Nach quälenden Grabenkämpfen sucht der "Spiegel" einen Neuanfang. Lange hatte der Verlag dem Dauerstreit zwischen den Chefredaktoren Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron zugesehen. Jetzt sind beide abberufen - sowohl der Print-Chef wie der Digital-Chef. In der Mitteilung zur Ablösung heisst es am Dienstag knapp, es habe "unterschiedliche Auffassungen zur strategischen Ausrichtung" gegeben.
Die gesamte Branche rätselt: Wer wird der oder die Neue im Chefsessel von einem der wichtigsten Qualitätsblätter Deutschlands? Wem wird es gelingen, das Traditionsblatt und das Onlineportal mitten in der Medienkrise erfolgreich zu verzahnen. Gebraucht wird eine führungsstarke Spitzenkraft, denn wie andere Medienhäuser hat auch das renditestarke Hamburger Verlagshaus Auflagenrückgang, Anzeigenverluste und Umsatzminus zu spüren bekommen.
"Geschwätziges Blatt"
Auch inhaltlich sah sich "Der Spiegel" in den vergangenen Jahren einiger Kritik ausgesetzt: Schon unter Stefan Aust - Chefredaktor von 1994 bis 2008 - habe das Blatt seinen Platz als Leitmedium verloren, beklagte Franziska Augstein, Tochter des Gründers und selbst profilierte Journalistin, im Jahr 2005. Das Magazin sei zu einem geschwätzigen Blatt unter anderen geworden. Schon im vergangenen Jahr hatte Verlagsgeschäftsführer Ove Saffe seine Mannschaft auf schwerere Zeiten eingestimmt. In der mächtigen gläsernen Trutzburg am Hamburger Hafenrand, in der vor zwei Jahren rund 1100 Mitarbeiter erstmals an einem Verlagsstandort zusammengezogen worden waren, gab Saffe den Sparkurs vor.
Ziel sei, bei rückläufigen Umsätzen ein Ergebnis zu erzielen, "das unsere Zukunftsfähigkeit, unsere wirtschaftliche Unabhängigkeit und somit unsere publizistische Unabhängigkeit sicherstellt", sagte Saffe dem Fachmagazin "Horizont". Für 2012 rechnet die Spiegel-Gruppe mit einem Umsatz von knapp 310 Millionen Euro, ein Minus von rund 6 Prozent verglichen mit dem Vorjahr. Auch die Rendite dürfte zurückgegangen sein, aber mit rund 15 Prozent zweistellig bleiben, schätzte das Fachblatt.
Zweckehe zwischen Print und Online
Der intensivere Austausch zwischen den weiterhin eigenständigen Redaktionen im Hamburger Verlagshaus werde viel Neues bewegen, das hatte sich Verlagsgeschäftsführer Ove Saffe beim Einzug erhofft. Ein Jahr später meldete er Vollzug: "Der "Spiegel" und Spiegel Online werden ab sofort deutlich enger zusammenarbeiten", sagte er im November der "Süddeutschen Zeitung". Doch über die letztlich mangelnde inhaltliche Strategie bei der Verzahnung kam es offensichtlich zum Bruch der Doppelspitze. Wie es weitergeht? Nach allem, was man aus der Branche hört, nicht mehr mit einem Führungsduo. Nur übergangsweise wird die Print-Redaktion von zwei stellvertretenden Chefredaktoren geführt, das Internet-Angebot vom Chefredaktor bei "Spiegel Online", Rüdiger Ditz, aufgestellt.
Wer auf die Doppelspitze folgt, soll in Kürze bekanntgegeben werden. Die tonangebende Mitarbeiter KG (Anteil: 50,5 Prozent), der Verlag Gruner + Jahr (25,5 Prozent) und die Erben des Magazingründers Rudolf Augstein (24 Prozent) müssen sich auf die Nachfolge einigen. Vielleicht ist die Zeit der Doppelspitzen in der deutschen Medienlandschaft vorbei. Auch beim Hamburger Konkurrenten "Stern" ist das Tandem aus Thomas Osterkorn und Andreas Petzold ein Auslaufmodell. Im Mai übernimmt dort Dominik Wichmann, ganz allein. (sda/dpa)
Chefredakteure müssen per sofort gehen
Der Spiegel - Das Nachrichtenmagazin braucht eine Führung mit einem Plan.