"Den Tages-Anzeiger zu führen ist der schönste journalistische Job der Schweiz“

- Peter Hartmeier wird im Laufe des nächsten Jahres den Chefredaktor-Posten beim "Tages-Anzeiger" abgeben. Im Interview mit "persoenlich.com" äussert sich der künftige Verleger der "Thurgauer Zeitung" zum Missbrauch seines medienpolitischen Energy-Statements, spricht über die Zusammenarbeit mit Tamedia-Chef Martin Kall und nimmt Stellung zur Split-Strategie, die intern aber auch von der Konkurrenz angezweifelt wird. Das Interview:

Herr Hartmeier, Sie sorgten im "Blick am Abend" und auf YouTube mit Ihrem Statement "Hallo Zürich! Ich bin Chef des Tages-Anzeigers, der Zeitung, die man lesen muss. Energy ist das Radio, das man hören muss" für Wirbel. Dieses medienpolitische Zitat ist hoffentlich nicht schuld, dass Sie beim "Tages-Anzeiger“ den Hut nehmen.

Glaube ich nicht. Dieses Zitat ist übrigens auf der Lancierungs-Party des Magazins "Who is Who" in einem völlig anderen Zusammenhang aufgenommen worden. Ich war im Glauben, dass ich für die Morgensendung des Radios und für die Berichterstattung des Anlasses interviewt werde. Eigentlich hatte ich nicht im Sinn Medienpolitik zu machen. Entsprechend haben wir gelacht, als wir über diesen Zitatemissbrauch erfuhren.

Aber Sie haben dieses Statement gemacht.

Ich habe mich einfach etwas gewundert, dass eine Zeitung dieses Zitat in dieser Art bringt und ich plötzlich einem Unterstützungskomitee angehören soll.

Wenn nicht das Zitat, was sind die Gründe, warum Sie den "Tages-Anzeigers" verlassen?

Wir haben uns entschieden, den "Tages-Anzeiger“ zu erneuern. Diese Erneuerung sollte von einer Chefredaktion durchgeführt werden, die sich wie ich in den vergangenen sechs Jahren für eine längere Zeit verpflichtet. Ich erachte Kontinuität in der Führung gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten und im Umfeld einer grossen Redaktion, als sehr wichtig. Sechs weitere Jahre als Chefredaktor konnte ich mir nicht vorstellen, obwohl den "Tages-Anzeiger" zu führen für mich der schönste journalistische Job der Schweiz darstellt. Deshalb wollte ich nach der Aufgabe des TA-Chefredaktors auch eine völlig andere Aufgabe. Der Posten des TA-Chefredaktors ist extrem zeitintensiv und beeinflusst das gesamte Leben. Den intensiven Austausch mit den Lesern empfand ich als höchst motivierend. Ich habe nach der Bekanntgabe meines Rücktritts innerhalb 24 Stunden über 800 Mails und SMS bekommen. Das ist typisch für den Tagi.

Gab es zwischen Ihnen und Herr Kall Uneinigkeiten betreffend Strategie? Ein rigoroser Sparkurs von Martin Kall gegen die Fortführung des Qualitätkurses von Peter Hartmeier? Es ist kein Geheimnis, dass auch der "Tages-Anzeiger“ die Zurückhaltung der Inserenten zu spüren bekommt.

Diesen Unterschied gibt es nicht, weil Martin Kall weit mehr repräsentiert und durchgesetzt hat als einen Sparkurs. Selbstverständlich hat ein Chefredaktor argumentativ klar und deutlich die publizistischen Interessen wahrzunehmen, aber immer innerhalb einer gemeinsam definierten Strategie. Auf der Ebene und in der Auseinandersetzung mit Martin Kall gibt es keine Doppelbödigkeiten, sondern immer nur klare Auseinandersetzungen. Das schätze ich und ist einer der Gründe, weshalb ich gerne bei Tamedia arbeite. Es ist übrigens für den "Tages-Anzeiger“ untypisch, dass ein Chefredaktionswechsel so harmonisch über die Bühne geht. Insofern kann man nicht von Uneinigkeiten sprechen. Selbstverständlich bin ich ein engagierter Vertreter von Qualitätsmedien, die sich durch Dossierkompetenz, Glaubwürdigkeit und Vielfalt der journalistischen Formen auszeichnen müssen – das erwartet man aber von einen Chefredaktor. Gleichzeitig muss ich aber anmerken, dass ich mehrere Sparrunden in den vergangen Jahren durchgesetzt habe. Das gehört auch dazu.

Am Montag machten Sie auf "Talk Täglich“ noch einen sicheren Eindruck. Wurde die Entscheidung kurzfristig gefällt?

Selbstverständlich wurde die Entscheidung nicht so schnell gefällt. Es gehört zur Fähigkeit eines erfahrenen Journalisten, persönliche Emotionen bei öffentlichen Auftritten hinten anzustellen, vor allem dann, wenn es sich um ein ganz anderes Thema handelt. Persönliche Emotionen sind in mir nur in der Redaktionskonferenz hochgekommen, als ich meine Kolleginnen und Kollegen informierte. Darüber möchte ich aber nicht sprechen.

Sie gelten als Architekt der Zürich-Split-Strategie. Wie wird diese umgesetzt? Es gibt mehrere Anzeichen, die auf eine nicht konsequente Umsetzung schliessen: Redaktionell hinken man der Konkurrenz nach und im Raum Limmattal und Winterthur ist man nicht präsent.

Die Ehre, Architekt der Regionalstrategie zu sein, gebührt nicht mir. Rolf Bollmann hat sie entworfen und die Chefredaktion hat sie durchgeführt. Als sich das Unternehmen auf die Einführung der Regionalausgaben einigte, wusste man zum Voraus, dass hier ein langer, teurer und schwieriger Weg zu beschreiten ist. Die Regionalisierung des "Tages-Anzeigers" und damit die Erhöhung des Marktanteils im Heimmarkt ist unbestritten. Die lokalen Ausgaben sind der Weg dazu. Selbstverständlich kann man jede redaktionelle Leistung noch optimieren. Wir haben noch schärfer darauf zu achten, die Nähe zu den Lesern und ihren Themen zu finden. Ihre pauschale Aussage, redaktionell würden die Splits der Konkurrenz hinter her hinken, stimmt aber nicht.

Im "Sonntag“ vom 5. Oktober war zu lesen, dass der Stadt-Zürich-Split im Zürcher Bund aufgehen würde. Ein Indiz für eine Sparmassnahme?

Nein, ich habe etwas anderes gesagt: Ich habe festgehalten, dass Themen der Stadt-Zürich-Regionalausgabe viele Leser auch ausserhalb der Stadt interessieren. Rein vom Leserinteresse her müsste man deshalb darüber nachdenken, Stadtthemen in der gesamten Auflage zu veröffentlichen. Kommerziell ist dies aber schwierig.

Die Inserateseiten in den Regionalausgaben lassen nicht den Schluss zu, dass es prima läuft.

Sie finden derzeit wohl keine einzige Zeitung auf der Welt, die von einem steigenden Anzeigenumsatz berichten könnte.

Die Regionalredaktionen seien angeblich unterbesetzt. Was sagen Sie dazu?

Selbstverständlich arbeiten unsere Regionalredaktionen meist mit weniger Kollegen und Kolleginnen als ihre Konkurrenten, aber sie sind nicht unterbesetzt. Wir werden ohnehin in den nächsten Jahren die Leistungsfähigkeit von Redaktionen erhöhen müssen. Aber unsere Ausgangsbasis ist gut: Die Redaktion des "Tages-Anzeigers" ist die grösste der Schweiz. Entsprechend diskutieren wir über die Leistungsfähigkeit und die Wertschöpfung der Redaktion.

Man wird nicht drum herum kommen, auch beim "Tages-Anzeiger" zu sparen. Wird man beim Korrespondenten-Netz den Rotstift ansetzen?

Ich möchte den Arbeitsgruppen die unter Führung des Steering-Committee, in dem Pietro Supino, Martin Mall, Rolf Bollmann und ich sitzen ,nicht vorgreifen, sondern die Ideen der Vertreter aus Redaktion und Verlag abwarten.

Wird die Redaktion mit dem gleichen Budget arbeiten?

Im Laufe des neuen Jahres wird der "Tages-Anzeiger" mit einem leicht gekürzten Budget seine Arbeit bewältigen - zumindest bis zum Neustart.

Wie weit will man die Zeitung ausdünnen?

Qualitativ wird der "Tages-Anzeiger“ nicht ausgedünnt werden. Ich bin aber der Meinung, dass die publizistische Wertschöpfung der einzelnen Seiten erhöht werden muss. Zeitungen werden heutzutage ihre Umfänge quantitativ verringern müssen, weil neben der abonnierten Tageszeitung weit mehr Medien genutzt werden, als in der Vergangenheit.

Es soll zwischen den Newsnetz- und Print-Redaktionen unterschiedliche Auffassungen darüber geben, bei welchem Medium man einzelne Geschichten zuerst publizieren soll. Sie würden angeblich einen harten Printkurs befürworten.

Ich weiss nicht was ein "harter Printkurs" sein soll. Ich weiss aber, dass sich Print- und Online-Redaktionen ergänzen müssen und sich durchaus einen kreativen Wettbewerb liefern können. Vielleicht bilden sie in Zukunft sogar eine gemeinsame Redaktion, um zu verhindern, dass eine gleiche Arbeit an mehreren Stellen gemacht wird. Unsere Onlineredaktion unter der Führung von Peter Wälty ist hervorragend gestartet. Selbstverständlich gibt es immer wieder Diskussionen und Differenzen zwischen den beiden Redaktionen. Diese befruchten jedoch die Arbeit. Zudem ist es die Pflicht der Print- und Online-Redaktionen, Differenzen auszugleichen, was nicht schwierig ist. Wir sind stolz auf den Erfolg des Newsnetz.

(Interview: Christian Lüscher)