"Der ganze Sport ist verseucht von dem, was wir als Korruption verstehen!"

- Der internationale Fussballverband Fifa ist wegen der Bestechungsvorwürfe gegen einzelne Funktionäre ins Schussfeld der Kritik geraten. Für den langjährigen Fifa-Mitarbeiter und Sportexperten Guido Tognoni keine Überraschung. Gegenüber "persoenlich.com" erklärt er warum. Das Interview:

Herr Tognoni, Sie haben lange bei der Fifa gearbeitet. Wie realistisch betrachten Sie die Bestechungsvorwürfe, welche gegen die beiden Funktionäre erhoben werden?

Die Vorwürfe sind sicher realistisch. Derartige Vorgänge sind üblich, allerdings nicht nur in der Fifa. Und sie betreffen nicht nur einige Leute, die wir politisch unkorrekt als Exoten bezeichnen möchten, wie etwa unsere Sportfreunde aus Nigeria und Tahiti, sondern auch Europäer und Schweizer. Die Namen stehen auch in der Zeitung, aber ein paar Tage später ist alles überstanden. Die Welt vergisst schnell. Der Sport ist völlig verseucht von dem, was wir gemeinhin als Korruption verstehen, und zwar von oben bis unten. Wenn man den Sport als Spiegelbild der Gesellschaft verstehen will, sieht es schlecht aus um die Gesellschaft. Es wird mit allen Mitteln Geld gerafft, dass die Balken krachen, im Sport, bei den Banken, anderswo auch. Beim Sport ist jeweils nur die momentane Aufregung etwas grösser, weil mehr Leute, vom Journalisten bis zum zahlenden Fussballfan, nachvollziehen können, was passiert.

Kann man solche Bestechungen überhaupt vermeiden?

Es ist fast aussichtslos, aber man sollte es wenigstens versuchen. Ladendiebstähle werden auch bekämpft, obwohl sie nicht zu verhindern sind. Entsprechende Anstrengungen im Sport sind aber nicht sichtbar. Im Sport ist es besonders leicht, sich zu bereichern, da die Kontrolle weitgehend fehlt. Wir haben zwei Problemkreise: erstens ist das Unrechtsbewusstsein der Beteiligten sehr schwach ausgebildet ist, falls überhaupt vorhanden, zweitens sehen wir auch in einem Land wie die Schweiz, die eine sehr gute Rechtsordnung hat, dass niemand weiss, wie man die Korruption wirksam bekämpfen kann. Wenn beispielsweise von 100 Insidervergehen, auch eine Form von Korruption, eines zu einer Verurteilung führt, ist das ja bereits grossartig. Verdächtig sind jene Organisationen, die aus den eigenen Reihen sogenannte Ethik-Kommissionen bilden, um die Problemfälle intern zu lösen. Das ist ein geradezu zynisches Vorgehen oder ein Lachschlager, je nach Optik. Bei Leuten, die ständig von Fairplay und Ethik reden, muss man besonders vorsichtig sein. Wie bei vielen Predigern gelten solche Grundsätze vor allem für die anderen.

Gab es die Korruption im Sport schon früher?

Die Antwort ist ja. Warum hätte der Sport früher anders funktionieren sollen als heute? Früher bedeutet allerdings nicht die Zeiten vor dem Krieg, sondern es begann vor etwa 40 Jahren. Seitdem der Sport immer mehr professionalisiert worden ist und einen wichtigen Teil der Unterhaltungsindustrie bildet, sind aber die Dimensionen in jüngster Zeit sowohl viel grösser als auch in der Anwendung viel subtiler geworden. Da gibt es viele Möglichkeiten, offensichtliche Korruption zu tarnen. Nur Dummköpfe lassen sich noch von verkappten Journalisten ertappen. Die Frage ist einzig: wer regt sich noch darüber auf? Man muss kein Albert Einstein sein, um Sportfunktionär zu werden, und dennoch sind sehr viele Sportfunktionäre charakterlich und fachlich ihrer Aufgabe nicht gewachsen, sie haben, gemessen an ihren Fähigkeiten, oftmals eine zu viel zu grosse Bedeutung. In den meisten Gegenden der Welt ist zudem Korruption so normal wie bei uns das fliessende Wasser. Wenn sich Sepp Blatter gegen die Korruption ernsthaft und grossflächig wehren wollte, wäre er nicht mehr lange Fifa-Präsident.

Was bedeutet die ganze Diskussion für die Fifa und deren Präsident Sepp Blatter?

Falls die Fifa und ihr Präsident noch einen Ruf zu verteidigen haben, ist die aktuelle Diskussion sicher nicht sehr vorteilhaft. Es sieht schlecht aus, wenn ein Monopol-Unternehmen, was die Fifa letztlich ist, ständig von sozialer Verantwortung redet, sich juristisch in den Mantel der Gemeinnützigkeit verkleiden darf und deshalb viele Privilegien geniesst, bei ihren Milliardengeschäften jedoch regelmässig von Korruptionsvorwürfen begleitet wird. Aber Sepp Blatter wird dennoch wieder gewählt. Er weiss, weshalb er immer von der Fifa-Familie redet. Auf diese Familie kann man sich verlassen. Die Frage ist vielmehr, was es hilft, einige korrupte Fussballer in Mazedonien zu suspendieren, so lange im Exekutivkomitee, also an oberster Stelle eines Weltverbandes, so schlechte Vorbilder sitzen, wie dies seit Jahren der Fall ist.

Wird die ganze Diskussion das ganze Prozedere für die Vergabe von Weltmeisterschaften verändern?

Man sollte das aufgeblasene Prozedere redimensionieren. Weshalb müssen Engländer, Japaner oder Amerikaner der Fifa lang und breit erklären, dass sie in der Lage sind, zehn taugliche Stadien bereit zu stellen und dass es genug Hotelzimmer geben wird? Da werden Banalitäten zu staatstragenden Aktionen hinauf stilisiert. Aber nicht die Prozedur ist das Problem. Man sollte nicht immer als Erstes das System für die Verfehlungen von Beteiligten verantwortlich machen. In keinem System werden Sportfunktionäre gezwungen, Bestechungsgeld anzunehmen. Es liegt nicht am Prozedere, sondern es liegt an den Beteiligten. Spitzenfunktionäre der Fifa sind vor nicht langer Zeit in Zug per Gerichtsurteil der jahrelangen fortgesetzten Korruption in Millionenhöhe überführt worden. Was hat sich verändert? Gar nichts. Die Fifa hat gegenüber der Justiz einige Millionen springen lassen, damit die Namen nicht bekannt werden, und die Herren sind weiterhin in ihren Positionen. Und die wunderbare Ethik-Kommission urteilt nur über Leute, die einfältig genug waren, sich auf offener Strecke ertappen zu lassen. Nun will die Fifa gleich zwei Weltmeisterschaften auf einmal vergeben, jene von 2018 und 2022. Das heisst, das Problem der verdeckten Zuwendungen spitzt sich in den kommenden Wochen zu, dafür wird es danach zumindest in dieser Frage etwas länger ruhig bleiben.

Zu Ihrer Person: Was machen Sie momentan?

Ich vermittle Rohstoffe und bin in verschiedenen Ländern als Berater tätig, für Sport und für industrielle Projekte, was sich teilweise kombinieren lässt. Es gibt immer noch einige Regionen dieser Welt, bei denen sich Sport und Wirtschaft zum Aufbau von Projekten neu verbinden lassen. Länder wie die früheren asiatischen Sowjetrepubliken möchten in dieser Hinsicht aufholen. Sport und Wirtschaft sind auch dort eine gute Verbindung, um im Marketing erfolgreiche kommerzielle Partnerschaften einzugehen.

Interview: Matthias Ackeret