Mr. Knight, wann haben Sie das letzte Mal den Auslöser betätigt?
Gute Frage! In den letzten Tagen jedenfalls nicht. Ich war in Solothurn und habe den Fotografen Daniel Schwartz besucht. Ein guter Freund von mir.
Und da haben Sie keine Bilder gemacht?
Nein, ich mache eigentlich nur entweder beruflich oder im familiären Kontext Bilder. Ich bin keiner, der wild herumknipst.
Was war auf dem letzten Bild zu sehen, das Sie gemacht haben?
Puh, da müsste ich mein iPhone konsultieren. Nein, jetzt weiss ich’s: Ich habe meinen Sohn am Samstag beim Fussballspielen fotografiert – um es seinem Grossvater zu schicken.
Bekannt geworden sind Sie als Fotojournalist für "Newsweek". Mit Bildern, die Kriege, Konflikte und Gewalt zeigen. Bilden Sie nicht gern Schönheit ab?
Doch! Die meisten meiner Bilder zeigen sehr schöne Dinge. Aber das sind nicht die Bilder, die Sie kennen. Die sind für die Presse, auf Auftrag entstanden. Heute sind die meisten meiner Bilder nicht für journalistische Zwecke. Und sie werden auch nirgends abgebildet. Viele habe ich auch noch gar nicht veröffentlicht, weil sie nicht fertig sind.
Wie teilen Sie denn Ihre Arbeit auf zwischen Journalismus und anderen Arbeiten?
Das ist nicht so einfach zu beantworten. Im Anfangsstadium meiner Karriere habe ich ausschliesslich für die Presse gearbeitet. 2003, während der Invasion des Iraks, habe ich mich dann entschlossen, mich anders auszurichten. Ich wollte mein Leben neu organisieren, mehr Kontrolle haben und nicht mehr für die Presse arbeiten.
Warum?
Weil ich die Kontrolle darüber verloren hatte, was ich gemacht habe. Wir haben im Englischen einen Ausdruck "The tail was wagging the dog". Das war meine damalige Situation. Ich war von den Ansprüchen und Aufträgen meiner Abnehmer getrieben. Ich hatte damals einen Vertrag mit "Newsweek" und habe die grossen Nachrichtenereignisse abgedeckt. All die Konflikte, die Sie erwähnt haben – und viele mehr. Irak, Afghanistan, Kosovo, Bosnien. Ich bin sehr dankbar für die Aufträge und für die Möglichkeiten, die ich hatte, aber ich hatte immer stärker das Gefühl in Dinge reingezogen zu werden, in denen ich nichts verloren habe. Da war einfach zu viel Gewalt in meinem Leben. Ausserdem wurden meine Bilder dazu gebraucht, Dinge zu sagen, die ich nicht sagen wollte. Oder um die Welt so darzustellen, wie ich sie nicht darstellen würde. Wenn man einen Vertrag mit einem Medienhaus hat, tritt man seine Rechte ab. Sie können damit tun und lassen, was sie wollen.
Können Sie ein Beispiel machen?
Irak ist ein perfektes Beispiel. Die Weltpresse – sei’s nun die französische, die englische, deutsche oder schweizerische – hatte eine klar ausgerichtete Meinung zu diesem Krieg. Und sie setzte die Bilder ein, um die Meinung zu unterfüttern – und nicht um zu zeigen, was wirklich passierte. Keine der Darstellungen widerspiegelte meine Meinung zu dem Thema und keine war unvorbelastet.
Drückten Ihre Bilder denn nicht Ihre Meinung aus?
Nein. Dazu mache ich an der Universität immer wieder Experimente. Ich lege den Studenten zwanzig Bilder von der Invasion der Amerikaner im Irak vor. Alle vom selben Szenario, dem Kampf um eine Brücke ausserhalb von Bagdad. Viele irakische Soldaten wurden getötet, viele Marines verletzt, viele irakische Bürger getötet. Es war eine sehr blutige Auseinandersetzung. Ich bitte die Studenten dann eine Auswahl zu treffen und eine Reihenfolge festzulegen. Generell ergeben sich dann zwei Versionen: In der einen sind die Amerikaner die Täter, die gegen irakische Zivilisten vorgehen, in der anderen werden die Amerikaner als Helden dargestellt, die auf dem Schlachtfeld verletzt werden. Die Wahrheit ist natürlich zugleich beides und nichts von beidem. Die Wahrheit ist viel komplexer. Sprich: Die Art, wie meinen Bilder benutzt wurden, hat die Geschehnisse trivialisiert. Da wollte ich nicht mehr mitspielen.
Der Bildredaktor ist also mächtiger als der Fotograf?
Manchmal. Aber er ist generell mindestens genauso mächtig.
Hätten es denn etwas genützt, wenn Sie einen Schreiberling dabeigehabt hätten, der alles sauber erklärt hätte?
Ich kann eigentlich recht gut schreiben. Das ist nicht das Problem. Den schreibenden Journalisten ging es genau gleich. Die schickten ihre Berichte nach Paris, New York oder wo auch immer – und dort wurden sie umgeschrieben, getreu den redaktionellen Vorgaben des jeweiligen Mediums. Vorgaben, die gesteuert waren von kommerziellen oder strategischen Überlegungen. Es könnte einem Medium ja der Zugang zu wichtigen politischen Akteuren verwehrt werden, wenn man sich nicht regierungskonform gibt. Das war eine Scharade, und da wollte ich nicht mitmachen. Das heisst aber nicht, dass ich die Medien für nutzlos halte, überhaupt nicht. Ich wollte einfach andere Dinge fotografieren. Ich wollte die Welt nicht mehr als düsteren, unwirtlichen, gefährlichen Ort zeigen. So sehe ich die Welt nicht.
Was müsste ich tun, um Sie zu einer Zusammenarbeit mit mir zu überreden?
(lacht) Ich fürchte, das ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Ich bin glücklich mit meiner Lehrtätigkeit und den Projekten, die ich verfolge.
Wofür interessieren Sie sich heute?
Heute konzentriere ich mich neben meiner Lehrtätigkeit auf Projekte mit ganz verschiedenen Akteuren – Fotografen, Textern, Wissenschaftlern, Experten für die Visualisierung von Daten, Anthropologen, Ethnografen. Wir arbeiten gemeinsam an umfassenden Erzählstoffen. Das interessiert mich heute mehr als schnell loszuziehen und irgendwas abzufotografieren.
Wieso nicht Kunst? In der Kunst könnten Sie sich auch frei entfalten.
Mag sein, aber ich bin nicht so der introspektive Typ. Mich interessiert es, die Welt zu entdecken, zu erfassen, zu forschen und zu kommunizieren. Ich bin kein Künstler.
Woran arbeiten Sie konkret?
An drei verschiedenen Projekten. Das Hauptprojekt trägt den Namen Zomia und beschäftigt sich mit den 80 bis 100 Millionen Menschen, die den Berggebieten in Südostasien leben. Bergvölker. Sie leben an der Grenze von Indien, China, Burma, Thailand und Vietnam. Mehrheitlich abgeschieden und ohne staatliche Verknüpfung. Ihre Welt verändert sich derzeit in rapider Geschwindigkeit. Ihr Lebensraum, ihre Sprachen, ihre Kultur sind in Bedrohung.
Wie wird das Projekt finanziert?
Von den Stiftungen verschiedener amerikanischer Universitäten. Es wird also nicht von der Presse finanziert – dafür ist es auch viel zu gross – , aber ich hoffe natürlich, dass dereinst darüber berichtet wird.
Wo steht der Fotojournalismus heute?
Er ist nach wie vor gesund und relevant. Die Medien verändern sich, die Medien müssen um ihre Rolle kämpfen, stecken in einer Krise. Nicht der Fotojournalismus. Das werden Sie sehen, wenn Sie sich die Bilder der diesjährigen World Press Photo Ausstellung anschauen. Es ist die Beste ihrer Art, die ich je gesehen habe. Da sind wirklich ausserordentliche Arbeiten dabei.
Was würden Sie jungen Fotografen raten?
Ich würde ihnen raten, aufzuhören als Fotograf zu denken. Das ist eine Falle.
Wieso?
Es ist besser sich Gedanken über sich selbst zu machen und sich zu überlegen, wie man sich in dieser Welt nützlich machen kann. Und wie man in Kontakt zu anderen Leuten treten kann. Weiss man das, kann man sich immer noch überlegen, wie man fotografieren will. Die Besessenheit mit dem Beruf des Fotografs bringt einen nicht weit. Viele der Bilder in der Ausstellung sagen mir, dass sich ihre Urheber eingehen mit ihren Themen beschäftigt haben. Die Bilder haben eine starke Legitimität, sie tragen eine Geschichte in sich.
Haben Sie schon mal ein Selfie gemacht?
(lacht) Ja, hab ich. Einmal, mit meinem Vater.
Würden Sie – jetzt und hier – eins von sich machen? Wir bräuchten noch ein Bild von Ihnen.
Nein, das wirkt mir zu unprofessionell. Ich schick Ihnen eines, das meine Frau gemacht hat.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Keine Ursache!
Interview: Adrian Schräder//Hauptbild: Sophie Knight
Gary Knight, geboren 1964, aufgewachsen in einer ländlichen Gegend von England, war von 1999 bis 2008 Fotograf für "Newsweek". Daneben war er Mitbegründer der Fotoagentur VII. Heute leitet er das Program for Narrative & Documentary Practice am Institute of Global Leadership an der Tufts University in der Nähe von Boston, arbeitet als Markenbotschafter für Canon, gibt Workshops auf der ganzen Welt und hat den Vorsitz der diesjährigen Jury von World Press Photo. Die Ausstellung der prämierten Arbeiten macht noch bis am 9. Juni im Folium im Sihlcity in Zürich Halt.