Herr von Graffenried, herzliche Gratulation zum Schweizer Medienpreis. Was war eigentliche die Motivation für dieses Engagement?
Der Schweizer Medienpreis, welcher dieses Jahr erstmals verliehen wird, ist eigentlich die logische Fortsetzung des "BZ"-Preises für Lokaljournalismus, den wir 1986 bei der Gründung unseres Druckzentrums für die damals siebenjährige "BZ" am Nordring von Bern ins Leben gerufen haben. Wir haben damals die Druckereien in Langnau, Münsingen und Bern neu konzipiert. Dabei kamen wir auf die Idee, dem Schweizer Lokaljournalismus, der gegenüber den Mantelressorts Ausland, Inland, Wirtschaft etc. für Journalisten oft als Anfängerressort bezeichnet wurde, eine würdige Plattform zu geben.
Die Gretchenfrage lautet oft: Gibt es überhaupt einen effektiven Lokaljournalismus?
Natürlich gibt es das: Das wahre Leben fast jedes Menschen findet schlussendlich primär im lokalen Raum statt.
Warum ist der jetzige Preis eine Dimension grösser als der ehemalige "BZ"-Preis?
Den zwei Stifterfamilien, dem Ehepaar Reinhardt-Scherz und meiner Familie, war und ist es ein Anliegen, den Schweizer Lokaljournalismus und die Schweizer Pressefotografie weiterhin zu fördern und zu unterstützen. Deshalb gründeten wir im Jahre 2009 die Fondation Reinhardt von Graffenried. Die Stiftung wurde mit elf Millionen. Franken dotiert, geleitet wird sie vom Stiftungsratspräsidenten Guido Albisetti.
Im Gegensatz zu der früheren, von mir während 25 Jahren präsidierten BZ-Stiftung, ist unsere neue Stiftung verlagsunabhängig. Man hat mir nämlich verschiedentlich vorgeworfen, der "BZ"-Preis für Lokaljournalismus sei auch eine Marketingveranstaltung von Espace Media und der "BZ". Damit hatten meine Kritiker sicherlich nicht ganz unrecht, auch wenn wir immer auf Neutralität geachtet haben.
Bei der Gründung des "BZ"-Preises für Lokaljournalismus war die "Berner Zeitung" noch das Trägerschiff des Verlags. Später kamen Lokalradio und Lokalfernsehen dazu. Mit dem Aufkommen des Internets hat sich die Situation in der Medienwelt aber grundlegend verändert. Heute konsumiert fast jeder Schweizer tagtäglich alle vier Medien (Zeitung, Radio, Fernsehen und Internet). Das war der entscheidende Grund, um das Konzept des "BZ-Preises" neu zu überdenken.
Ich glaube, unserer hochkarätigen, 45 Personen umfassenden Jury der Fondation ist es auch dieses Jahr wieder gelungen, herausragende Arbeiten aus dem Lokalbereich aller vier Medien auszuwählen, wobei das Niveau, so liess ich mir jedenfalls sagen, noch höher war als in den vergangenen Jahren. Nur die in der Internetkategorie eingereichten Arbeiten entsprachen den vorgegebenen Kriterien nicht, sodass wir - auf Vorschlag der entsprechenden Jury - dieses Jahr auf eine Preisvergabe verzichten. Eigentlich schade, könnte doch das Internet zum wichtigsten und verbreitetsten Medium überhaupt werden.
Benutzen Sie das Internet?
Ja, nun auch mit dem iPad. Trotzdem bin ich ein Zeitungsmensch geblieben. Jeden Morgen um viertel nach sechs überfliege ich die vier im Briefkasten meines Domizils befindlichen Tageszeitungen "BZ", "Bund", "Tagi" und "NZZ".
Warum bezeichnen Sie dann das Internet als das wichtigste Medium?
Unser früheres Verlagshaus, die Espace Media Groupe, konnte sich in seiner fast 30-jährigen Geschichte neben der "Berner Zeitung" in der Folge auch an den neuen Medien, wie dem Lokalradio und dem Lokalfernsehen, beteiligen und damit von der Zeitung abgehende Werbung substituieren. Mit dem Aufkommen des Internets änderte sich die Situation grundlegend. Ich musste erkennen, dass wir in diesem Bereich von Bern aus national nicht mehr konkurrenzfähig sind, ohne immense Investitionen zu tätigen. Für mich und die Mehrheitsaktionäre, Herr und Frau Reinhardt-Scherz, war das der perfekte Moment, um die Espace Media an die Tamedia zu verkaufen.
Also war das neue Medium Online der Auslöser für den Verkauf?
Ja, so sehe ich das. Das Internet ist so gewaltig, da kann man nicht mehr in lokalen Räumen denken.
Sind Sie auf die Tamedia zugegangen?
Wer die Tamedia wählt, kennt seinen Partner. Die Zusammenarbeit lag auf der Hand, weil die "BZ" seit Längerem an der "SonntagsZeitung" der Tamedia mitbeteiligt war. Wir haben uns die Brautwahl nicht leicht gemacht und auch andere Optionen geprüft. Auch die "NZZ" ist uns nahegestanden. Man weiss ebenso, dass wir ein gemeinsames Projekt mit den AZ-Medien von Peter Wanner hatten, welches sich dann wieder zerschlug.
Eigentlich sind Sie Notar, Rechtsanwalt, Bankier, Steuerberater und Vermögensverwalter. Daneben haben Sie sich ein Leben lang mit Medien beschäftigt. Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis über den Journalismus?
(Lacht.) Wissen Sie, wer noch konservativer ist als die Berner Patrizier? Die Journalisten in ihren Redaktionen. Dies ist eine meiner verlegerischen Erkenntnisse. Sobald man eine Redaktion umgestalten oder ein Ressort umbauen oder vom Ressortsystem etwas abgehen will, gibt es Widerstand. Ich glaube aber, um den Herausforderungen der Zeit gerecht zu werden, benötigt man in der Medienbranche sehr viel Flexibilität, wie das Berner Beispiel gezeigt hat.
Welches journalistische Credo haben Sie bei der "Berner Zeitung" verfolgt?
Ich habe mich nie in die redaktionellen Belange der Zeitung eingemischt, obwohl mir sicherlich nicht alles gefiel, was geschrieben wurde. Wichtig war für mich aber immer die Ausgewogenheit. Die "BZ" deckt als einziges Blatt den ganzen Kanton mit Ausnahme der Region Biel, welche noch eine eigene Tageszeitung hat, ab. Unser Verbreitungsgebiet ist - sagen wir etwa - zu 60 Prozent bürgerlich und zu 40 Prozent links. Folglich sollten für politische Texte die Bürgerlichen etwa 50 Prozent des Platzes in der Zeitung und die Linken etwa 40 Prozent erhalten. Für die Randgruppen sollte man dann etwa 10 Prozent zur Verfügung stellen, weil diese vielfach mit ihren innovativen Ideen eine Gesellschaft nach vorne bringen.
Ihr Schwesterblatt "Tages-Anzeiger" hat eine andere Formel gewählt.
(Lacht.) Darüber äussere ich mich nicht. Der Tagi liefert eine hohe journalistische Qualität und hat eine nationale Ausstrahlung.
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