CEO Martin Kall zum starken Ergebnis

Tamedia - "Das Unternehmen hat sich hervorragend entwickelt".

2'800 Franken: Soviel Bonus erhalten die Tamedia-Angestellten fürs 2011. Das schweizweit tätige Medienhaus präsentierte am Mittwoch eindrückliche 60 Prozent mehr Gewinn. Im Gespräch mit persoenlich.com spricht CEO Martin Kall über seinen eigenen Lohn, die Strategie beim Newsnet und über Sparvorhaben beim "Tagesanzeiger".

Herr Kall, noch bis Ende 2012 sind Sie CEO von Tamedia. Wissen Sie bereits, was Sie anschliessend tun werden?

Ja, ich habe bereits konkrete Pläne, doch diese will ich lieber für mich behalten, denn diese Vorhaben sind eher privat als geschäftlich. Sicher ist: bis Ende 2012 bleibe ich bei Tamedia. Meine Arbeit macht mir nach wie vor grossen Spass. Nach meinem Eindruck, hat sich das Unternehmen hervorragend entwickelt.

Sie erreichten starke 60 Prozent mehr Gewinn, trotzdem wollen Sie weiter sparen: Erst im Januar wurde bei Tagesanzeiger eine weitere Sparrunde eingeläutet. Warum?

Bei den traditionsreichen Medien – zu denen auch der Tages-Anzeiger gehört – sind wir mit einem tief greifenden Strukturwandel konfrontiert. Die Inserateeinahmen gehen zurück, ebenso die Auflage. Dieser Wandel fordert alle Medien. Daher suchen wir laufend nach Möglichkeiten, wie wir unsere Umsätze stabilisieren oder neue Umsatzquellen erschliessen können. Gleichzeitig müssen wir aber auch weiterhin an unseren Kosten arbeiten.

Planen Sie ein Sparprogramm?

Nein. Wir suchen immer nach Möglichkeiten, uns zu verbessern. Dieses Bestreben ist nicht einmalig, sondern kontinuierlich. Daher planen wir kein Sparprogramm im dem Sinne, wie es andere Medienhäuser in den letzten Wochen angekündigt haben.

Sie werden Ihre Mitarbeiter am Gewinn beteiligen und stellen dafür 7.2 Millionen Franken zur Verfügung ( vgl. persoenlich.com). Wie verteilen Sie das Geld?

Es gibt letztmalig für 2011 zwei verschiedene Modelle: Zum einen ein Modell für die Mitarbeitenden von Edipresse Suisse, zum anderen eines für die Mitarbeitenden von Tamedia. Danach wird es nur noch ein einziges geben. Im Rahmen dieses Tamedia-Modells bekommen alle Mitarbeitenden, wenn sie denn letztes Jahr bereits bei uns waren, zusätzlich rund 2'800 Franken. Dies natürlich auf eine Vollzeitstelle gerechnet. Diese Gewinnbeteiligung ist eine Anerkennung für die hervorragende Leistung, die unsere Mitarbeitenden erbracht haben.

Und Sie selber profitieren auch?

Mein variabler Lohnanteil umfasst zum einen eine Gewinnbeteiligungs-Komponente in bar und zum anderen einen Anteil in Aktien.

Wie viel macht die Bar-Komponente aus?

Die Bar-Gewinnbeteiligung entspricht 1'158'000 Franken, die Aktiengewinnbeteiligung 459'000 Franken. Das macht – mit meinem Grundsalär sowie AHV etc. eingerechnet – insgesamt 2'853'000 Franken Lohn für das Jahr 2011.

Geld ist nur eine Form der Anerkennung. Werden Sie nun auch den Druck auf die Mitarbeitenden reduzieren?

Unsere Branche ist sich das Sparen nicht gewohnt. Über rund 30 Jahre hinweg ging es immer aufwärts, denn Auflagen und Anzeigenvolumen stiegen. Es ging der Medienbranche sehr, sehr gut. Das, was andere Wirtschaftszweige, wie beispielsweise das Banking oder die Computerindustrie, schon lange erleben – nämlich, dass man mit weniger Mitteln mehr produzieren muss –, kennt die Medienbranche noch zu wenig. Es gab über viele Jahre keine Innovation und keine Konkurrenz. Das hat sich mit der Digitalisierung in den letzten Jahren verändert und verursacht Druck. Dieser Druck kommt von aussen: von unseren Werbekunden und von unseren Lesern, die mehr Leistung zum gleichen Preis fordern.

Ihre Journalisten etwa beim "Tagesanzeiger" oder bei Newsnet können sich also nicht auf weniger Druck einstellen.

Nein, ich sehe keine Anzeichen dafür, dass der Strukturwandel sich verlangsamt.

Die Newsnet-Arbeitsbedingungen geben immer wieder zu reden. Viele Journalisten verlassen das Team nach kurzer Zeit wieder, was zu hoher Fluktuation führt. Halten Sie an der eingeschlagenen Strategie fest?

Es ist sicher nicht unser Ziel, in einer Redaktion möglichst viele Wechsel zu haben. Eine gewisse Kontinuität ist wesentlich für den Erfolg. Wenn die hohe Fluktuation nicht damit begründet ist, dass es sich beim Newsnet um ein schnelles Medium und eine Talentschmiede handelt, dann müsste ich dies überprüfen.

Newsnet ist also eher ein Sprungbrett, denn ein langfristiger Arbeitgeber.

Ja, so interpretiere ich das. Doch, wie gesagt, Stabilität ist auch ein wichtiger Erfolgsfaktor. Und sollte diese nicht gegeben sein, müssten wir genauer hinsehen.

103 Millionen Franken resultierten aus Verkäufen (siehe auch persoenlich.com). Darin sind all die Fachmedien enthalten, Radio 24 und Capital FM sowie TeleBärn und TeleZüri. Die Branche vermutet, dass Peter Wanner rund 30 Millionen für TeleZüri bezahlt hat. Können Sie diesen Betrag bestätigen?

Nein. Zu diesen Details geben wir in Absprache mit unseren Partnern keine Auskunft.

Ist nun diese Verkaufsphase abgeschlossen?

Ja, zu 95 Prozent haben wir diesen Prozess abgeschlossen. Es gibt noch einige Beteiligungen wie die Singlebörse Swissfriends, bei der wir einen Verkauf prüfen werden.

Eines Ihrer Sorgenkinder ist vermutlich auch die "Sonntagszeitung", die weiter Marktanteile verliert.

Nein, die "Sonntagszeitung" ist kein Sorgenkind. Wäre sie eines, hätten wir gerne noch mehr solcher Kinder ... (lacht). Wenn man betrachtet, wie viele Gratis-Sonntagszeitungen in den Markt drängen, schlagen sich die "Sonntagszeitung" und "Le matin dimanche" gut.

Neu legen Sie die SoZ dem "Bund" bei. Inwiefern ist dies ein nachhaltiger Weg zur Reichweitensteigerung?

Wir können den "Bund"-Abonnenten ein zusätzliches Angebot bieten. Viele Leserinnen und Leser werden dieses Angebot schätzen, davon sind wir überzeugt. Mit diesem Angebot wollen wir das Angebot für die "Bund"-Leserschaft ausbauen, die Abo-Haltbarkeit verbessern und gleichzeitig im Raum Bern etwas für die "Sonntagszeitung" tun.

Sie sind ja nur noch einige Monate CEO. Welche Themen werden Sie besonders stark beschäftigen?

Drei Themen sind wichtig. Erstens: Wie können wir uns immer wieder so aufstellen, dass wir auf einer wirtschaftlich nachhaltigen Basis arbeiten? Zweitens: Wo investieren wir im Geschäftsfeld Digital mehr, wo bleiben wir zurückhaltend? Und drittens: Wie werden wir eine Schweizer Mediengruppe, die die Deutschschweizer und die Westschweizer Kultur gut vereinigt, ohne dabei zu einem bürokratischen, hierarchischen Konzern zu werden?

An welchen Unternehmen orientierten Sie sich dabei?

Wir schauen auf Firmen mit einer ähnlichen Grösse. Zum Beispiel orientieren wir uns am finnischen Unternehmen Sanoma oder an Schibsted in Norwegen. Doch ich bin der Meinung, dass Tamedia sich ihren Weg in der Schweiz selber suchen muss, unter Einbezug unserer eigenen, langjährigen Geschichte und Kultur.

Interview: Edith Hollenstein