"Das war keine falsche Behauptung"

Fall Mörgeli - "Sonntag"-Journalist Christof Moser über die Recherchen.

Was der "Sonntag" schon am letzten Wochenende wusste (vgl. "Universität entlässt Professor Mörgeli"), ist bestätigt: Christoph Mörgeli ist am Freitagmorgen per sofort als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Konservator des Medizinhistorischen Museums freigestellt worden. Der Entscheid ist für den "Sonntag" eine Genugtuung. Denn das Team rund um Chefredaktor Patrik Müller wurde in den letzten Tagen unter Berufskollegen mitunter hart kritisiert, sich zu weit aus dem Fenster gelehnt oder sogar eine Zeitungsente produziert zu haben. Hat der "Sonntag" die Formulierung "fristlos entlassen" zu wenig sorgfältig interpretiert? Oder handelt es sich dabei um unnötige Detailversessenheit? Persoenlich.com hat beim federführenden Journalisten Christof Moser nachgefragt:

Herr Moser, was sagen Sie dazu, dass Christoph Mörgeli entlassen worden ist?

Mir bleibt nur die Feststellung, dass meine Recherchen eingetroffen sind. Daran habe ich allerdings auch keine Sekunde gezweifelt.

Sie haben im letzten "Sonntag" geschrieben, dass er "fristlos entlassen" wird. Wie kam es zu dieser falschen Behauptung?

Das war keine falsche Behauptung. Ursprünglich hätte Christoph Mörgeli diese Woche eine letzte Frist zur Behebung der schweren Mängel gewährt werden sollen. Weil er sich mit seinen öffentlichen Vorwürfen gegen seinen Chef unmöglich machte, wurde er jetzt per sofort und ohne weitere Frist freigestellt.

Herr Mörgeli erhält für die nächsten sechs Monate – die Kündigungsfrist – noch seinen regulären Lohn. Er wurde "per sofort" und nicht "fristlos" entlassen. Hat der "Sonntag" die stilistischen Finessen von "fristlos entlassen" nicht als juristisch relevant erachtet? Oder wie ist dieser Fehler passiert?

Es handelt sich nicht um einen Fehler, sondern um eine Formulierung, die man streng nach Obligationenrecht missverstehen konnte. Ich habe von Donnerstagnachmittag an fast rund um die Uhr recherchiert und wusste ab Freitagabend, was hinter den Kulissen läuft. Dann hat die Arbeit erst richtig begonnen. Ich musste die Informationen verifizieren und in den richtigen Kontext stellen. Die Nacht von Freitag auf Samstag habe ich mit Schreiben verbracht, bin dann am Samstag gegen Mittag auf die Redaktion, um die Recherche weiter zu verdichten und ins Zeitungslayout einzufügen. Abends um halb elf Uhr, als die Seiten in die Druckerei gingen, war ich seit 36 Stunden auf den Beinen.

Sie weichen aus. Werfen Sie sich im Nachhinein vor, bei der Interpretation von "fristlos entlassen" nicht noch bei einem Juristen nachgefragt zu haben?

Nein, das werfe ich mir nicht vor, obwohl ich kein Problem damit habe, Fehler zuzugeben. Aber Christoph Mörgeli ist seit heute per sofort freigestellt und ohne weitere Bewährungsfrist entlassen worden, eine weitere Zusammenarbeit schliesst die Universität kategorisch aus. Wer den Artikel genau gelesen hat und sich das Personalgesetz vergegenwärtigte, konnte die Formulierung nicht missverstehen.

Wer waren Ihre Informanten?

Nächste Frage.

Rektor Andreas Fischer war anlässlich der heutigen Medienkonferen sehr genervt. Er sagte: "Letzte Woche wusste noch niemand von der Entlassung. Die Aussage des "Sonntag" war falsch." Was sagen Sie zu Fischers Haltung?

Herr Fischer sagt, was er sagen will. Und ich habe geschrieben, was ich recherchiert habe.

Hatten Sie das Gefühl, Einfluss auf den Verlauf der Ereignisse zu haben? Resp. wurde seitens Uni aufgrund der enormen Resonanz in den Medien der Fall dramatischer eingeschätzt?

Nein, Herr Mörgeli hat seine Schicksal selber besiegelt, als er letzte Woche volles Kanonenrohr auf seinen Arbeitgeber geschossen hat.

Gehört es zur Charaktereigenschaft der Sonntagszeitungen Mid-Risk-Journalismus zu betreiben und sich deshalb auch einmal zu weit auf die Äste hinaus zu wagen?

Diese Recherche hat mit Mid-risk-Journalismus nichts zu tun. Wer meinen Artikel gelesen hat, erhielt einen vertieften Einblick in die Abläufe am medizinhistorischen Institut der Universität Zürich seit Amtsantritt des neuen Institutsleiters und weit darüber hinaus, bis in die 1980er-Jahre hinein, als Mörgeli seinen Job als Konservator angetreten hat. Es gab übrigens auch überhaupt keinen Grund für Mid-risk-Journalismus. Allein, dass ich wusste, dass in der ausserordentlichen Leistungsbeurteilung Professor Mörgeli "mangelnde Arbeitsleistung" vorgeworfen wird, hätte für eine gute Geschichte gereicht.

Hätten Sie im Nachhinein etwas anders gemacht?

Nein. Ich habe aber viel gelernt. Zum Beispiel, dass einige Kollegen seit letzten Sonntag ungeheure Energie darauf verwendet haben, zu hoffen, dass ich oder meine Zeitung über diese Geschichte stolpert. Das finde ich etwas traurig. Ein Kränzchen winde ich meinen Kolleginnen und Kollegen beim "Sonntag" – sie haben mir jederzeit voll und ganz vertraut. Erst dies macht guten Journalismus möglich.

Lesen Sie in diesem Zusammenhang auch das Interview mit "Tages-Anzeiger"-Journalist Iwan Städler auf www.persoenlich.com.

Interview: Edith Hollenstein