Herr Knorr, früher gab’s bei Ihnen bei Filmen mit Kim Basinger immer einen Bonuspunkt. Jedenfalls haben Sie das auf StarTV mehrfach scherzhaft gesagt. Basinger ist nun schon älter. Für wen verteilen Sie heute Extrapunkte?
Ich verteile keine Extrapunkte. Wie Sie selbst erwähnen, habe ich das in einer StarTV-Sendung scherzhaft gesagt und auch so gemeint.
Was ich damit sagen will: Bei Ihnen wird auch, trotz aller ernsthafter Auseinandersetzung mit der Materie Film, immer klar, dass es sich um Unterhaltung handelt. Ist das Ihr Erfolgsrezept? Sind Sie deswegen auch mit 70 Jahren und mehr als 45 Jahren im Journalismus noch gefragt?
Warum ich noch gefragt bin, kann ich Ihnen beim besten Willen nicht beantworten. Das können nur die Leser beantworten. Dass der Film für mich eine Form der Unterhaltung ist, hat nichts damit zu tun, sondern mit der schlichten Tatsache, dass es im Leben wichtigere Dinge gibt. Film ist eine Nebensache, aber eine, die Riesenspass macht. Wenn man sein Hobby zum Beruf machen konnte, sollte man für dieses Privileg dankbar sein. Meine Aufgabe besteht darin, dem potentiellen Leser, der nicht die Zeit hat, sich so intensiv mit dem Medium zu beschäftigen wie ich, zu vermitteln, was sich lohnt zu sehen und was nicht. Fürs Navigieren hilft Erfahrung. Und da der potentielle Leser sicher noch andere Interessen hat, ich ihn aber zu meinem Text locken möchte, muss ich eine möglichst "süffige", also unterhaltsame Form finden, um ihn für die Lektüre einzunehmen.
Wird das Kritisieren einfacher mit den Jahren?
Erfahrung und Routine helfen, ganz klar. Aber man muss aufpassen und darf nicht in Routine verfallen. Jeder Film, oder die meisten, sind Produkte der Moden und des Zeitgeistes und müssen unter diesen Aspekten auch beurteilt werden. Das macht die Einschätzung und Berteilung nicht unbedingt einfacher.
Im kommerziellen Filmgeschäft wimmelt es von Fortsetzungen und Remakes. Hat man nach 42 Jahren nicht alles schon mindestens vier Mal gesehen?
Ach wissen Sie, Remakes wurden schon zur Stummfilmzeit produziert. Natürlich wird viel wiederholt und man kennt seine Pappenheimer. Aber vor dem Hintergrund unentwegter technischer Veränderung, machen auch die immer gleichen Storys Veränderungen durch, die sehr interessant sein können. Das Schöne am Film ist doch, dass es ein Einmachglas für Zeitströmungen ist. Das hat das Medium dem Theater voraus: In einem Film, meinetwegen aus den 50er Jahren, schwimmt eben der Zeitgeist wie die "Innereien" in einem Weckglas.
Die "Weltwoche", die Zeitung für die Sie seit 42 Jahren schreiben, hat sich unter Roger Köppel gewandelt. Und mit ihr ihre Leserschaft. Gelangen Sie noch an die Leute, die Sie erreichen wollen?
Warum denn nicht? Auch wenn es viele nicht hören wollen: Das Angenehme an Köppel ist seine Professionalität, was Ihre Frage obsolet macht. Da kommen neben den alten Lesern neue hinzu. Was Besseres kann einem doch nicht passieren.
Über welchen Film könnten Sie stundenlang diskutieren?
Du meine Güte, da gibt’s eine ganze Menge. Meine "Säulenheiligen" sind Hitchcock und Buñuel und um diese Säulen ranken sich noch eine Menge andere.
Auch schon mal rausgelaufen aus dem Kino? Oder ertragen Sie auch die langweiligsten Streifen wie "The Limits of Control" von Jim Jarmusch?
Schon oft. Da macht sich Erfahrung dann bezahlt. Bei Anspruchsfilmern wie Jarmusch allerdings harre ich aus. Da brauch ich Munition für Verrisse.
Bevor ich’s vergesse: Alles Gute zum Siebzigsten! Haben Sie sich schon ein paar DVD-Boxen für den Ruhestand bereitgestellt oder ist das gar kein Thema?
Das ist kein Thema.
Und zuletzt: Ein Geheimtipp, den Sie noch loswerden wollen?
Einen Geheimtipp los werden zu wollen, wäre keiner mehr. Also lassen wirs.
Fragen: Adrian Schräder/Bild: rüffer & rub Verlag, Zürich