Herr Burch, was taten Sie als erstes, als Sie wieder zurück waren auf der 20min-Redaktion?
Ich sehnte mich nach einem Gipfeli aus der Kantine. Ein solches holte ich mir heute Morgen dann auch.
Was haben Sie Wichtiges gelernt?
Was den Beruf angeht, wurde mir bewusst: Zuhause zu arbeiten, ist kein Problem. Doch ich weiss auch: Zusammen mit den Kollegen macht es mehr Spass.
Und privat?
Die Diskussionen um zu wenig Platz und zu viele Menschen, sind in der Schweiz sehr aktuell. Nach dem Aufenthalt ist es aber so, dass ich "den vielen Platz" - Wohnungen sind grösser bei uns, mehr Parks, mehr öffentliche Plätze, weniger Hochhäuser - geniesse. Zuvor dachte ich, es wäre eng an gewissen Punkten in Zürich. Heute Morgen fand ich es angenehm nicht dauernd schauen zu müssen, dass ich in jemanden hineinlaufe. Die Diskussion um Raumknappheit sehe ich jetzt etwas anders.
Der Job in Hongkong ist heiss begehrt. Laut 20min.ch-Chefredaktor Hansi Voigt gibt es eine Warteliste bis 2013. Warum bekamen Sie als erstes diese Ehre?
Ich war wohl der Einzige - mit den entsprechenden Qualifikationen - der sofort gehen konnte.
In Hongkong arbeiteten Sie von 6 Uhr morgens bis 13 Uhr mittags Hongkong-Zeit. Das heisst, die Stories, die wir am Morgen Schweizer-Zeit auf 20min.ch lasen, wurden über Nacht von Ihnen platziert. Ein Beispiel ist die Nachricht vom Rücktritt Steve Jobs als CEO von Apple.
Ja. Beim Rücktritt von Steve Job gab es eine Meldung in der Nacht, die wir in Hongkong sofort verarbeiteten. Sie ging als Eilmeldung auf 20min.ch, dazu gab es um 01.29 Uhr einen stillen iPhone-Alert. Bis die Schweiz wach war, machten wir drei Updates.
Gab es auch Situationen, in denen der Zeitunterschied oder die geografische Distanz hinderlich waren?
Kaum. Aber wegen des Zeitunterschieds waren Telefonrecherchen schwierig.
Wie und wo recherchierten Sie Themen? Welche asiatischen oder internationalen Webseiten besuchten Sie besonders oft?
Bei allen grossen internationalen Webseiten von den USA bis nach Australien, z.B. CNN, BBC, The Guardian, Al-jazeera, Süddeutsche, Spiegel, Stern, etc. - halt einfach die wichtigsten Leitmedien der jeweiligen Länder. Zudem las ich per E-Paper die wichtigsten Schweizer Zeitungen. Auch lief dauernd der TV (meistens CNN). Und ich las folgende Medien: South China Morning Post, The Standard, Apple Daily, Ming Pao, XinBao und Metro.
20min eröffnete diese Aussenstelle in Hongkong, weil man wollte, dass die Mitarbeiter in dieser stark aufstrebenden Stadt technische Innovationen mitkriegen. Was haben Sie in diesem Bereich Neues gesehen?
Jede und jeder, der das nötige Geld hat, verfügt über das Neueste. So sieht man hier keine iPhone3 mehr (alle haben das iPhone4) und das iPad2 ist weit verbreitet. Meiner Meinung nach sind die Menschen hier technophiler als wir. Weiter ist der öffentliche Verkehr in der Stadt unglaublich gut organisiert. Es gibt eine einzige Karte, die Octopus-Karte, mit der man bargeldlos bezahlen kann. Sie funktioniert bei der MTR (Metro), Fähren, Busse sowie auch in Kaffees und in Supermärkten.
Aussicht über Hongkong
Wohnen und arbeiten im 20. Stock. "Allerdings gibt es keinen 4. und auch keinen 14. Stock, da diese Zahlen Unglück bringen", erklärt Burch.
24-Stunden-Updates - der Arbeitsplatz in Hongkong machts möglich.
Welche Unterschiede beobachteten Sie in der Mediennutzung?
Wie gesagt, die Bewohner von Hongkong nutzen das Neue intensiver und früher. Kommt etwas Neues auf den Markt, wird es sofort gekauft und auch genutzt. In der MTR (Metro) sind sie ständig auf dem Handy. Sie streamen sich Serien herunter und schauen diese rasch auf dem Heimweg, checken E-Mails, telefonieren, besuchen Newsseiten. Ich habe mehrmals beobachtet, dass Menschen mehrere Handys haben. Das iPad ist verbreiteter als bei uns. Trotzdem lesen sie aber weiter Zeitungen. Es gibt Gratiszeitungen, die überall verteilt werden. Nebst dem Handy, werfen viele doch auch einen Blick in die Zeitung.
"Das iPad ist verbreiteter als bei uns", was genau meinen Sie damit?
Es sind ganz einfach prozentual viel mehr Leute, die es nutzen. Überall benutzen es die Menschen in Hongkong. In der MTR, im Park, beim Mittagessen. Damit man sich ein Bild machen kann: Es ist nicht so extrem, wie die Handynutzung bei uns im Zug. Aber es geht in diese Richtung. Das iPad ist viel präsenter im Stadtbild, vor allem in den öffentlichen Verkehrsmitteln.
Wie unterscheidet sich die Rolle der Medien und der Journalisten im Vergleich zur Schweiz?
Dass die Medien in China nicht so ganz frei sind, ist allgemein bekannt. Hongkong ist da eine Ausnahme und wird es wohl noch länger bleiben. Dem Vernehmen nach scheint Peking jedoch schleichend immer mehr Einfluss zu nehmen.
Ihre Wohnung war vielleicht im Gegensatz zu denjenigen der Cage People luxuriös, jedoch keinesfalls gross, im Vergleich zu Schweizer Wohnungen.
Mir ging es ausgezeichnet, die 65 Quadratmeter reichten mir. Zum Ausgleich trieb ich viel Sport - auch wenn es sehr heiss und schwül war. Auch war ich schnell in der Natur, sprich am Strand oder im Dschungel.
Was taten Sie gegen Einsamkeit?
Ich fühlte mich nie einsam.
Somit war es kein Problem, Leute kennen zu lernen.
Nein, es war sehr einfach. Die Menschen hier waren nett und offen, viele auch humorvoll. Dass die meisten Englisch sprechen, vereinfacht das Ganze natürlich ungemein. Mit der Zeit hatte ich an fast jeder Ecke im Quartier jemanden, den ich kannte. Man winkte sich zu, grüsste, redete einen Satz.
Könnten Sie sich vorstellen, einmal als Korrespondent zu arbeiten?
Unbedingt. Fast überall. Am liebsten an einem Ort, andem ich noch nie war. Tokyo würde mich reizen, Länder in Afrika finde ich ebenfalls spannend.
Wie hoch war Ihr Lohn während der Hongkong-Zeit?
Der Vertrag läuft normal weiter.
Jetzt ist ja Ihr Arbeitskollege Marius Egger in Hongkong. Ihre Tipps für den Nachfolger: Was soll er sich nicht entgehenlassen?
Mein Nachfolger soll durch die unzähligen Märkte schlendern und die Stimmungen aufsaugen. Er soll sich auf die Menschen einlassen und so viele verschiedene Gerichte probieren wie nur möglich. Sport zum Ausgleich, ab und zu schwimmen im Meer nach der Arbeit, das empfehle ich ebenfalls.
Interview: Edith Hollenstein