CEO Alfred Wälti zur Massenentlassung

Swissprinters - Technologische Entwicklung unterschätzt?

Die Druckerei in St.Gallen wird geschlossen, jene in Zürich wird verkauft. Insgesamt sind rund 260 Angestellte betroffen. Hat das Unternehmen die rasante technologische Entwicklung unterschätzt und gibt es überhaupt eine Zukunft für Schweizer Druckbetriebe? persoenlich.com hat mit Alfred Wälti, seit Juni 2010 CEO bei Swissprinters, über die Gründe der Massenentlassung gesprochen. Zum Interview:

Herr Wälti, 2010 arbeiteten noch 1‘000 Mitarbeitende bei Swissprinters. Wie viele werden es in einem Jahr sein?

In einem Jahr wird Swissprinters noch 500 bis 600 Mitarbeitende haben, die an den Standorten Lausanne und Zofingen arbeiten werden.

Sie schliessen St. Gallen und verkaufen den Standort Schlieren. Was passiert in Lausanne?

Dort sind keine Veränderungen geplant, denn der Standort Lausanne konnte sich verbessern in den letzten Monaten. Diesen Stand gilt es jetzt zu halten und zu verbessern. Punktuell schauen wir aber auch dort auf die Kosten und versuchen effizienter zu werden.

Und in Zofingen?

Dort konzentrieren wir uns auf den Rollenoffset-Druck, da wir dort bezüglich Maschinen die besten Voraussetzungen haben.

Schlieren steht der Verkauf kurz bevor, an ein "renommiertes Unternehmen der grafischen Industrie", wie Sie schreiben. Was heisst das?

In Schlieren machen wir reinen Bogenoffset-Druck. Derzeit sind wir in Verhandlungen und daher zuversichtlich, dass wir eine gute Lösung finden sowohl für unsere Kunden, als auch für die Mitarbeitenden. Dabei muss man aber realistisch bleiben: Nicht alle, der momentan rund 70 Mitarbeiter werden wir gleich berücksichtigen können.

Verkaufen Sie an ein ausländisches Unternehmen?

Nein, es ist ein Schweizer Unternehmen aus dem Raum Zürich.

Den Standort St. Gallen schliessen Sie: Welche Schritte stehen nun an?

In St. Gallen treffen wir heute die Vertreter der Personalkommission und Gewerkschaftsvertreter. Mit ihnen versuchen wir Lösungen zu finden. Morgen nehmen wir die Mitarbeiter in ihren Teams zusammen, sodass wir ihre Fragen aufgreifen können. Dann haben wir einen Sozialplan und Einzelbetreuungsangebote eingerichtet, die dann zum Zuge kommen, wenn die Entlassungen tatsächlich vollzogen werden. Unsere HR-Abteilungen sind gut vorbereitet, denn wir wollen den Mitarbeitern möglichst rasch wieder eine Perspektive bieten.

Diese Perspektive ist jedoch ausserhalb Swissprinters.

Ja, für die meisten - gerade in St. Gallen. Denn die Standorte St. Gallen und Zofingen sind 150 Kilometer weit entfernt, da ist Pendeln schwierig.

Was passiert mit dem Produktionsgebäude und den Maschinen?

In St. Gallen sind wir eingemietet. Bis Mitte 2012 können wir noch produzieren. Ein Projektteam eruiert nun, was mit den Maschinen passiert und es plant, wie die Produktion sukzessive zu Ende kommen kann.

Warum wurden diese drastischen Schritte nötig?

Drei Gründe will ich hier nennen: Erstens schlechte Auslastung, zweitens der enorme Preisdruck und drittens der starke Euro. Unsere Konkurrenten wollen ihre Maschinen möglichst gut auslasten und senken dafür die Preise. Dieses Denken ist sehr kurzfristig. Bei der Europroblematik gibt es zwei Komponenten: Die deutschen Mitbewerber akquirieren hier in der Schweiz und auf der anderen Seite nutzen Schweizer Kunden günstige Angebote aus dem Euroraum.

Welches sind Ihre grössten Konkurrenten?

Druckereien aus Deutschland.

Welche Kunden haben Sie verloren?

Ich will keine konkreten Namen nennen.

Aus welcher Branche wandern Kunden ab?

Zum Beispiel lassen Unternehmen aus dem Konsumgüterbereich ihre Drucksachen - Werbebroschüren oder Kundenzeitschriften - in Deutschland drucken.

Warum hat Swissprinters selber nie den Schritt ins Ausland vollzogen?

Wir brauchten nie mehr Kapazitäten. Mit unseren technischen Möglichkeiten können wir den Schweizer Markt gut bedienen. Wir hatten auch einen Aussendienstmitarbeiter in Deutschland, doch es war immer schwieriger, dort Aufträge zu generieren.

Eine Produktionsverlagerung nach Deutschland stand nie zur Debatte.

Wenn man bereits Überkapazitäten hat, und dann noch die Produktion verlagern will: Diese Rechnung geht dann auch nicht auf. Das ist einfach schlicht unmöglich.

Wo liegt denn die Zukunft im Schweizer Druckgeschäft?

Zum Beispiel bei den Zeitschriften und Katalogen: Ferien, Freizeit und Mode. Dann auch bei Mailings für kleinere Kunden, die individuelle Wünsche haben. Es gibt noch sehr viele Bereiche.

Andere Druckereien haben die sinkenden Volumen antizipiert und sich auf Webpublishing spezialisiert. Warum war dies für Swissprinters kein Thema?

Das war für uns schon auch ein Thema, denn in den Verlagen - bei unseren Eigentümern Ringier (58.8 Prozent), NZZ (25.2 Prozent) und Edipresse (16 Prozent) - geht die Entwicklung auch in diese Richtung. Doch Swissprinters ist die Druckerei dieser Verlage, daher ist es unsere Aufgabe, die Printprodukte herzustellen.

Erst im Dezember 2010 hatten Sie eine neue 72-Seiten-Lithoman-Rollenoffsetmaschine gekauft. Ein richtiger Schritt?

Ja, das hat sich sehr bewährt, damit können wir genau diese zukunftsträchtigen Produkte - Zeitschriften und Kataloge - drucken.

Sie waren früher Leiter HR bei Ringier Print Zofingen. Was bedeutet die Bekanntgabe der Entlassungen für Sie persönlich?

Es ist für mich ein enorm schwieriger Schritt. Die Unternehmen in St. Gallen und auch in Zofingen haben eine lange Tradition, hier arbeiten langjährige Mitarbeiter, die stolz waren, für Swissprinters zu arbeiten. Viele Jahre haben sie hervorragende Arbeit gemacht, wir haben Lösungen gesucht. Viele kenne ich sehr gut. Zum einen macht mich daher ihre Situation betroffen. Auf der anderen Seite muss ich aber auch die Gesamtsituation des Unternehmens betrachten und die Zukunft sichern. Ich muss mit Ehrfurcht an diese Aufgabe herangehen, denn jedem Mitarbeiter - ob er nun den Arbeitsplatz verliert oder nicht - will ich mit der gleichen Grundhaltung entgegentreten. Sie können davon ausgehen, dass ich meinen HR-Hut von früher innerlich noch nicht abgegeben habe und dafür schauen werde, dass wir mit Respekt und Zielstrebigkeit die nächsten Schritte angehen. Dafür verbürge ich mich.

Interview: Edith Hollenstein