Herr Wanner, neues Jahr, neues Leben, neue Funktion. Wie sind Sie ins Jahr 2026 gestartet?
Ich bin gut gestartet. Natürlich hat mich die Katastrophe in Crans-Montana stark beschäftigt – sie relativiert vieles und schärft den Blick fürs Wesentliche, beruflich wie privat.
In Ihrer Firma hat sich auch einiges verändert. Ihr Vater Peter Wanner, der das Unternehmen sehr lange prägte, ist weg und trotzdem immer noch da.
Peter ist nach wie vor Verwaltungsratspräsident und Verleger. Ich bin dankbar, dass er diese Rolle weiterhin wahrnimmt, denn er hat eine immense Erfahrung, wie nur wenige in dieser Branche. Es wäre verkehrt, diese nicht zu nutzen. Der entscheidende Unterschied ist aber: Eigentümer von CH Media sind neu meine Geschwister Anna, Florian und ich. Wir sind alle seit vielen Jahren im Unternehmen tätig – und tragen nun die volle unternehmerische Verantwortung. Das ist für uns alle ein grosser Schritt.
Wie sieht Ihre neue Funktion aus?
In meiner Funktion als CEO bin ich weiterhin für das operative Geschäft verantwortlich. Gleichzeitig bin ich neu als Miteigentümer nicht nur Manager, sondern Unternehmer.
Sie haben also Ihren Vater ausbezahlt?
Ja, im Zuge der Neuordnung hat es auch eine finanzielle Regelung gegeben.
Was gab den Ausschlag für die jetzige Entscheidung?
Das ist nicht über Nacht passiert, sondern das Ergebnis eines längeren Prozesses. Am Ende hat Peter entschieden, wann er diesen Generationenwechsel vollzieht. Nachdem ich nun bald drei Jahre als CEO agiere, fand er, dass der Moment gekommen sei, um die Veränderung vorzunehmen. Wir sind – gemeinsam mit Florian in der Unternehmensleitung und Anna im Verwaltungsrat – gut aufgestellt und haben in den letzten Jahren bewiesen, dass wir das Unternehmen auch in einer anspruchsvollen Phase führen können.
Sie haben jetzt eine stärkere Rolle innerhalb des Unternehmens. Ist dadurch auch etwas mit Ihnen passiert?
Natürlich bin ich mir der Verantwortung bewusst, aber meine Geschwister und ich haben auch vor dem Generationenwechsel stets so gehandelt, als wäre es unser Unternehmen. Insofern hoffe ich, dass ich jetzt keine Allüren entwickelt habe – zumindest ist mir noch keine aufgefallen (lacht).
Wenn es ein Patt gibt, entscheiden Sie?
Richtig, dann habe ich den Stichentscheid. Wobei es nicht mein Stil ist, dass ich immer und überall recht haben und es besser wissen muss. Wir wollen wie bisher auch als Team agieren und unsere Diskussionskultur pflegen. In einem Familienunternehmen diskutiert man die Sachen aus und argumentiert leidenschaftlich – damit aber die Firma nicht blockiert wird, muss jemand am Schluss das letzte Wort haben.
«Wichtig für uns sind insbesondere der Umgang der SRG mit Sportrechten und ihre Teilnahme bei den Replay-Ads»
2026 ist ein wichtiges Jahr. Fangen wir mit dem zentralsten Thema an, das auch CH Media betrifft, der Abstimmung zur SRG-Halbierungsinitiative. Sie haben bisher offengelassen, wie Sie stimmen werden. Wie ist Ihr jetziger Standpunkt?
Meine grundsätzliche Haltung ist unverändert. Ich bin für das duale System, allerdings im Sinne des Subsidiaritätsprinzips, wonach die öffentlich-rechtliche SRG das machen soll, was die Privaten nicht am Markt refinanzieren können. Ich setze grosse Hoffnungen in die neue SRG-Konzession, die sich nach der Vorgabe von Bundesrat Rösti ganz klar in Richtung Subsidiarität und komplementäres System ausrichten wird. Die jüngst getroffene Vereinbarung zwischen dem Verlegerverband und der SRG ist insofern nur ein Zwischenschritt und für uns als privates Medienunternehmen eine Verbesserung des Status quo.
Aber sie wurde von der Weko bereits «abgeschossen» …
Es stimmt, dass die Weko nicht überall einverstanden ist. Was aber nicht bedeutet, dass man alles über den Haufen wirft. Es gibt durchaus Elemente, die weiterhin gelten. Die Einschätzung der Weko hat aber vor allem gezeigt, dass man den Konflikt zwischen Privaten und SRG eigentlich nur über die Konzession richtig lösen kann.
Was bringt diese Vereinbarung CH Media konkret?
Wichtig für uns sind insbesondere der Umgang der SRG mit Sportrechten und ihre Teilnahme bei den Replay-Ads. Bei den Onlineaktivitäten hätten wir uns weitergehende Einschränkungen gewünscht. Nochmals: Die Vereinbarung ist ein Zwischenschritt; die entscheidenden Weichen werden mit der neuen SRG-Konzession gestellt.
Das Stimmgeheimnis ist geheim. Trotzdem haben Sie im Vorfeld die SRG immer wieder kritisiert. Was werden Sie am 8. März stimmen?
Deshalb ist es ja geheim (lacht). Nein, selbstverständlich stehe ich hinter der Vereinbarung und lehne die Initiative entsprechend ab.
«Das Lauberhorn wird im Abstimmungskampf gerne als Beispiel verwendet, trifft den Kern der Diskussion aber nicht»
Die Ausgangslage ist offen. Würde die Initiative angenommen, würde dies auch Ihre Funktion als grösster privater Mitbewerber verändern?
Sicher würden sich uns auch Chancen eröffnen, wenn die SRG weniger Mittel zur Verfügung hätte. Ich glaube trotzdem, dass es erfolgversprechender ist, der SRG über eine neue Konzession klare Schranken zu setzen und gleichzeitig das Geld im Schweizer Journalismus zu behalten.
Wären die Privaten im Stande, das berühmte Lauberhorn-Rennen zu machen?
Das Lauberhorn wird im Abstimmungskampf gerne als Beispiel verwendet, trifft den Kern der Diskussion aber nicht. Das Rennen ist bei der SRG gut aufgehoben. Es geht um die Abgrenzung der SRG-Kernaufgaben – nicht um einzelne Grossanlässe.
Schauen wir aufs Geschäft. Wie geht es CH Media im Januar 2026?
CH Media geht es gut! Trotz anspruchsvollem Umfeld ist es uns gelungen, im vergangenen Geschäftsjahr wieder ein EBIT in zweistelliger Millionenhöhe zu schreiben. Der finanzielle Turnaround ist geglückt, und die Vorzeichen für 2026 sind gut. Was mich aktuell besonders freut: In der zweiten Jahreshälfte 2025 konnten wir erstmalig den Gesamtbestand unserer Abos für Print, E-Paper und Online stabil halten. Das stimmt mich zuversichtlich.
«Im Unterschied zu unseren Mitbewerbern verdienen wir unser Geld hauptsächlich mit dem klassischen Mediengeschäft»
Auf der Welt herrscht eine grosse wirtschaftliche, aber auch politische Unsicherheit. Schlägt sich das nicht im Geschäft nieder?
Natürlich ist unser Werbegeschäft konjunkturellen Schwankungen ausgesetzt. Das haben wir beispielsweise im Frühling 2025 während der ganzen Zolldiskussion gespürt, als viele Werbetreibende aufgrund der unsicheren Situation Budgets zurückgehalten haben. Aktuell läuft es aber trotz turbulenter Geopolitik ganz ordentlich.
Im Gegensatz zu Ringier oder der TX Group sind Sie bei den Marktplätzen nicht so stark vertreten.
Das stimmt: Im Unterschied zu unseren Mitbewerbern verdienen wir unser Geld hauptsächlich mit dem klassischen Mediengeschäft. Und das soll auch so bleiben. Unsere neue Strategie fokussiert darauf, die vorhandenen starken Marktpositionen weiter auszubauen. Statt uns ins nächste Abenteuer zu stürzen und neue Geschäftsfelder dazuzukaufen, wollen wir Bestehendes stärken und unser Potenzial noch besser ausschöpfen. Wir wollen die Besten sein in unserem Kerngeschäft, bei den Abos genauso wie im Werbemarkt. Es ist ein Bekenntnis zu Journalismus und Unterhaltung, zu unserer DNA.
Was gibt es konkret Neues?
Wir arbeiten derzeit an mehreren Projekten. Im Digitalbereich werden wir ein neues Angebot lancieren, und für den Streamingdienst oneplus sind neue Partnerschaften in der Pipeline. Ausserdem haben wir eine namhafte Investition in den Zeitungsdruck in Aarau getätigt, wo wir ebenso eine marktführende Position anstreben.
Das ist antizyklisch …
Beim Zeitungsdruck sind wir schon länger antizyklisch unterwegs und profitieren heute von Investitionsentscheidungen aus der Vergangenheit. Dass jetzt Kapazität aus dem Markt geht, eröffnet zusätzlich Chancen. Aktuell gewinnen wir viele Aufträge, und ich bin überzeugt, dass uns das Druckgeschäft noch lange Freude bereiten wird.
«Ein radikales Sparprogramm ist nicht geplant, aber Effizienz wird weiterhin Teil unserer Strategie bleiben»
Radio, Fernsehen, was ist da geplant?
Zum einen wollen wir unseren Streaming-dienst oneplus weiter ausbauen. Zum anderen wollen wir im regionalen Radio- und TV-Bereich das weiterentwickeln, was uns im Publishing bereits erfolgreich gelingt: Dienstleistungen auch für Dritte, insbesondere kleinere Mitbewerber, anzubieten. Mit unserer starken Zeitungredaktion sind wir heute bereits der grösste Anbieter von Mantelinhalten und pflegen unter anderem eine enge Zusammenarbeit mit unseren Partnern bei der «Schweiz am Wochenende». Dieses Modell wollen wir schrittweise auch im Radio und im regionalen TV ausbauen.
Kommt es dieses Jahr zu einem Stellenabbau?
Ein radikales Sparprogramm ist nicht geplant, aber Effizienz wird weiterhin Teil unserer Strategie bleiben. Dass der finanzielle Turnaround gelungen ist, ist mitunter auch das Ergebnis von Sparanstrengungen.
Sie haben nach Ihrem Start einschneidende Sparmassnahmen kommuniziert.
Als ich gestartet bin, war unsere finanzielle Situation nicht gesund. Es waren harte und schnelle Entscheidungen notwendig.
Ein grosses Thema ist die künstliche Intelligenz. Welchen Stellenwert nimmt diese heute bei Ihnen ein?
Einen grossen. Wir arbeiten bereits heute in unterschiedlichen Bereichen mit künstlicher Intelligenz. Im Korrektorat beispielsweise, bei der Untertitelung im TV, aber auch bei der Zeitungsseitenproduktion gibt es ein Projekt, durch das wir mit KI noch effizienter werden wollen. Ein Grossteil der KI-Innovation kommt bei uns über Systemanbieter, zum Beispiel bei der Paywall oder beim Redaktionssystem.
«Es braucht auch in der KI-Welt eine Form von Investitionsschutz für journalistische Inhalte»
Wie ist KI bei CH Media organisiert? Gibt es eine KI-Abteilung?
Nein, es beschäftigen sich alle Bereiche damit, und grundsätzlich gilt, dass jede KI-Anwendung auf einem Business-Case basieren und einen nachvollziehbaren Mehrwert liefern muss. Wir haben aber ein Setup geschaffen, in dem wir alle KI-Aktivitäten innerhalb des Unternehmens koordinieren.
Das tönt positiv. Gleichzeitig gefährdet KI das Geschäftsmodell.
Dass man unsere Inhalte auf Knopfdruck leicht verändern und sie damit vermeintlich urheberrechtskonform kopieren kann, ist ein Problem für die ganze Industrie. Es braucht auch in der KI-Welt eine Form von Investitionsschutz für journalistische Inhalte, sonst produziert irgendwann niemand mehr den «Rohstoff» Journalismus – und das ist letztlich auch nicht im Interesse der KI-Unternehmen. Etwas unschön ist, dass auch zwischen den Verlagen viel kopiert wird mit Hilfe von KI …
Wenn wir nochmals zurückschauen auf Ihre Jugend: War es eigentlich immer klar, dass Sie diese Funktion einmal übernehmen würden?
Nein, klar war es nicht. Aber es gab eine Erwartungshaltung von meinem Vater, dass ich als ältester Sohn einsteige und Verantwortung übernehme. Ich bin froh, konnte ich dann meinen eigenen Weg gehen. Als ich nach dem Studium beim deutschen Verlag Gruner + Jahr in Hamburg meine eigenen Erfahrungen sammeln konnte und gleichzeitig als Verwaltungsrat von AZ Medien im Familienunternehmen strategisch mitreden durfte, wurde mir klar, welche tolle Möglichkeit ich da eigentlich habe.
Es ist jetzt bereits die fünfte Generation …
Es ist die fünfte Generation, aber in gewisser Weise auch die zweite. Als Peter übernahm, war das Unternehmen noch relativ klein und bestand nur aus dem Badener Tagblatt. Er hat die Firma zur heutigen Grösse aufgebaut. Deshalb fühlt es sich für mich an, als wären wir erst in der zweiten Generation. Die hat, glaube ich, auch einen besseren Ruf als die fünfte … (lacht).
Das ausführliche Interview mit Michael Wanner ist in der persönlich-Printausgabe vom Januar/Februar erschienen.