Der TV-Moderator wird 60

Hermes Phettberg - "Ich bin nicht mehr der, der ich einmal war."

Von Hermes Phettberg, dem einstigen Koloss und medienwirksamen "Extremerotiker", ist wenig übrig geblieben. Mehrere Schlaganfälle haben sein Sprechvermögen stark beeinträchtigt, er hat rund 100 Kilo abgenommen und ist nur noch um die 70 Kilogramm schwer. Viermal pro Woche wird er von einer Pflegerin betreut, diese habe sein "Leben gerettet", sagt Phettberg, der am Freitag 60 Jahre alt wird, zu Beginn des Gesprächs in seiner Wohnung in Wien-Mariahilf. Es gehe ihm "elend", so elend, "dass ich nicht mehr an Gotty glauben kann". Gotty ist Gott, seine Helfer nennt er "Nothelfys".

Neben Büchern füllen vor allem Radiosendungen seinen Alltag: "Ich lebe nur von Ö1", sagt Phettberg. Immer wieder muss er sich zurücklehnen, um weitersprechen zu können. Wer sein Internet-Tagebuch, die "Gestionen" kennt, weiss, dass der Schein trügt: Hermes Phettberg denkt klar, kritisch, zynisch. Bloss die Artikulation macht nicht immer mit. "Mir entgeht nichts", schmunzelt er in Hinblick auf seinen Radio-Konsum. Doch ausgerechnet das Fernsehen, das ihm als Moderator der Talkshow "Phettbergs Nette Leit Show" in den 1990er Jahren auch internationalen Ruhm eigetragen hat, bleibt ihm verwehrt. Nach seinen Schlaganfällen kommt er nicht mehr mit den beiden Fernbedienungen zurecht. "Es ist einfach zu kompliziert für mich, den Fernseher einzuschalten. Aber ich will es auch nicht."

Hermes Phettberg wurde am 5. Oktober 1952 im niederösterreichischen Hollabrunn geboren. Der Sohn von Weinbauern arbeitete zunächst als Bankangestellter, bevor er nach einer theologischen Fortbildung Pastoralassistent in der Erzdiözese Wien wurde. Mitte der 80er-Jahre war er Mitbegründer des Vereins "Libertine Sadomasochismusinitiative Wien" und des Projekts "Polymorph Perverse Klinik Wien". Öffentlich bekannt wurde er in Österreich mit sadomasochistischen Kunstaktionen. In der Theatergruppe "Sparverein Die Unz-Ertrennlichen" rund um Kurt Palm spielte er ab Anfang der 1990er Jahre verschiedene Rollen, seit 1992 schreibt Phettberg für das Wiener Stadtmagazin "Falter" die wöchentliche Kolumne "Phettbergs Predigtdienst".

In seiner Talkshow "Phettbergs Nette Leit Show" begrüsste er ab 1994 Prominente wie den Maler Hermann Nitsch oder den Kabarettisten Josef Hader. Gemeinsam mit Kurt Palm gab er 1996 das Buch "Frucade oder Eierlikör" mit Interviews aus der Show heraus. 2003 und 2004 strahlte ATV die Sendung "Beichtphater Phettberg" aus. Als jährlicher Fixpunkt gilt nach wie vor sein jährlicher Auftritt auf der Regenbogenparade auf dem Wiener Ring. Dass die konservative österreichische Regierungspartei ÖVP dagegen ist, dass Schwule und Lesben Kinder adoptieren dürfen, sei ein Wahnsinn, sagt Phettberg: "Nur ein Kind macht die Vaterschaft perfekt."

Er selbst bereut es nicht, keine Kinder zu haben: "Ich bin dafür auch zu dumm gewesen. Gotty hat schon Recht gehabt. Ein Kind hätte es in meinem Leben nicht leicht gehabt", erklärt Phettberg selbstkritisch, aber wehmütig. Im Laufe des Gesprächs verbessert sich Phettbergs Gemütszustand von "elend" auf "voller Glück": "Ich lebe von der Sozialhilfe. Mein grösster Wunsch ist es, mir jeden Tag einen Kaffee und ein Butterbrot mit Schnittlauch im traditionsreichen Café Jelinek leisten zu können. Das reicht mir." Aber auch beim Essen stösst Phettberg nunmehr an seine Grenzen. Am Montag wird ihm sein letzter Backenzahn gezogen. Er sieht zu seiner Pflegerin auf: "Ich bin nicht mehr der, der ich einmal war." (sda/dpa)