Der "Zeit"-Artikel "Sonntags gibt's Enten" von Peer Teuwsen und Ralph Pöhner sorgte in der Branche für Gesprächsstoff ("persoenlich.com" berichtete). Im Artikel zeigen die beiden Autoren auf, dass am Qualitätsverlust im Journalismus nicht allein Gratismedien schuld sind, sondern auch die Sonntagspresse. "persoenlich.com" hat die Chefredaktoren mit der Analyse konfrontiert. Was halten die Blattmacher vom Vorwurf, von Primeurs generell und ihrer sonntäglichen Jagd? Bei der Umfrage nicht mitgemacht haben Felix E. Müller (NZZ am Sonntag) und Karsten Wietzmann (SonntagsBlick). Zur Umfrage:
Patrik Müller, Sonntag
Man kann nicht alle Sonntagsblätter in einen Topf werfen. Deshalb ist der Pauschalvorwurf an eine ganze Mediengattung nicht zulässig. Fehler geschehen - leider - in allen Zeitungen, auch in Tageszeitungen und Magazinen, und sogar in der "Zeit". Beispiele, wie sie die "Zeit"-Autoren anführen, liessen sich ebenso gut in diesen Medien finden. Aber der Sonntagsmarkt ist überschaubarer - und damit unter erhöhter Beobachtung. Primeurs haben im Sonntagsmarkt einen hohen Stellenwert, da die Sonntagsblätter stark auf Recherchejournalismus setzen. Aber mindestens so wichtig sind Hintergrund, Analyse und Einordnung. Relevante Primeurs, die eine Debatte anstossen oder ein Problem aufdecken, haben nach meiner Einschätzung langfristig einen Einfluss, den man aber nicht überschätzen darf.
Martin Spieler, SonntagsZeitung
Von einem Pauschalvorwurf, wie er im "Zeit"-Artikel erhoben wird, halte ich überhaupt nichts. Das ist meines Erachtens eine billige These, die sachlich nicht erhärtet wird. Die Sonntagspresse arbeitet nicht generell schlechter als andere Medien. Der Presserat muss sich ebenso häufig mit Beanstandungen aus Tageszeitungen oder anderen Medien beschäftigen. Fehler und unfaire Methoden schaden der Glaubwürdigkeit aller Medien. Darum müssen wir alle intensiv an der publizistischen Qualität arbeiten und die Fehlerquote reduzieren. Die Sonntagsmedien sind im Vergleich zu den anderen Medien überdurchschnittlich erfolgreich und spielen im Recherchejournalismus hierzulande eine Vorreiterrolle. Es gibt wenige Medien, die in der Schweiz so viel bewegen wie die Sonntagszeitungen. Noch ein Wort zu unserem Interview mit Bundesrätin Calmy-Rey, das im Artikel der Zeit kritisiert wurde: Frau Bundesrätin Calmy-Rey hat in einem ausführlichen und stringenten Argumentationsbogen erklärt, warum im Bundesrat nicht nur Parteien, sondern z.B. auch Regionen und die Geschlechter angemessen zu vertreten seien. Auf unsere Frage, ob sich denn Männer bei fünf Frauen im Bundesrat unter Umständen nicht mehr vertreten fühlen könnten, erklärte sie, Ja, das sei zu bedenken und führte danach die Notwendigkeit einer Durchmischung des Gremiums weiter aus. Im Übrigen bleibt Frau Calmy-Rey bei der generellen Aussage, wonach im Bundesrat auch auf eine angemessene Durchmischung zu achten sei. Sie hat inzwischen nur relativiert, dass sie nichts gegen eine Frauenmehrheit habe und persönlich nichts gegen fünf Bundesrätinnen. Es scheint, dass Bundesrätin Calmy-Rey wohl über ihre eigenen Aussagen und die Reaktionen in ihrer Partei erschrocken ist. Die SonntagsZeitung hat eine Woche nach Publikation des Interviews in einem Kommentar den Sachverhalt "Regierungszusammensetzung" noch einmal aufgenommen. Darin haben wir den Leserinnen und Lesern erklärt, dass die SonntagsZeitung und andere Medien Calmy-Reys Aussagen als Skepsis gegenüber einem Bundesrat mit fünf Frauen interpretierten, Calmy-Rey die Aussagen aber als allgemeine Überlegung verstanden wissen wollte. Damit liessen wir das Thema nicht unreflektiert. Erstaunlich finde ich hingegen,dass Journalistenkollegen die unkritische Perspektive von PR- und Presseleuten aus der Verwaltung übernehmen und pauschal eine ganze Mediengattung kritisieren.
Primeurs haben für die SonntagsZeitung einen hohen Stellenwert, weil wir bewusst den Recherchejournalismus pflegen. Im Vergleich zum Ausland wird in der Schweiz meines Erachtens viel zu wenig recherchiert. Sonntagstitel müssen allerdings generell aufpassen, dass sie ihren Leserinnen und Lesern aufgrund des starken Konkurrenzdrucks keine Mogelpackungen unterjubeln, sondern nur echte, substanzstarke News-Geschichten liefern. Ich plane daher, unsere Ressourcen im Recherchebereich der SonntagsZeitung weiter auszubauen, um diesem Risiko vorzubeugen und die starke Stellung der Zeitung bei den Primeurs weiter zu festigen.
Die Leserinnen und Leser wollen primär eine qualitativ gute und spannende Zeitung. Dazu gehören eigenständige Geschichten. Bezahl-Zeitungen haben in der künftigen Medienlandschaft nur eine Chance, wenn sie auf Eigenständigkeit setzen und der Leserschaft nicht das bieten, was sie sonstwo auch schon gesehen hat, sondern attraktiv aufgemachte Recherchegeschichten, exklusive Interviews, spannende Reportagen und neue Denkanstösse. Darum sind für uns exklusive News mit hoher Relevanz auch künftig wichtig. Die SonntagsZeitung ist bei den News-Geschichten und Zitierungen die Nummer 1 in der Schweiz. Unsere Journalisten und Journalistinnen engagieren sich Woche für Woche mit viel Leidenschaft dafür, dass wir auch in Zukunft die Nummer 1 bleiben.
Thomas Bornhauser, Zentralschweiz am Sonntag
Man sollte die Qualität in der Sonntagspresse nicht über einen Leisten schlagen. Es gibt deutliche Unterschiede in der journalistischen Güte. Die Stossrichtung der Kritik aber ist berechtigt. Wenn die Nachrichtenjagd auf Kosten der handwerklichen Sauberkeit betrieben wird, steht die Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Und die Glaubwürdigkeit ist unser wichtigster Rohstoff.
Exklusive Neuigkeiten gehören zu einem spannenden Sonntags-Titel wie Rosinen in den Geburtstagskuchen. Gute Bäcker aber wissen, dass Rosinen mit Augenmass zu streuen sind. Und unverdauliche Rosinen gefährden die Verdauung. Leser wollen gut informiert sein und ebenso gut unterhalten werden. Hingegen hassen sie es für dumm verkauft zu werden. Gleichwohl sind Primeurs und Zitierungen in Agenturen oder anderen Medien nicht bedeutungslos. Sie tragen zum Bekanntheitsgrad von Titeln bei, weshalb auch wir uns um Primeurs bemühen.
David Sieber, Südostschweiz am Sonntag
Die im "Zeit"-Artikel erwähnten Beispiele sind schon krass. Calmy-Reys Aussagen zum Beispiel, das geht gar nicht. Aber deswegen die Frage "Arbeitet die Sonntagspresse unsauber?" pauschal mit ja zu beantworten, ginge auch zu weit. Auch am Sonntag muss eine Story Hand und Fuß haben. Dann darf sie auch auf den Punkt geschrieben und getitelt sein.
Primeurs sind wichtig, auch wir mit unserer regionalen Sonntagsausgabe bemühen uns darum - auch national. Aber man sollte vor lauter Jagdfieber nicht blind werden für das, was die Leserschaft auch noch wünscht: Lesestoff, Einordnungen, Erklärstücke, Meinung, Unterhaltung. Primeurs sind durchaus auch ein Marketinginstrument. Es geht nicht nur um Journalistenegos. Wird die eigene Zeitung in anderen Medien zitiert, bestätigt das dem Leser auch, die richtige Wahl getroffen zu haben. So gesehen bringt das langfristig was - vorausgesetzt, es wird nicht einfach warme Luft produziert.