Mit Spannung war die Antrittsrede von Wolfram Weimer erwartet worden: Am Dienstagvormittag stellte der designierte "Focus"-Chefredakteur auf einer Redaktionskonferenz in München sein Zukunftskonzept vor. Kernpunkt: Das Gründungsmotto "Fakten, Fakten, Fakten" wird abgelöst von "Relevanz, Relevanz, Relevanz". Der 45-Jährige begründete dies damit, dass die Fakten ins "Internet abgewandert" seien. Er versprach einen Focus, der Nachrichten- und "Orientierungsmagazin" werde.
Die Antrittsrede des "Cicero"-Gründers, der seit dem Frühjahr in Berlin neue Elemente für das Münchner Magazin entwickelt hatte, soll laut deutschen Medien kämpferisch gewesen sein. Weimer habe erklärt, der "Focus" stehe "vor einem Comeback". Man werde "den Wettbewerb mit dem Spiegel wieder aufnehmen" und "die Deutungsmacht zurückerobern". Dazu solle das "Angreifer-Gen" des "Focus" reaktiviert werden. Auch für den Chefredakteur und Herausgeber, der sich im Herbst aus dem operativen Geschäft zurückzieht, hatte Weimer freundliche Worte parat: Das Erbe des Gründers, versicherte er, werde bewahrt.
Die künftige Rolle des 1993 gegründeten Magazins sieht der Chefredakteur, der sein Amt offiziell am 1. Juli antritt, als die eines "bürgerlichen Leuchtturms der Republik". Mit Blick auf die Welt- und Branchenlage sagte Weimer: "Das Zeitalter der Nachhaltigkeit braucht einen nachhaltigen Journalismus." Von den allen Redakteuren erwarte er "Entschiedenheit in journalistischen Formen" und versprach ein Magazin mit "visueller Kraft". Interessantes Detail: Gegenüber den Redakteuren kündigte Weimer an, dass der Focus mit "internationalen Partnern strategische Kooperationen" eingehen werden. Denkbar sind hier u.a. der "Economist" oder auch "Paris Match".
Die Rede Weimers ist vor dem Hintergrund einer zunehmenden Verunsicherung im Lager der Magazin-Journalisten zu sehen. Beim "Focus", der im vergangenen Jahr von der Anzeigenkrise besonders hart getroffen wurde und seit langem mit einem schwierigen Vertriebsmarkt kämpft, haben alle Mitarbeiter erst kürzlich Abfindungsangebote erhalten. 50 der insgesamt 280 Angestellten sollen gehen. Dass beim Magazin auch konzeptuell Handlungsbedarf besteht, zeigt die am Dienstag bekanntgwordene Verkaufszahl für Ausgabe 20/2010, die vom 17. bis 21. Mai im Handel war: In dieser Woche markierte das Magazin mit einem Gesamtverkauf von 545'000 Exemplaren den niedrigsten Wert des Jahres. (meedia.de)