Auch einige Wochen nach den Berichterstattungen über Selfies – in der Branche besser geläufig als "Porno-Sekretärin" und "Gerigate" – herrscht bei den verantwortlichen Redaktionen wenig Selbstkritik. Anlässlich der "Elefantenrunde der Chefredaktoren" vom Freitag am Verlegerkongress in Interlaken war Patrik Müller, Chefredaktor der "Schweiz am Sonntag" weit davon entfernt, sich zu entschuldigen oder sogar zurückzutreten, wie dies die "NZZ am Sonntag" vor zwei Wochen forderte. "Ich würde die Geschichte wieder publizieren. Auch vier Wochen danach", sagte Müller auf dem Podium.
Phänomen im Fokus
Und auch Markus Spillmann, Chefredaktor der NZZ, würde den Text, der schliesslich als "Porno-Sekretärin" zur Sommerlochgeschichte 2014 wurde, wieder ins Blatt stellen. Grundsätzlich gebe es für die NZZ keine Themen, die man nicht anfasse, so Spillmann. Beim Text aus dem Inland-Ressort, der dann von anderen Titeln weitergedreht wurde und schliesslich dazu führte, dass eine Bundeshaussekretärin ihren Job verlor, habe es sich um eine Recherche zum Thema Sexting am Arbeitsplatz gehandelt. "Im Fokus stand nicht die Person, sondern das Phänomen und wie man als Arbeitgeber damit umgeht", verteidigt Spillmann das Vorgehen.
Im Text, der den Jagdtrieb der Journalisten weckte, schrieb die NZZ von "einer Bundeshausangestellten, resp. Sekretärin, die regelmässig Nacktbilder aus dem Büro twittert". Zwar legte die Zeitung die Identität der Frau nicht offen, doch aufgrund dieser Informationen war es für andere Journalisten ein Leichtes, den Twitter-Account zu finden und die freizügigen Bilder zu veröffentlichen (Details siehe z.B. medienwoche.ch). "Blick" beispielsweise titelte kurz darauf: "So wild treibts die Porno-Sekretärin!"
Begrenzter Einfluss
NZZ-Chefredaktor Spillmann wies darauf hin, dass die Ursprungspublikation keine Verantwortung dafür trage, was andere Titel aus einer Geschichte machen. "Handwerklich war unsere Story sauber und korrekt. Was schliesslich daraus geworden ist, das steht nicht in unserem Einfluss." Für ihn ist klar: "Die Frau hat ihre Stelle nicht mehr, weil Blick nachgezogen hat und ihre Identität veröffentlichte."
Text: Edith Hollenstein, Bilder: Keystone, Anthony Anex