«Die ersten Hochrechnungen sind da!», verkündete die NZZ am Wahlsonntag als erstes Medium bereits um 12.20 Uhr. Die Grafik zeigte einen historischen Gewinn für die SVP auf – satte sechs Prozentpunkte. Damit würde die Partei die 30-Prozent-Grenze überschreiten. Tausende Leserinnen und Leser erhielten diese Information auf ihr Smartphone gepusht.
Die ersten Hochrechnungen sind da! Die SVP gewinnt, die Grünen verlieren.
— NZZ Visuals (@nzzvisuals) October 22, 2023
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Diese zum Auftakt des Wahltags aufsehenerregenden Daten stammen von DemoSquare. Erstmals hatte die NZZ für die Wahlen 2023 zusammen mit dem auf Politdaten- und -analysen spezialisierten Unternehmen eigene Hochrechnungen publiziert. Auch andere Medien tun dies bereits. SRF arbeitet mit GFS Bern zusammen, Tamedia setzt auf Leewas als Partner.
Im Verlaufe des Wahlnachmittags korrigierte die NZZ den Gewinn der SVP dann nach unten. Das Schlussergebnis liegt bei +3 Prozentpunkten.
Noch am Sonntag erklärte sich die NZZ in einem Beitrag mit dem Titel «Warum die NZZ-Hochrechnung für den SVP-Wähleranteil so hoch ausfiel» auf der Website. «Die Prognose war methodisch korrekt, trotzdem wäre mehr Vorsicht geboten gewesen», heisst es dort. Die Resultate seien mit einer Unsicherheitsmarge von +3,3 Prozentpunkten behaftet gewesen, das Resultat liege also noch knapp innerhalb dieser Brandbreite. Einsichtig schreibt die NZZ: «Ein deutlicher Hinweis auf die Unsicherheit wäre aber sinnvoll gewesen. Die NZZ stellte diese in einer Infobox dar, die wegen technischer Schwierigkeiten nicht immer korrekt angezeigt wurde.» Und: «Auch eine vorsichtigere Einschätzung, etwa in Worten statt in präzisen Prozentwerten, hätte der Datenlage eher entsprochen.»
Qualität der Hochrechnung nicht infrage gestellt
Einen Grund, die methodische Qualität der Hochrechnung anzuzweifeln, sieht die NZZ aufgrund der Ereignisse nicht. «Auch wenn die Prognose für die SVP um 12.20 Uhr noch weit vom Resultat entfernt war, so waren die Schätzwerte für die übrigen Parteien jedoch ähnlich nahe am Schlussresultat», heisst es im Beitrag.
Der Konkurrent Tages-Anzeiger liess den Fehler durch den Politologen Michael Hermann kommentieren: «Hochrechnungen haben ein Problem, wenn der Stadt-Land-Graben grösser wird und ländliche Gegenden noch konservativer wählen als vor vier Jahren», sagt dieser in einem Interview dazu. Es sei deshalb ein Risiko, so früh am Tag Hochrechnungen zu veröffentlichen. Um wahre Erkenntnisse zu gewinnen, müsse man manchmal etwas Geduld haben im Leben.