"Da reibt man sich die Augen und denkt: Kann das sein?"

SRF - Am 29. August, also genau vor 60 Jahren, flimmerte die erste "Tagesschau" über die TV-Bildschirme von Herr und Frau Schweizer. Heute sind viele Zuschauer auch ohne bestens über das Tagesgeschehen informiert, trotzdem gehört die Sendung immer noch zu den SRF-Flaggschiffen. persoenlich.com hat sich anlässlich des Jubiläums mit Redaktionsleiter Urs Leuthard über Pannen, Sparmassen und die Handschrift, die er der "Tagesschau" täglich verpasst, unterhalten.

Herr Leuthard, die "Tagesschau" wird 60. Was wünschen Sie sich zum Geburtstag für Ihre Sendung?
Dass es die Tagesschau weitere 60 Jahre gibt, weil ich sie wirklich wichtig finde.

Warum wären Sie gerne vor 60 Jahren "Tagesschau“-Chef gewesen?
Weil es ein unglaublicher Pioniergeist gewesen sein muss, der damals herrschte, als in den Anfangszeiten des Fernsehens die ersten Sendungen produziert wurden. Aber eigentlich bin ich sehr froh, dass ich heute "Tagesschau"-Leiter bin. Zu Beginn war doch vieles handgestrickt – heute arbeiten wir bedeutend professioneller.

Ein Blick zurück: Wer ist in Ihren Augen "Mr. Tagesschau“?
In meiner Kindheit und Jugend waren es Paul Spahn und Leon Huber. In der Sturm- und Drang-Zeit hat mich Charles Clerc begleitet. Und in den letzten Jahren haben Katja Stauber, Beatrice Müller und Franz Fischlin die Tagesschau geprägt.

Sie haben das Zepter vor knapp zwei Jahren übernommen. Ihre aussergewöhnlichste "Tagesschau“-Anekdote bisher?
Anekdoten habe ich weniger auf Lager als Ereignisse. Journalistisch war der Rücktritt des Papstes eine der überraschendsten Meldung. Da reibt man sich wirklich die Augen und denkt: Kann das sein? Der Papst tritt zurück? Das hat es ja gar noch nie gegeben?! Und dann gibt man Gas, journalistisch meine ich.

Wie zufrieden sind Sie mit der "Tagesschau“ wie sie heute daher kommt?
Ich bin sehr zufrieden. Wir haben im Team eine tolle Mischung aus jungen Wilden und erfahrenen Kämpen, die, auch wenn wir nicht fehlerfrei sind, alles in allem eine sehr gute Sendung produzieren. Und wir arbeiten jeden Tag daran, dass die "Tagesschau" noch besser wird.

Wo sieht man Ihre Handschrift?
Meine Handschrift merkt man wohl daran, dass die innenpolitische Berichterstattung, vor allem auch am Wochenende, verstärkt wurde. Und dass wir heute mehr Schwerpunkte und Vertiefungen in der Sendung haben.

Anfang des Jahres wurde darüber informiert, dass die "Tagesschau“ überarbeitet werden soll. Was haben Sie bis jetzt schon verändert?
Im Unterschied zu vor zehn Jahren sind unsere Zuschauerinnen und Zuschauer heute um 19.30 Uhr meist schon recht gut über das Tagesgeschehen informiert. Was wir verstärkt machen: Wir setzen Schwerpunkte, ordnen ein, bieten Analysen, zum Teil auch Hintergründe. Zusammengefasst: Wir wollen Kontext liefern, damit die Zuschauer nicht nur informiert sind, sondern sich auch möglichst gut eine eigene Meinung bilden können.

Inwiefern ist es für einen öffentlich-rechtlichen Sender gerechtfertigt, dass Redaktoren oder Korrespondenten Sachverhalte kommentieren? Wird hierbei nicht das Gebot angekratzt, objektiv zu berichten?
Für mich sind das keine Kommentare, sondern es sind Einschätzungen und Analysen. Die persönliche Meinung der Redaktoren und Korrespondenten interessiert weniger; wenn sie aber aufgrund ihrer Nähe zum Geschehen, ihrer Erfahrung und journalistischen Kompetenz einen Sachverhalt oder eine Frage besser beleuchten können, dann ist das Mehrwert. Ein Beispiel: Ich will von unserem Nahost-Korrespondenten nicht hören, ob er Assads Regime gut oder schlecht findet. Aber ich will von ihm hören, welche Indizien es gibt, ob das Regime das Giftgas eingesetzt hat, ob diese Indizien glaubwürdig sind, was die Leute vor Ort erleben oder denken etc.

Weiter wurde Anfang des Jahres angekündigt, dass bei den SRF Info-Flaggschiffen, unter anderem der "Tagesschau“, im 2013 gespart werden soll. Was mussten Sie bereits für Einschränkungen vornehmen? Wo sind diese Einsparungen für den Zuschauer ersichtlich?
Wir bauen unseren Personalbestand bis Ende des Jahres leicht ab. Zudem senden wir seit Anfang des Jahres die "Tagesschau Nacht" aus einem kleineren Studio, mit einer kleineren Crew, was erkleckliche Einsparungen gebracht hat. Deshalb sieht die "Tagesschau Nacht" jetzt etwas anders aus als früher; qualitativ gibt es aber keinen Abbau. Grundsätzlich, davon können meine Leute ein Lied singen, bin ich bei jedem Einsatz, bei jedem Beitrag sehr erpicht darauf, dass die Gebührengelder sorgfältig und effizient eingesetzt werden.

Wie motivieren Sie ein Team, das unter Spardruck gute Leistungen bringen sollen?
Indem ich mich jeden Tag dafür einsetze, dass die Arbeitsbedingungen, inhaltlich und logistisch, möglichst gut sind. Indem ich versuche, den Team-Spirit zu fördern. Indem ich den Leuten immer wieder Anerkennung gebe, Kritik und Lob. Aber, ehrlich gesagt, ist das auch nicht so schwierig, denn für die allermeisten ist es schon eine grosse Motivation, überhaupt in der "Tagesschau" zu arbeiten.

Was machen Sie jeweils, während die "Tagesschau“ auf Sendung ist? 
Dann kann ich mich zurücklehnen, weil ich weiss, dass erfahrene Profis am Werk sind.

Sind Sie jeweils nervös?
Nein, nervös bin ich nicht, das wäre auch wirklich schlecht, bei fünf Sendungen jeden Tag!

Was war die bisher grösste Panne während ihrer Zeit?
Vor einiger Zeit lief bei uns anstatt der aktuellen Börsensendung, die jeweils kurz vorher aufgezeichnet wird, die Sendung des Vortages. Das war schon fast der Super-GAU. Da gibt es dann nichts anderes als sich entschuldigen und dafür sorgen, dass es nicht wieder vorkommt.

Im März tauschte man innerhalb eine speziellen Projekts das Team der "Tagesschau“ mit demjenigen der welschen Schwestersendung "Le Journal“. Sind in Zukunft ähnliche Aktionen geplant?
Der Redaktions-Tausch war ein solcher Erfolg, dass wir unbedingt wieder ähnliche Projekte machen wollen. Allerdings ist noch Nichts konkret geplant. Aber das Projekt hat auch so schon dazu geführt, dass die Zusammenarbeit mit den welschen Kolleginnen und Kollegen im normalen Alltag besser geworden ist.

Haben Sie noch weitere Ideen, wie Sie die "Tagesschau“ weiterhin als Flaggschiff positionieren wollen?
Ja, die habe ich, aber verraten werde ich sie hier nicht.

Was für ein Thema wird im Jubiläumsjahr die Sendung prägen bis Ende Jahr?
Aussenpolitisch: der Syrienkrieg, und in den nächsten Wochen auch noch die Wahl in Deutschland. Innenpolitisch wird der Bankendeal mit den Amerikanern sicher weiter zu reden geben. Und dann natürlich die Abstimmungsthemen: Wehrpflicht, 1:12-Initiative, Nachtverkauf in Tankstellen etc.

Was für Themen liegen Ihnen persönlich besonders am Herzen?
Ich halte das politische System der Schweiz, mit der direkten Mitsprache des Volkes, den Checks und Balances innerhalb des politischen Betriebs, für grandios. Mit unserer Berichterstattung über die aktuellen politischen Themen und Prozesse möchte ich weiterhin dazu beitragen, dass dieses System verstanden, gewürdigt, und wo nötig auch kritisch hinterfragt wird. 

Interview: Corinne Bauer