werden geschaffen? Wie viel werden Sie in TV24 investieren?
Elsener: Die genauen Zahlen wollen wir nicht kommunizieren, aber es werden auf jeden Fall Stellen geschaffen. Mit unseren rund 140 Vollzeitstellen sind wir bereits heute sehr viel zu leisten imstande. Wir haben mit Belcom eine Vermarktungsunit im Haus, wir haben drei Produktionsstätten - Zürich, Bern, Aarau - die wir einsetzen können, wir haben Playout-Technik, die auf sehr gutem Stand ist.
Gilli: Das Ziel von Roger Schawinski mit Tele 24 war wohl, irgendwann die SRG und die «Tagesschau» abzuhängen. Doch darauf können Sie 50 Jahre warten – ausser Sie sind Donald Trump. Das ist so kosten- und personalintensiv, das geht nicht. Wir haben hier eine Riesencrew, die jeden Tag News macht, und ein Haus, das technisch sehr leistungsfähig ist. Ein grosser Vorteil ist, dass in unserem Sendeablauf immer noch ein Kanal frei ist – das ist der stillgelegte Kanal von Tele 24, der jetzt reaktiviert werden kann.
Haben Sie vor allem in der Redaktion investiert?
Elsener: Ja, und auch dort, wo es um Programm-Sourcing geht, um Programm-Planung und Scheduling. Wir betreiben eine neue Art von Fernsehsender und haben hunderte von Stunden an Material bei fast 20 Lizenzpartnern eingekauft.
Gilli: Die ganze Planung ist zentral. Die Cross-Promotion, die man machen muss, bei TeleZüri für TV24, auf TV24 für die regionalen Sender. Bei TeleZüri gehen wir zudem am 12. Mai mit HD an den Start, als erstes Regionalfernsehen, mit einem völlig neuen On-Air-Design. Gleichzeitig machen wir einen nationalen Fernsehsender, mit einem neuen Design, mit einem News-Studio, das wir neu konzipieren mussten.
Woran messen Sie Ihren Erfolg?
Elsener: Mit TV24 wollen wir vorerst kleine Brötchen backen und mittelfristig ein Prozent Marktanteil erreichen. Unser Rückgrat sind die Regionalfernsehsender. Das ist ein USP, den wir auch in zehn Jahren noch haben werden. Regionale News werden von keinem internationalen Player bedient werden können und sind auch nicht die Aufgabe der SRG. Dort sind wir sehr gut aufgestellt und operativ profitabel. Durch TV24 werden die Regionalfernsehsender gestärkt, denn der nationale Sender wird sich nicht gratis bei ihnen bedienen können – wir werden da alles sauber durchdeklinieren.
Gilli: Wir haben einen riesigen Anteil am Regionalfernsehmarkt mit unseren drei Sendern. Das ist unser Kernbusiness. Einer der Fehler von Tele 24 war auch, dass TeleZüri zum Wurmfortsatz degradiert wurde.
Kommt TV24 eigentlich noch ins Analognetz von upc cablecom?
Elsener: Nein, das ist ein Auslaufmodell. Unsere Stammzuschauer auf den Regionalfernsehsendern schauen zu einem grossen Teil zwar noch analog. Da upc cablecom das Analognetz 2015 abschaltet, würde sich die Investition aber nicht mehr lohnen. Für uns ist die Auffindbarkeit in der digitalen Welt wichtiger.
Herr Gilli, eine letzte Frage. Als angekündigt wurde, dass Sie Chefredaktor der TV-Senderfamilie werden, machten sich viele Leute Sorgen, dass Sie vom Bildschirm verschwinden. Können Sie diese beruhigen?
Gilli: Haben Sie nicht eher gehört, dass einzelne froh wären? (lacht) Nein, ich habe nach wie vor die gleichen Sendungen in der gleichen Kadenz – es ist alles eine Frage der Organisation.
TV24 gehört zum in Aarau beheimateten Konzern AZ Medien, der bereits die Regionalfernsehsender Tele Züri, Tele M1 und Tele Bärn besitzt. Ausserdem gehören Radio 24, Radio Argovia, die Nordwestschweiz/Aargauer Zeitung, die Schweiz am Sonntag sowie Watson zum Konzern. Der neue nationale Privatsender geht am Montag, 12. Mai, auf Sendung.
Markus Gilli wurde per 1. April zum Chefredaktor der TV-Senderfamilie - bestehend aus TV24 sowie den Regionalsendern - ernannt. Er war seit 1999 Chefredaktor und Geschäftsführer von Tele Züri, wo er auch die Sendungen TalkTäglich und SonnTalk moderiert. Er startete seine journalistische Karriere 1980 bei Radio 24.
Roger Elsener ist seit 1. September Geschäftsführer der TV-Senderfamilie und Mitglied der Unternehmensleitung der AZ Medien. Der studierte Medienökonom war davor als COO bei 3+ und 4+ und in verschiedenen Funktionen bei UPC Cablecom und Viacom International Media tätig.
Interview: Lukas Meyer//Bilder: zVg