Roger Köppel, Chefredaktor 'Weltwoche'
Ich finde den lauwarmen Freispruch für Kachelmann skandalös. Die Richter gaben zu, dass die Klägerin erwiesenermassen die Unwahrheit gesagt hatte. Sie hielten fest, dass sie sich die Verletzungen durchaus, ja sogar wahrscheinlich selber beigebracht haben könnte. Trotzdem schenkten sie ihr teilweise Glauben, anstatt sie wegen Verleumdung zur Rechenschaft zu ziehen. Der Schaden für Kachelmann ist enorm. Am Schlimmsten sind jetzt die Moralisten, die von Roger Schawinski bis Alice Schwarzer auf den Plan treten und abenteuerliche Diagnosen zu Jörg Kachelmanns Charakter anstellen. Das ist hoch unseriös. Der ganze Fall zeigt die Problematik des Sexualstrafrechts, das zu leicht gegen den Mann ausschlägt. Der Spiegel hat in diesem Fall eine vorbildliche Rolle gespielt, auch wenn er anders als Alex Baur in der Weltwoche nicht immer den Mut aufbrachte, die Klägerin auf Grund der Fakten deutlich zu kritisieren. Focus und Bunte fuhren auf der Feminismusschiene und waren parteiisch gegen den Schweizer. Ich glaube nicht, dass Kachelmann die Tat begangen hat, die man ihm vorwarf, und es geht die Welt nichts an, wie der Fernsehmoderator sein Privatleben verbringt und mit wem. Das Urteil gibt ein fatales Signal aber ganz anders, als die Anti-Kachelmann-Fraktion behauptet: Offenbar ist es einer Frau erlaubt, einen Mann ungestraft der Vergewaltigung zu bezichtigen, auch wenn sie erwiesenermassen die Unwahrheit erzählte. Man müsste solche Fehlanschuldigungen viel stärker ahnden. 30 Prozent aller Vergewaltigungsklagen stimmen laut Studien nicht.
Sandro Brotz, Stv. Chefredaktor 'Der Sonntag'
Es ist einfach, jetzt die Medien zu kritisieren, denn das Grundproblem ist ein anderes: Die Öffentlichkeit war von einem Grossteil des Verfahrens ausgeschlossen. Es entstand ein Nährboden für Stories aus der Gerüchteküche. Damit kam es zu einer Art Schein-Gerichtsberichterstattung. Zu keinem Zeitpunkt war es möglich, ein vollumfängliches Bild des Verfahrens zu bekommen. Hinzu kam, dass sowohl Staatsanwaltschaft wie auch Verteidigung mit gezielten Indiskretionen selbst zu einer Vorverurteilung beitragen haben - übrigens sowohl von Jörg Kachelmann als auch der Anzeigeerstatterin. Die Kritik ist deshalb scheinheilig. Hier wird der Transporteur zum Sündenbock gemacht. Stossend ist vielmehr, dass ein solches Verfahren überhaupt 9 Monate dauern kann. Das ist nicht zumutbar. Dieses Verfahren kennt nur Verlierer. Dazu gehört meiner Meinung nach auch Kachelmann-Verteidiger Johann Schwenn mit seiner überzogenen und unsäglichen Selbstinszenierung.
Peter Wälty, Chefredaktor Newsnetz/tagesanzeiger.ch
Ich bin tatsächlich nicht sicher, ob wir in der Berichterstattung über Kachelmann alles richtig gemacht haben. Dennoch: Kachelmann ist eine Person des öffentlichen Interesses, die eines Kapitalverbrechens angeklagt war. Und die Prozessberichterstattung über diesen Fall musste zwangsläufig Teile des Privatlebens des Meteorologen an die Öffentlichkeit zerren. In teils respektloser Weise haben das aber vor allem gewisse deutschen Medien gemacht - zum Beispiel indem sie genüsslich Expertinnen wie Alice Schwarzer den Sachverhalt kommentieren liessen (unbedingt den Text von Michèle Binswanger lesen). Wovon wir bei Newsnetz nach Möglichkeit Abstand genommen haben, war das ausführliche Schildern von intimen Details aus dem Privatleben von Klägerin und Angeklagtem.
Felix E. Müller, Chefredaktor 'NZZ am Sonntag'
Mein Eindruck war, dass in diesem Fall die Medien wie im kaum je zuvor in Europa von den Prozessparteien instrumentalisiert wurden. Das hat teilweise bis in die Schweiz ausgestrahlt.
Martin Spieler, Chefredaktor 'SonntagsZeitung'
In dubio pro reo: Im Zweifel für den Angeklagten galt zwar für das Urteil im Kachelmann-Prozess. Jörg Kachelmann wurde aber in der breiten Öffentlichkeit schon früh vorverurteilt. Dafür verantwortlich sind nicht primär die Medien, sondern vor allem die deutschen Justizbehören. Der Grundsatz der Unschuldsvermutung wurde im konkreten Fall in Deutschland mehrfach verletzt. Einerseits wurde der verhaftete Kachelmann von den Behörden - ganz nach amerikanischem Vorbild und wie zuletzt auch IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn - bewusst den Medien präsentiert. Nur schon diese Bilder waren eine Vorverurteilung. Anderseits hat die Staatsanwaltschaft die Medien regelmässig mit für den Angeklagten unvorteilhaften Informationen bedient. Bei der SonntagsZeitung haben wir uns in der Berichtersattung bewusst vom Grundsatz der Unschuldvermutung leiten lassen. Im August 2010 hatte auch Jörg Kachelmann persönlich die Möglichkeit, in einem Exklusivinterview mit der SonntagsZeitung seine Sicht der Dinge einzubringen. Meines Erachtens müssen die Medien nicht nur die Rollen von Opfer und Angeklagten unvoreingenommen hinterfragen, sondern auch jene der Justizbehörden, die im Fall von Jörg Kachelmann keineswegs unparteiisch informierten.