Herr Wigdorovits*, werden Sie am Dienstag zu einer Verteilbox gehen, um sich ein letztes gedrucktes 20 Minuten zu sichern?
Wenn ich in der Schweiz wäre, würde ich das sicher machen, aber das bin ich nicht.
Nach über 25 Jahren erscheint 20 Minuten künftig nur noch digital (persoenlich.com berichtete). Was löst das bei Ihnen aus?
Emotional gesehen bedaure ich dies. Rational betrachtet kann ich es nachvollziehen. Die Entwicklung bei den Medien geht schon lange in Richtung digital. Vermutlich hätte man bei besserem Wirtschaften die Printausgabe noch länger beibehalten können. Aber irgendwann wäre die vollständige Digitalisierung des Titels sicher gekommen.
Wie stark war die Coronapandemie mitverantwortlich für die heutige Entwicklung?
Die Coronapandemie hat in vielerlei Hinsicht den Trend zu Online beschleunigt. Nicht nur bei den Medien, auch im Geschäftsalltag.
Wie haben Sie die letzten Jahre 20 Minuten gelesen – immer noch auf Papier oder auf dem Smartphone wie viele andere?
Da ich mittlerweile einen Grossteil meiner Zeit in Italien zubringe, lese ich 20 Minuten eigentlich nur noch online.
Sie waren bei der Gründung von 20 Minuten mit dabei. Was war Ihrer Meinung nach der wichtigste Impuls, der diese Gratiszeitung von Anfang an erfolgreich gemacht hat?
Erstens, dass sie vor allem bei den ganz jungen Lesern, die sonst keine Zeitung in die Hand nahmen, eine Marktlücke abdeckte. Zweitens, dass sie an den Tramstationen und vor den S-Bahnhöfen mit handverlesenen Kolporteuren an die Leute herangetragen wurde. Drittens, dass wir ein supermotiviertes Team mit Rolf Bollmann als kommerziell Verantwortlichem und Urs Weber als Chefredaktor hatten.
Welche Herausforderungen gab es bei der Einführung des neuen Gratiszeitungs-Konzepts in der Schweiz?
Zunächst musste ich für den Initianten, das norwegische Medienunternehmen Schibsted, einen Schweizer Partner finden. Die hiesigen Medienverlage winkten alle ab, aber der Investor Ernst Müller-Möhl sah sofort das Potenzial von 20 Minuten und machte mit. Ohne ihn hätte es 20 Minuten in der Schweiz nie gegeben. Leider verunglückte er schon wenige Monate nach der Lancierung tödlich. Dann mussten wir das Vertriebsproblem lösen, weil nur die Verkehrsbetriebe Stadt Zürich VBZ zu einer Kooperation bereit waren und die SBB uns zunächst den Zugang zu den Bahnhöfen verweigerten. Im Nachhinein erwies sich dies als Glücksfall. Denn so kamen wir auf die Idee, die S-Bahnhöfe mit 200 Kolporteuren zu umzingeln. Damit hatten wir ein perfektes «Push»-Marketing anstelle eines «Pull»-Verfahrens, wie es Zeitungsboxen sind.
Welche weiteren Herausforderungen gab es sonst noch?
Wir mussten auch noch einen guten Drucker suchen, weil die Schweizer Medienhäuser glaubten, wenn sie uns nicht drucken würden, dann könnten sie damit den Markteintritt verhindern. Auch dies entpuppte sich als absoluter Glücksfall. Denn in Schwarzach, jenseits der Grenze zu Österreich, wurden wir beim Vorarlberger Medienhaus, der heutigen Russmedia, fündig. Und dort hatten sie ein Druckverfahren, das moderner war als alle in der Schweiz. Zudem waren sie günstiger als die hiesigen Drucker, und die Männer an den Druckmaschinen waren so unglaublich motiviert und engagiert für unsere Zeitung, wie ich es nie vorher und auch nie mehr nachher gesehen habe. Übrigens, der erste Journalist, der uns damals ernst nahm und deshalb für eine Reportage mit mir in die Druckerei in Schwarzach mitkam, war ein Videojournalist von TeleZüri. Er hiess Matthias Ackeret (lacht).
«Am ersten Tag hatten wir die Verteilung im morgendlichen Berufs- und Schülerverkehr verpasst»
Wie sahen die Reaktionen von Leserinnen und Lesern in den ersten Wochen aus – gab es Überraschungen?
Am ersten Tag hatten wir – wegen eines idiotischen «Last-Minute-Fehlers» von mir – die Verteilung im morgendlichen Berufs- und Schülerverkehr verpasst. Um vier Uhr nachmittags war trotzdem das letzte unserer damals 60'000 Exemplare verteilt. Wenige Tage später erlebten wir dasselbe mit einer Auflage von 100'000 und dann nochmals ein paar Tage später mit 150'000 Exemplaren. Das sagt, glaube ich, alles.
Wie qualitätsbewusst war das Team damals, auch wenn das Produkt sehr schnell produziert und verteilt wurde?
Wir setzten uns die genau gleichen journalistischen Standards wie jede herkömmliche Zeitung. Alles andere hätten der damalige Chefredaktor Urs Weber, der ein absoluter Profi war, und ich auch gar nicht akzeptiert. Aber natürlich hatten wir nicht die gleichen Möglichkeiten wie die grossen Titel. Am Anfang hatten wir beispielsweise aus Kostengründen kein Korrektorat. Deshalb hatten wir immer wieder Fehler in unseren Texten. Das war uns natürlich peinlich. Aber dann hatten wir Rückmeldungen von unseren jungen Lesern, die uns schrieben: «So cool, ihr macht die gleichen Fehler wie wir.» Wir haben also durch unsere Fehler Leserbindung geschaffen. Allerdings unbeabsichtigt.
Welchen Stellenwert hatte die räumliche Präsenz von 20 Minuten im öffentlichen Raum damals für den Erfolg?
Sie war zusammen mit der Ausgestaltung des Produkts matchentscheidend. Convenience ist heute alles. Und mehr Convenience, als dass man ein Produkt auf dem Weg in die Schule oder zur Arbeit gratis in die Hand gedrückt bekommt – und zwar vor allen S-Bahnhöfen der Region Zürich und auf allen Tramhaltestellen – das geht nicht.
«Die meisten alteingesessenen Journalisten rümpften über uns die Nase»
Rückblickend: Was glauben Sie, hat die Redaktionskultur bei 20 Minuten in den Anfangsjahren besonders ausgezeichnet?
Das war sicher einmal die Professionalität des Redaktionsleitungsteams – zuerst mit Urs Weber, der leider schon bald verstarb, dann mit Rico Brazerol und schliesslich mit Markus Eisenhut an der Spitze. Und dann war es – nicht bloss in der Redaktion, auch im Verlag – der unbedingte Wille, es allen zeigen zu wollen. Denn die anderen Verleger lehnten uns natürlich ab, die meisten alteingesessenen Journalisten rümpften über uns die Nase und der Werbemarkt sah uns als Totgeburt. Ausser uns selbst glaubten nur noch unsere Leser an uns. Und die waren wichtiger als alle anderen zusammen.
Gibt es eine Anekdote oder eine besondere Erinnerung aus der Gründungszeit, die Ihnen bis heute im Kopf geblieben ist?
Als wir 20 Minuten lancierten, hatten wir auf der Rückseite das Wetter platziert – weil wir damals ja noch keine Anzeigen hatten. Eines Tages kam meine Partnerin Ingrid Deltenre lachend nach Hause und sagte mir: «Du, ich bin eben im Tram zwei Buben gegenübergesessen, die waren höchstens acht Jahre alt und studierten sehr ernsthaft minutenlang eure Wetterseite. Bis dann der eine den anderen fragte: ‹Weisst du, wo Norden ist?›» Ich fand das einerseits natürlich köstlich, andererseits machte es mich stolz. Denn es zeigte mir, dass wir auch die Jüngsten zu Zeitungskonsumenten gemacht hatten – etwas, was in der Schweiz zuvor niemand geschafft hatte.
Heute heisst es oft, Gratiszeitungen hätten massgeblich dazu beigetragen, dass die Zahlungsbereitschaft für News gesunken ist. Wie begegnen Sie dieser Kritik?
Information kostenlos beziehen zu können, ist eine weitverbreitete Tatsache, die sich schon seit Langem nicht auf die Pendlerzeitungen beschränkt. Das ist sicher ein Problem für Bezahlmedien. Aber ebenso entscheidend ist das inhaltlich bedingte gesunkene Interesse für viele herkömmliche Zeitungen. Dieses hat unterschiedliche Gründe. Zum einen die geringere Verwurzelung am eigenen Wohn- und Arbeitsort, die sich vor allem auf Regional- und Lokalzeitungen negativ auswirkt. Zum anderen produktspezifische Schwächen, die neue Generationen von potenziellen Zeitungskonsumenten vom Kauf abhalten.
Wie schätzen Sie die Rolle von 20 Minuten heute im stark digitalisierten Medienumfeld ein – was macht die Marke auch online besonders?
20 Minuten war von Anfang an auch als Onlinemedium gedacht. Dies hatten wir dem Einfluss von Schibsted zu verdanken, denn die skandinavischen Medien waren uns diesbezüglich damals weit voraus. Mich mussten sie dabei nicht überzeugen, denn ich hatte ja schon blick.ch gegründet. Deshalb haben wir schon sehr früh geschaut, wie wir uns in der digitalen Welt gut aufstellen können. Dass uns das gelang, verdankten wir zunächst Peter Welti, unserem ersten Webmanager, der uns auf den richtigen Weg brachte. Und seither hat es 20 Minuten gut verstanden, die exponentiell steigenden technischen Möglichkeiten für ein gutes, Community-bildendes Angebot zu nutzen und sich damit seine Marktführerstellung zu sichern. Das wird in Zukunft, weil die Printausgabe wegfällt, noch wichtiger werden.
* Sacha Wigdorovits war Projektleiter für die Lancierung von 20 Minuten in der Schweiz. Zu seinen Aufgaben gehörten das redaktionelle und Gestaltungskonzept, die Rekrutierung der Führung sowie die Entwicklung und Realisierung des Vertriebs und Drucks. Er war zudem Verwaltungsrat bis zum Verkauf an Tamedia.