Das Ende von Facts ist ein Lehrstück über die Fallstricke in unserer heutigen verrückten Medienlandschaft. Da glaubte tatsächlich der sparsame Martin Kall, der seine eigenen Flugreisen beim Billigflieger viele Monate im voraus zu absoluten Tiefstpreisen bucht, dass er bei seinem schwächelnden Magazin den Erfolg bloss mit einem halben Chefredakteur herbeizaubern würde. Doch diese Schnäppchenmentalität funktioniert in den Medien nicht, wenn es neben den Parforce-Leistungen bei Verteilung und Marketing auch um Inhalte und Images geht.
Facts war eine Kopfgeburt des heutigen Medienzensors Kurt W. Zimmermann, das gemäss Verlagsangaben in zwölf Jahren nur ein einziges Mal schwarze Zahlen schrieb. Wahrlich keine gloriose unternehmerische Tat. Das Blatt ist schon seit Jahren inhaltlich ausgepowert und hatte gegenüber der eigenwilligen, kontroversen und zeitweise überraschenden Weltwoche immer mehr an Boden verloren. Also versuchte man es, wie in solchen Fällen üblich, mit einem Relaunch -- einem Euphemismus für die Mund zu Mund-Beatmungsversuche an einer Leiche. Die alte Hollywood-Diktion "when it's dead, it's dead", schob man in der Führungsetage der Tamedia indigniert beiseite. Diese Blösse wollten sich die erfolgverwöhnten Manager nicht geben. Die bereits beim Kauf von 20 Minuten erfolgreiche Brechstangen-Politik sollte auch hier zum Erfolg führen und die kommerziell schwächelnde Konkurrenz irgendwie und irgendwann zum Einlenken bringen.
Missachtung journalistischer Prinzipien kostet Millionen
Doch diesmal war es anders. Titel und Medien kaufen ist das eine. Da ist Martin Kall absolute Spitzenklasse. Das ist aber nur die eine Seite des Verlagsgeschäfts. Viel schwieriger ist es, neue Produkte erfolgreich zu lancieren. Da steht auf dem Matchblatt der Tamedia seit mehr als zwanzig Jahren eine grosse Null. Und nun hat Martin Kall vor aller Augen bewiesen, dass er es mit seinen Management-Know How nicht schafft, einen schlingernden Titel wieder auf Kurs zu bringen, und dies trotz dem gesamten Marketinginstrumentarium seiner beeindruckend grossen Mediengruppe. Die Missachtung von grundlegenden journalistischen Prinzipien kostet ihn nun viele, viele Millionen und einiges an Prestige.
Die Idee, Andreas Durisch gleichzeitig als Chefredaktor von SonntagsZeitung und Facts einzusetzen war ein Beweis für die Geringschätzung der Essenz des Zeitungsmachens. Durisch hatte wohl den persönlichen Ehrgeiz, erstmals in seiner Laufbahn als Journalist einen Turnaround hinzukriegen und damit eine eigene Duftmarke zu setzen, nachdem er im wohlbestallten SonntagsZeitungs-Bett die frühere Erfolgsgeschichte bloss fortgeschrieben hatte. Heute ist er ein Opfer dieser fatalen Idee. Er hat Facts nicht eine Jota weiter gebracht, sondern allein die Agonie noch deutlich sichtbar werden lassen.
Grosser Schaden für die Tamedia
Gleichzeitig hat er in den letzten zwei Jahren die Zügel bei der SonntagsZeitung arg schleifen lassen. Wer will es ihm verargen? Zwei solche Produkte zu leiten, die zudem in direkter Konkurrenz zueinander stehen, wie die Tamedia in ihrer Presseerklärung zur Schliessung konzediert, war grober Unfug. Und nun, nach dem Facts-Desaster, wird er die Uhr nicht mehr zurückstellen. Er kann nicht ansetzen, wo er aufgehört hat. Er ist persönlich als gescheiterter Facts-Retter beschädigt, und zwar innerhalb wie auch auch ausserhalb der Redaktion. Und schlimmer noch: Die SonntagsZeitung hat in dieser Zeit gelitten, hat Ausstrahlung und profilierte Mitarbeiter verloren, unter anderem an die künftige Konkurrenz am Sonntag, die sich die Schwäche des Klassenbesten zunutze machen will. Und damit wird der Schaden für die gesamte Tamedia weitaus grösser, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.
Und somit erhält die Geschichte auch eine tröstliche Seite. Die Topleute in den Verlagen und ihre Berater, die allein in abstrakten Zahlendimensionen funktionieren -- mit Ebitda und Umsatz pro Mitarbeiter als Benchmarks -- werden zur Kenntnis nehmen müssen, dass sie sich hie und da doch wieder um die Inhalte und die Qualität ihrer Produkte kümmern sollten. Denn sonst laufen sie Gefahr, sich in totale Sackgassen zu verlaufen, in denen auch ein in letzter Minute ausgestossener Hilfeschrei Richtung Deutschland nicht immer den finanziell abgefederten Exitus möglich macht.
Und die Hysterie Richtung neue Medien, die in jüngster Zeit alle Verlage erfasst hat, sollte mit neuen Augen beurteilt werden. Wenn diese voll auf Kosten des Kerngeschäfts geht, das man zur Finanzierung der Ausflüge in die digitale Welt immer stärker zur Ader lässt, kann dies unerwartete Folgen haben. Denn Selbstläufer, das lernen wir jeden Tag deutlicher, gibt es in der gesamten Medienlandschaft keine mehr.
Cash ist weg. Facts ist weg. Wer ist der nächste?
P.S. Bemerkenswert die Aussage von Martin Kall im "persönlich.com"- Interview, dass man "fast alles richtig gemacht" habe. Das ist wie die Meldung eines Kapitäns an seine Reederei, dass alles wunderbar laufe, dass gute Stimmung an Bord herrsche und man schon sehr nahe beim Ziel sei. Nur ein klitzekleines Malheur sei leider passiert: Das Schiff liege inzwischen am Grunde des Ozeans.

