Herr Gracia, was genau hat Sie am "Rundschau"-Beitrag über das Bistum Chur so aufgeregt?
Das gezielte Verschweigen entscheidender Tatsachen! Zum Beispiel behauptet der Beitrag einen Konflikt zwischen Sympathisanten der sogenannten "Pfarrei Initiative" und dem Bischof von Chur. Dabei richtet sich diese Initiative allgemein gegen das Leitbild der römisch-katholischen Kirche, nicht gegen die Person eines Bischofs. So sind auch die Bistümer Basel und St. Gallen betroffen, mehr noch als das Bistum Chur, und so wurde die Initiative im Dezember 2012 auch von allen Schweizer Bischöfen abgelehnt. Dann gab es 2012 einen ähnlichen Vorstoss in Österreich, es ist also ein internationales Phänomen. Sowohl im Fall Österreich als auch im Fall Schweiz hat Rom alle betroffenen Bischöfe zu sich gerufen, in der Schweiz nebst Chur: Bischof Büchel von St.Gallen und Bischof Gmür von Basel. Das alles verschweigt die Rundschau und beisst sich an Bischof Huonder fest. Ja, man lügt das Publikum an und sagt, der Bischof werde wegen seines Umgangs mit der Initiative nach Rom gerufen. Reiner Unsinn.
In einer Medienmitteilung schreiben Sie sogar von "einem Fall von Demagogie und Zuschauermanipulation". Sie unterstellen den Sendungsverantwortlichen ideologisch zu berichten.
Dieses Urteil zielt darauf, dass eben vorsätzlich Tatsachen unterschlagen wurden. Das führt zu einer Bevormundung der Zuschauer. Ihnen wird eine böswillige Fiktion als recherchierte Wirklichkeit verkauft. Wahrlich keine Sternstunde des Fernsehens.
Doch TV lebt von Bildern und einem klaren roten Faden. Selektion ist nötig, denn nicht alle Informationen passen in einen 11-Minuten-Beitrag. Haben Sie kein Verständnis dafür, dass vereinfacht werden muss?
Vereinfachen und Zuspitzen gehören zum Geschäft, damit haben wir kein Problem. Wir kommunizieren gern mit den Massenmedien und mögen es selber auch pointiert und spannend. Aber das bedeutet doch nicht, dass die Rundschau jetzt Tatsachen unterschlagen darf, nur um ohne Bestätigung durch Fakten das eigene Drehbuch verfilmen zu können.
Im Beitrag ging es aber nicht primär um die "Pfarrei Initiative", sondern um die "angespannte Situation im Bistum Chur", wie SRF-Sprecher Marco Meroni gegenüber persoenlich.com erklärt. Der Fokus wurde auf den umstrittenen Bischof gelegt. Beispiele sollten Huonders ultrakonservativen Kurs unterstreichen. Sie scheinen diesen Dreh der Geschichte nicht verstanden zu haben.
Für diese irreführende Fixierung aufs Bistum Chur liefert doch der Rundschau-Beitrag selber nicht die geringste Begründung. Die angeblich besonders "angespannte Situation" in Chur wird nur anhand der "Pfarrei Initiative" und dem Fall Gloria-TV illustriert. Und genau wie die "Pfarrei Initiative" wird auch bei Gloria-TV verschwiegen, dass es nicht bloss unser Bistum betrifft, sondern dass es um mehrere deutsche Bistümer geht und wir uns gleichzeitig mit den Deutschen von Gloria-TV distanzierten, und zwar bevor die Rundschau überhaupt auf die ganze Sache aufmerksam wurde. Nein: Die Fixierung aufs Bistum Chur diente einzig dem vorgefertigten Drehbuch der Redaktion, das offensichtlich um jeden Preis durchgesetzt werden musste.
Bischof Huonder hätte proaktiv vorgehen und seinen Standpunkt gegenüber der "Rundschau" erklären können. Warum verweigerte er sich?
Wir arbeiteten aktiv mit der Rundschau, gewährten Zugang zu allen Informationen. Es wurden einige Stunden Hintergrundarbeit investiert. Dass der Bischof nicht persönlich vor die Kamera ging, ändert daran nichts. Er wollte vor allem den Eindruck vermeiden, es handle sich um ein Problem zwischen ihm als Person und den Initianten. Durch das Auftreten seines Sprechers – also mir – oder des Generalvikars, sollte quasi jenseits seiner Person aufgezeigt werden, dass es bei der "Pfarrei Initiative" um eine internationale Bewegung geht, die sich allgemein nicht mehr mit dem römisch-katholischen Leitbild identifizieren kann.
Vitus Hounder hat auch die Einladung auf den "heissen Stuhl" abgelehnt. Sie aber, als Medienverantwortlicher des Bistums oder Martin Grichting, als sein Stellvertreter, hätten sich den kritischen Fragen der Rundschau live gestellt. Warum diese Unterscheidung?
Weil wir hofften, dass dann automatisch weniger die Person des Bischofs im Vordergrund steht und mehr die Sache selbst.
Giuseppe Gracia, Beauftragter für Medien und Kommunikation beim Bistum Chur. (zVg)
Die Rundschau entschied kurzfristig, das Thema "Doktorarbeiten bei Christoph Mörgeli" stärker zu gewichten. Wann erfuhren Sie, dass nicht Sie Gast auf dem "heissen Stuhl" sind?
Um 15 Uhr an diesem Nachmittag. Um etwa 19 Uhr hätte dann die Aufzeichnung mit mir im Studio stattgefunden. Diese Kurzfristigkeit wäre mir aber egal gewesen, sowas gehört zum Job – auf beiden Seiten.
Nun formulieren Sie eine Beschwerde an den Presserat. Welche Punkte der "Erklärung der Pflichten und Rechte Journalisten" wurden Ihrer Ansicht nach verletzt?
Richtlinie 1: Die Wahrheitssuche setzt die Beachtung verfügbarer und zugänglicher Daten, die Achtung der Integrität von Dokumenten (Text, Ton und Bild), die Überprüfung und die allfällige Berichtigung voraus.
Richtlinie 3: Journalisten (…) unterschlagen oder entstellen keine wichtigen Elemente von Informationen, weder Tatsachen, Dokumente, Bilder und Töne noch von anderen geäusserte Meinungen.
Wie belegen Sie diese Anschuldigungen?
Wir zeigen dem Presserat auf, wie und wodurch alle unterschlagenen Tatsachen der Redaktion schon während der Produktion des Berichtes bekannt waren.
Wer genau steht hinter der Beschwerde?
Generalvikar Martin Grichting. Er handelt im Auftrag des Bischofs von Chur.
Die Schweizerische Bischofkonferenz unterstützt Ihre Beschwerde nicht, beim Protest handle es sich "ausdrücklich um eine Aktion des Bistums Chur", sagt Simon Spengler, der Sprecher der Schweizer Bischofskonferenz auf Anfrage von persoenlich.com. Warum gelang es Ihnen nicht, diese Beschwerde breiter abzustützen?
Noch wurde die Beschwerde nicht eingereicht. Daher haben die anderen Bischöfe auch noch keine Kenntnis davon. Das werden wir nachholen. Da aber tatsächlich nur der Bischof von Chur von der Rundschau diffamiert und zum Gegenstand von Unterstellungen gemacht wurde, ist es richtig, dass es sich primär um eine Angelegenheit unseres Bistums handelt.
Stellungnahme SRF
Das Schweizer Radio und Fernsehen äussert sich wie folgt zur Kritik: "Die Rundschau weist den Vorwurf der Demagogie und Zuschauermanipulation dezidiert zurück. Der Bericht setzt sich mit der zur Zeit angespannten Situation im Bistum Chur auseinander, und selbstverständlich kommen in der Reportage Bischofs-Anhänger und auch Bischofs-Kritiker zu Wort. Den Fokus hat die Rundschau auf Bischof Huonder gelegt, weil dieser gegenüber den Pfarrei-Initianten am wenigsten Gesprächsbereitschaft signalisiert hat. Im Bericht wird klar festgehalten, dass Bischof Huonder wegen "seines Umgangs mit der Pfarrei-Initiative" nach Rom gebeten wird. Selbstverständlich hat sich die Rundschau-Redaktion mehrfach bemüht, mit Bischof Huonder ein Gespräch zu führen. Leider wurde diesem Wunsch nicht stattgegeben, was im Bericht auch so wiedergegeben wurde. Die Rundschau hat aus den erwähnten Gründen auf das Bistum Chur und Bischof Huonder fokussiert. Darum war es nach unserer Einschätzung nicht notwendig, die anderen Bischöfe auch zu erwähnen."
Interview: Edith Hollenstein, Bild: Rundschau, SRF