Das schreibt die Schweizer Presse

Wahl in Deutschland - Ausnahmestellung von Angela Merkel beleuchtet.

Für die Kommentatoren der Schweizer Medien hat Angela Merkel sich in den vergangenen Jahren eine Ausnahmestellung erarbeitet. Die starke Stellung ihrer Regierung und ihre Glaubwürdigkeit bei den Wählern seien gleichzeitig aber auch die Gründe fürs schlechte Abschneiden der FDP und den Wahlerfolg der Protestpartei AfD, schreiben sie.

"Neue Zürcher Zeitung"
"Merkel hat sich in der deutschen Politik eine Ausnahmestellung erarbeitet, die selbst ihr politischer Ziehvater Helmut Kohl nicht erreichte. Denn der "ewige Kanzler" war in seiner langen Amtszeit stets angefeindet. Merkel hingegen sorgt mit ihrer Art der leisen Töne und vielen kleinen Kompromissen dafür, dass niemand ihre Dominanz als bedrohlich empfindet. Dank ihrem Understatement fallen auch die Niederlagen, von denen es in den letzten Jahren einige gab, nicht sonderlich auf. So herrscht am Ende meist der Eindruck vor, hier regiere eine Frau mit gesundem Menschenverstand und Augenmass. (...) Der präsidiale Stil, der eine grosse Koalition schon vorwegnahm, begünstigte jedoch die Entstehung einer Protestpartei. Zu einheitlich waren in der Europapolitik die im Bundestag vertretenen Positionen, um nicht den Wunsch nach einem Gegenentwurf aufkommen zu lassen, wie ihn die Alternative für Deutschland (AfD) vertritt."

"Aargauer Zeitung" / "Die Nordwestschweiz"
"Für Angela Merkel und im Hinblick auf die bevorstehende Regierungsbildung bedeutet dieses Ergebnis (...) Licht und Schatten. Licht, weil es der Kanzlerin gelungen ist, ihre grosse Popularität, die über die Parteigrenzen hinausreicht, in Stimmen für ihre Partei umzumünzen. Die Wähler haben die gute Wirtschaftslage und die niedrigen Arbeitslosenzahlen honoriert und Merkel den Satz "Dies ist die beste Regierung seit der Wiedervereinigung" abgenommen. Schatten, weil die Union ihren Juniorpartner FDP verloren hat. Obwohl nämlich die schwarz-gelbe "Ehe" in den letzten vier Jahren oft nicht harmonierte, waren die Liberalen für die Christdemokraten stets der natürliche Koalitionspartner. "

"Neue Luzerner Zeitung"
"Angela Merkel geht auf dem Höhepunkt ihrer Macht in ihre dritte Amtszeit. Sie ist es, die ihrer Partei zum besten Resultat seit fast 20 Jahren verholfen hat. Bundeskanzlerin Merkel begibt sich damit auf die Spuren eines Konrad Adenauer und eines Helmut Kohl. Ihre Gegner hatten der so beliebten Kanzlerin nichts entgegen zu halten. Das Gros der Wähler sieht vor allem dies: Deutschland geht es gut, die Arbeitslosenzahlen sind gesunken. Das Land diktiert in der Krise den Euro-Rettungsplan. Merkel hat es geschafft, positive Entwicklungen direkt mit ihrer Person zu verknüpfen."

"St. Galler Tagblatt"
"Die konservativ-liberale Koalition ist abgewählt. Die FDP ist erstmals in der Geschichte der Republik nicht mehr im Bundestag vertreten. Wie die Union haben auch die Liberalen einen reinen Bilanz-Wahlkampf geführt: "Deutschland geht es gut, so soll es bleiben." Doch wie so etwas endet, davon weiss die SPD aus ihrer ersten Koalition mit der Merkel-Union ein Lied zu singen: Der Juniorpartner hat Mühe, seinen Anteil an erfolgreicher Regierungsarbeit darzulegen. Und Angela Merkel versteht es fast immer, alle Wasser auf ihre Mühlen zu lenken. Darin gründet wohl auch die frühe Festlegung des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, einer Grossen Koalition nicht zur Verfügung zu stehen."

"Berner Zeitung"
"Die deutsche Bundeskanzlerin hat ihre vor dem Bauch parkierten Hände zum Markenzeichen gemacht, mit welchem sie das Land kollektiv beruhigt. "Kohls Mädchen" aus der Zeit nach der Wende ist mit dieser Wahl endgültig zur Übermutti der Nation geworden. "Alternativlos" pflegt sie ihre Politik zu nennen, alternativlos steht sie da. Wegen der beispiellosen Schlappe von Koalitionspartner FDP aber braucht Merkel neue Kleider, denn die Traditionsfarbe Gelb verschwindet auf Bundesebene von der Landkarte. Das ist kein Problem für sie. In Bayreuth mag sie dasselbe Festkleid mehrfach tragen, in der Politik aber steht sie durchaus auf Abwechslung."

"Tages-Anzeiger" / "Bund"
"(...) Die Mehrheit der Wähler hat ein deutliches Votum für Stabilität und Sicherheit abgegeben. Deutschland ist in den vergangenen Jahren der Eurokrise konservativer geworden. Doch das Ergebnis ist in einer gewissen Weise ungerecht und paradox: ungerecht, weil mit den (...) Parteienstärken die erwünschte Kontinuität nicht herzustellen sein wird. Denn die Wähler haben nicht die christlich-liberale Koalition für die Regierungsarbeit der vergangenen vier Jahre belohnt, sondern allein die Unionsparteien. (...) Paradox ist das Wahlresultat deshalb, weil nun eine wirklich stabile Fortsetzung der Kanzlerschaft von Angela Merkel nur mit einer neuen Koalition zu haben sein wird. (...) Merkel müsste wohl einen hohen politischen Preis bezahlen, um die SPD in die Regierung zu locken. Der einsame Sieg der Angela Merkel hat die Kanzlerin deshalb nicht gestärkt."

"Basler Zeitung"
"Angesichts der heutigen Verhältnisse in Deutschland und in Europa würde man sich wünschen, dass diese Regel (die 5-Prozent-Hürde) fiele: Vor allem die Alternative für Deutschland sollte auf jeden Fall im Parlament repräsentiert sein, weil nur diese Partei eine wachsende Europa-Skepsis selbst in Deutschland ausdrückt. Ganz gleich, wie man zum Euro steht: Es würde Merkel und der CDU guttun, eine bürgerliche, Euro-kritische Opposition ertragen zu müssen. Zu viel Konsens schadet ab und an der Heimat." (sda)

Bild: Keystone