"Das Übel liegt beim Drehbuch!"

- Top oder Flop? Er muss es wissen: Der renommierte Regisseur Rolf Lyssy beurteilt für persoenlich.com den Schweizer Tatort "Wunschdenken". Selbst landete er mit seinem Film "Die Schweizermacher" einen Grosserfolg. Über eine Million Zuschauer sahen ihn im Kino, ein Rekord, der bis heute ungebrochen ist. Was also hält Rolf Lyssy vom umstrittenen Tatort? Ist er wirklich so schlecht, wie vor allem die deutschen Medien titeln? Klartext eines Profis, im Interview:

Rolf Lyssy, wie gefällt Ihnen der Schweizer Tatort "Wunschdenken"?

Ich würde gerne etwas anderes sagen, aber er gefällt mir nicht.

Was kritisieren Sie?

Ich habe Mühe mit der Geschichte und komme ehrlich gesagt nicht überall mit. Zudem ist er langweilig.

Die Einschaltquote bei SF1 bleibt immerhin bis am Schluss des Krimis sehr hoch...

Das kann ich mir nicht erklären. Wahrscheinlich sind die Fernsehzuschauer weniger anspruchsvoll als die Leute, welche sich einen Film im Kino ansehen und dafür Eintritt zahlen.

Gibt es etwas, das Ihnen an "Wunschdenken" gefällt?

Nein, nichts. Ich finde die Musik unerträglich. Es versinkt alles im Ton, so wie wenn jemand eine Sauce über die Bilder ausschütten würde. Auch die Bilder gefallen mir nicht. Sie kommen bleich daher, sämtliche Gesichter haben einen Totenstich, das macht sie abstossend.

Überzeugt Sie wenigstens Schauspieler Stefan Gubser als Kommissar?

Er macht seine Sache recht. Ich habe das Gefühl, das Problem liegt nicht bei den Schauspielern. Das Drehbuch ist schlecht. Es hat nicht das Niveau, welches ich bei einem Fernsehfilm erwarten würde. Dort liegt der Hund begraben.

Es gibt kritische Stimmen, die finden Stefan Gubser als Kommissar langweilig, weil er zu wenig Ecken und Kanten hat. Kann er die Figur durch seine schauspielerische Leistung trotz des schlechten Drehbuchs nicht spannender darstellen?

Stefan Gubser spielt ja auch in den weiteren Folgen mit. Wenn dort die Drehbücher spannend sind, wird auch die Leistung von ihm gut sein. Dass er so harte Kritik erhält, finde ich zum Teil sehr unfair.

Sie kritisieren also vor allem die Verantwortlichen beim SF, die dieses Drehbuch abgesegnet haben?

Ja, ich staune ganz allgemein immer wieder, wie schlechte Drehbücher beim Schweizer Fernsehen durchgewinkt werden. Es kann doch nicht sein, dass die Verantwortlichen nicht strengere Massstäbe ansetzen!

Der Regisseur von "Wunschdenken", Markus Imboden, ist kein Anfänger...

Nein, gar nicht. Ich kann mir nicht erklären, wie er und der Produzent dieses Drehbuch für gut befinden konnten.

Was ist denn das A und O für ein gutes Krimi-Drehbuch?

Wie sagte Berthold Brecht so schön: "Das Einfache, das schwer zu machen ist." Es ist sehr schwierig, eine Geschichte einfach zu erzählen. Aber genau das muss ein Drehbuch können. Es muss zudem eine stringente Handlung haben. Der Zuschauer kann nicht zurück blättern. Wenn er etwas nicht versteht, hängt er ab und verliert das Interesse.

Würden Sie für SF das nächste Tatort-Drehbuch vorgängig durchsehen?

Sicher nicht. Dafür habe ich keine Zeit. Ich schreibe Drehbücher lieber zusammen mit meinem Drehbuchautor. Das macht mehr Vergnügen.

Die Kollegin von Stefan Gubser, Sofia Milos, kommt im nächsten Tatort nicht mehr vor. Ist das ein Verlust?

Sofia Milos haut mich nicht vom Stuhl. Sie ist hübsch, bleibt aber unnahbar und ist deshalb nicht interessant.

Kritisiert wird auch die Übersetzung ins Hochdeutsche. Viele finden die Sprache zu nahe am Schweizerdeutschen. Ist das unschön?

Das finde ich nicht schlimm. Wir leben hier in der Schweiz und das darf man hören. Bei meinem Film "Die Schweizermacher" war das nicht anders und er ist trotzdem auch in Deutschland erfolgreich gelaufen. Wenn Schweizer Filme so tönen, als wären sie in Köln gedreht worden, dann finde ich das total daneben.

Können Sie der Tatort-Crew einen Tipp geben für Ihre zukünftige Arbeit?

Es soll jeder seine Arbeit gut, professionell und seriös machen, so dass er dazu stehen kann. Nicht gut finde ich, wenn sich ein Regisseur - wie in diesem Fall geschehen - nach dem Dreh negativ über eine Schauspielerin auslässt. Das macht man nicht.

Interview: Christine Schnyder