"Der Papst kann einem fast leid tun"

- Sturm auf die "Titanic": Kürzlich hat das deutsche Satiremagazin nach Jahren wieder mal die grosse Öffentlichkeit erreicht. Das Cover der Juli-Ausgabe zeigte Papst Benedikt XVI. mit gelblich eingenässter Kutte. Titel: "Die undichte Stelle ist gefunden." "persoenlich.com" sprach mit Chefredaktor Leo Fischer über den Fall - kurz bevor die katholische Kirche am Donnerstag die einstweilige Verfügung zurückzog. Zum Interview:

Herr Fischer, haben Sie schlaflose Nächte wegen Benedikt XVI.?

Durchaus. Ich versuche, das viele Geld, über das "Titanic" seit der Klage des Papstes verfügen kann, möglichst rasch durchzubringen, lasse dafür nächtelang Champagner fliessen. Man weiss ja nie, wie lange so ein Geldregen anhält.

Kürzlich hat Ihre Zeitschrift "Titanic" endlich mal wieder das erreicht, was sie eigentlich ständig gerne erreichen würde: Sie wurde thematisiert (persoenlich.com berichtete). Das Cover der Juli-Ausgabe zeigte Papst Benedikt XVI. mit gelblich eingenässter Kutte im mittleren Körperbereich. Titel: "Die undichte Stelle ist gefunden." – Was ist dem Hirten der katholischen Glaubensgemeinschaft widerfahren?

Wie schon in den Medien dargelegt, haben wir dem Papst auf diese Weise zum Ende der Vatileaks-Affäre gratulieren wollen. Dass ihm da im Freudenrausch ein wenig Fanta über die Soutane geflossen ist, sollte ihn in unseren Augen nur menschlicher machen. Wir haben das immer wieder erklärt, aber Benedikt scheint wohl etwas starrsinnig zu sein.

Kurze Zeit nach der Veröffentlichung hat der Vatikan den Verkauf mit einer einstweiligen Verfügung gestoppt. Was ist der aktuelle Stand im Rechtsfall Vatikan vs. "Titanic"?

Wir sind am Freitagmittag vor das Landgericht Hamburg geladen und hoffen, dass dort unserem Widerspruch stattgegeben wird. Ansonsten müssen wir den Weg durch die Instanzen gehen. Ein Weg, der uns leichtfällt - mit den erhöhten Verkäufen können wir die Rechtskosten spielend bewältigen. Benedikt hat uns den Prozess sozusagen vorfinanziert.

Was ist der Worst Case? Geht "Titanic" am Papst zugrunde?

Wirtschaftlich auf keinen Fall. Ich befürchte viel eher, dass wir inhaltlich zu sehr auf den Katholizismus festgelegt werden. Dabei kommen bei uns doch alle Religionen gleichermassen zu Wort.

Wie weit kann man da eigentlich gehen? Haben Sie einen Rechtsanwalt zur Seite, der sich die Sachen vorher anschaut?

Unsere Justitiarin Gabriele Rittig berät das Heft seit der Gründung vor 33 Jahren. Sie hat zahlreiche Grundsatzurteile zur Satire- und Meinungsfreiheit in Deutschland erstritten und sieht sich das Heft vor jeder Ausgabe an. Der Papst hingegen hat nur den Anwalt von Christian Wulff bekommen. Er kann einem fast leid tun.

Wer im Heft nach einer Story zu Benedikts Fanta-Malheur sucht, blättert vergeblich. Wieso gibt es bei der "Titanic" eigentlich nie eine Titelgeschichte?

Das wäre viel zu einfach. Andere Magazine haben es vielleicht nötig, ihre Inhalte auf dem Titel zu doppeln. Wir hingegen haben dafür viel zu viel Inhalt.

Beim Stichwort "Titanic" denke ich an den Typen, der bei "Wetten, dass..?" geschummelt hat und an das Cover mit Altkanzler Helmut Kohl ("Wiedervereinigung ungültig: Kohl war gedopt"). Leider an nichts Inhaltliches aus Ihrem Heft. Fehlen Ihnen Leute, die wirkliche Satire betreiben können?

Für Ihre Bildungslücken kann ich natürlich nichts. Aber an guten Satirikern bin ich gar nicht sonderlich interessiert. Die Verkommenen, Verschrobenen und Entrückten sind mir viel lieber.

Kann man mit einem guten Text keine Aufmerksamkeit erreichen? Muss es Fäkalhumor sein?

"Titanic" ist ja eigentlich eine Literaturzeitschrift; namhafte Autoren schreiben für uns. Aber wenn wir die hohe Kunst nur über dreckige Scherze an den Mann bringen können, dann muss das eben so sein.

Würden Sie eine Daten-CD aus der Schweiz kaufen?

Sehr gerne - wenn sie die Wählerliste der SVP enthält. Immer, wenn ich Schweizer frage, will die keiner gewählt haben.

Wie läuft eigentlich das Geschäft in der Schweiz? Sind die Schweizer empfänglich für solche konfessionsübergreifenden, derben Scherze?

Tatsächlich ist "Titanic" die führende Schweizer Satirezeitschrift. Wenn ich meine Verwandten in Zürich besuche, sehe ich dort mehr Kioske mit unserem Heft als in Deutschland. Oft veranstalten wir auch Aktionen nur für unser Schweizer Publikum. Z.B. setzten wir uns vor einiger Zeit für ein Verbot des "Züridüütsch" ein.

Ihre Zeitschrift kann man auch online beziehen. Für 3 Euro sind die Ausgaben in PDF-Form erhältlich. Ein denkbar einfaches System. Wie läuft der Online-Verkauf?

Im Gegensatz zu "Welt" und "Spiegel", die sich da bedeckt halten, habe ich keine Probleme, es offen zu sagen: Miserabel läuft es! Wir kommen auf knapp tausend Bestellungen jeden Monat, das ist noch keine relevante Grössenordnung. Aber da die Herstellung mit keinerlei Kosten verbunden ist, ist es letztlich auch egal. Ich persönlich glaube ja, dass sich dieses Internet auf Dauer eh nicht durchsetzen wird.

Interview: Adrian Schräder, Bilder: Felix Linde