"Darum lanciere ich das 'Badener Tagblatt' wieder!"

AZ Medien - Nach 18 Jahren aus dem Dornröschenschlaf erwacht: Ende Oktober erscheint das "Badener Tagblatt" wieder, jetzt als Regionalausgabe des AZ-Verbunds. Warum will Peter Wanner den "legendären Badener Geist" aufleben lassen? Wird das Blatt unter der Leitung von Patrik Müller den früheren Rechts-Aussen-Kurs weiterfahren? Im Interview spricht Wanner zudem über die Konkurrenz mit dem "Tages-Anzeiger" und die Affäre Geri Müller.

Herr Wanner, Sie lancieren das legendäre "Badener Tagblatt" neu. Was hat Sie zu diesem überraschenden Schritt bewogen?
Das war schon lange mein Plan. Denn ich habe nach der Fusion von "Aargauer Tagblatt" und "Badener Tagblatt" bald gemerkt, dass es ein Fehler war, auf die starke Marke "Badener Tagblatt" zu verzichten. Wir wollten damals mit der AZ etwas Neues wagen und eine neue starke Marke schaffen. Die Idee war: eine Stimme für den ganzen Kanton. Das ist zwar gelungen und die "Aargauer Zeitung" ist heute zweifellos besser als die beiden Vorgänger-Zeitungen. Trotzdem hatten nicht alle Leser Freude daran. Die Leute wollen sich identifizieren mit Ihrer Zeitung. Und der Badener will sich mit dem "Badener Tagblatt" identifizieren und weniger mit der "Aargauer Zeitung". Der Zofinger will sich auch lieber mit dem "Zofinger Tagblatt" identifizieren.

Warum ist das so?
Das hängt mit dem Kanton Aargau zusammen, der von Napoleon auf der Landkarte zusammengefügt wurde und aus fünf Teilen besteht: Berner Aargau, "Kanton Zofingen", Freiamt, Fricktal und "Canton Baden“. Diese Identitäten sind nach wie vor stark ausgeprägt. Dem tragen wir jetzt Rechnung. Wir glauben auch, dass wir die Auflage – Print und Online – steigern können, weil Neuzuzüger häufig nicht wissen, ob sie beim "Tages-Anzeiger" bleiben oder zur "Aargauer Zeitung" wechseln sollen. Beim "Badener Tagblatt" wissen sie es jetzt, denn das ist die Zeitung vor Ort. Noch immer ist "AG“ für viel Zürcher negativ konnotiert, obwohl sie im Aargau leben.

Kommt das "Badener Tagblatt" wirklich als eigenständige Zeitung heraus oder ist es ein Teil Ihres AZ-Verbundes?
Es ist selbstverständlich Teil unseres Zeitungsverbundes, der "az Nordwestschweiz", so wie andere Blätter auch, z.B. die "Solothurner Zeitung" oder die "bz Basel". Wir bleiben beim bewährten Kopfblattsystem, haben aber überall die Möglichkeit, den zweiten Bund mit lokalem Stoff auszubauen. Das ist auch beim "Badener Tagblatt" geplant. Zudem wollen wir online das Informationsangebot ausbauen. Es ist eine App für das "Badener Tagblatt" geplant. 

Bekommt die Zeitung eine eigenständige Redaktion?
Die Lokalredaktion Baden besteht schon, sie wird aber punktuell verstärkt. Und sie wird sowohl für online als auch für Print zuständig sein.

Wird Patrik Müller als Chefredaktor der "Schweiz am Sonntag" zurückstecken?
Nein, das ist nicht die Idee. Er hat zusätzlich noch die publizistische Leitung für dieses Projekt übernommen.

Das "Badener Tagblatt" war früher ein rechtskonservatives Bollwerk. Wollen Sie diese Haltung beibehalten?
Das "Badener Tagblatt" hat verschiedene Wandlungen und Häutungen durchgemacht. Es war früher einmal linksliberal und hat die talentiertesten Journalisten angezogen; es galt lange als Klassiker unter den Regionalzeitungen. Dann gab es eine liberale und am Ende eine rechtsliberale Phase. Die erfolgreichste Phase in Bezug auf die Auflagesteigerung war die linksliberale Phase. Wir werden an diese, und an die liberale Phase, anknüpfen. Wir wollen eine Forumszeitung sein - offen für alle Standpunkte, aber keinesfalls auf eine eigene Meinung verzichten. Und etwas vom legendären "Badener Geist" soll im Blatt auch wieder spürbar werden.

Welche Leserschaft peilen Sie an?
Die Bevölkerung der Grossregion Baden-Wettingen.

Wird der Graben zwischen Baden und Aarau durch diese Zeitungsgründung nicht zusätzlich verstärkt?
Nein, das glaube ich nicht. Vielleicht kommt aber in Aarau der Wunsch auf, ebenfalls mehr Lokalstoff zu bekommen. Im Übrigen ist der frühere Graben Aarau-Baden nicht mehr virulent und scheint abgelöst worden zu sein durch einen Graben Stadt-Land. Denn die beiden Städte haben gemerkt, dass sie viel mehr Gemeinsames als Trennendes haben.

Sie haben auch täglich zwei Zürichseiten. Wollen Sie damit den "Tages-Anzeiger" konkurrenzieren?
Wir wollen jene, die über Zürich informiert sein wollen und in unserer Region leben, besser abholen.

Wann starten Sie mit der neuen Zeitung?
Am 31. Oktober dieses Jahres. Das sind dann ziemlich genau 18 Jahre Unterbruch.

Was kostest Sie das ganze Projekt?
Wir investieren in die Redaktion und ins Marketing und sind zuversichtlich, dass wir diese Kosten durch Mehreinnahmen bei den Abo- und Werberlösen wettmachen können.

Baden ist seit Jüngstem vor allem als "Geri-Müller-Stadt" bekannt. Wie stellen Sie sich eigentlich zur ganzen Affäre, die durch Ihre Zeitung "Schweiz am Sonntag" losgetreten wurde? War es richtig, die Bilder zu bringen? Und müsste Geri Müller zurücktreten?
Wir haben gerade die Bilder eben nicht gebracht. Das wäre dann eine gravierende Persönlichkeitsverletzung gewesen. So weiss die Öffentlichkeit lediglich, dass es diese Bilder gibt. Nach meiner Auffassung – und diese deckt sich mit jener von Chefredaktor Patrik Müller zu 100 Prozent – war die Geschichte nicht mehr unter dem Deckel zu halten, als der Polizeieinsatz in Baden erfolgte, ausgelöst von Geri Müller. Es geht beim ganzen Fall nicht nur um Privates, sondern das öffentliche Interesse ist gegeben. Ob Geri Müller zurücktreten soll? Das hängt, wie er selber gesagt hat, vom Vertrauen ab, ob er das noch hat oder nicht. Und diese Frage kann eigentlich nur das Volk beantworten.

Fragen: Matthias Ackeret, Bild: Keystone, Gaetan Bally