"Die Elefantenrunde hätte besser nach Bern gepasst."

- Am Wahlsonntag richtete SRF ein sprachregionales Wahlzentrum im Studio Leutschenbach ein. Nebst den Politikern waren fünf lokale und zwei internationale TV-Stationen, zehn Lokalradios, 26 Printmedien sowie acht Agenturen auf dem Areal präsent. Unter ihnen auch Tamer Aboalenin, UN- und Schweizkorrespondent der kuwaitischen Nachrichtenagentur KUNA. Wie sehr interessiert sich die arabische Welt für den Schweizer Wahlzirkus und auf welche Politiker legt er einen besonderen Fokus? persoenlich.com hat nachgefragt:

Herr Aboalenin, die Kuwaitische Nachrichtenagentur KUNA hat ein Office in Genf. Weshalb ist die Schweiz interessant für Ihre Leser?

Die Schweiz ist aus verschiedenen Gründen interessant für die Arabischen Länder: Zum Beispiel wegen ihrer Neutralität, ihrer Rolle als Vermittlerin in vielen Konflikten und aufgrund ihrer humanitären Tradition. Die Schweiz ist nicht nur ein schönes ruhiges Land, wo man gute Uhren und schmackhafte Schokolade und Käse kaufen kann, sondern spielt auch eine Rolle in der Weltpolitik. Dies obwohl die Schweiz neutral und ohne versteckte Agenda agiert, weil sie nie eine Kolonialmacht und seit 150 Jahren nicht in einen Krieg oder bewaffnetem Konflikt involviert war.

Wer ist Ihre Zielgruppe bei der Berichterstattung?

Meine Berichte werden im ganzen arabischen Raum und einem grossen Teil des Asiatischen Raums verbreitet, z.B. Zeitungen, Radio und TV Stationen, Internetnews Webseiten, NGOs etc.

Anlässlich der Wahlen reisten Sie nach Zürich ins Leutschenbach, um von dort zu berichten. Wie haben Sie sich auf den Wahltag vorbereitet?

Ich verfolgte, wie sich die Partein auf die Wahlen vorbereiteten und wie sie ihre Schwerpunkte thematisierten, um das Interesse der Bevölkerung zu wecken. Ich habe auch verschiedene Wahlveranstaltungen besucht, mich mit Politikern getroffen und mit ihnen diskutiert. So konnte ich mir ein eigenes Bild zu den Wahlen machen.

Wo liegt Ihr Hauptfokus bei der Berichterstattung?

Mein Hauptfokus liegt bei den folgenden Themen: Wohin führt diese starke Polarisierung zwischen dem rechen und dem linken Lager? Wer kommt nach Frau M. Calmy-Rey, und wie wird die Schweizer Aussenpolitik künftig aussehen? Zudem interessiert mich die Zukunft vom Finanzplatz Schweiz zwischen der Vorstellung von Rechts und Links und der internationale Druck auf die Schweiz diesbezüglich.

Auf welche Schweizer Politiker legen Sie besondere Aufmerksamkeit?

Für mich ist Frau Calmy-Rey eine historische Figur in der neueren Schweizer Geschichte. Sie spielte eine ausserordenliche Rolle in der Geschichte der Schweizer Aussenpolitik. Sie hat Charisma, ist pragmatisch und zeigt, wie aktive Neutralität funktionieren kann. Diese Schritte begannen mit der aktiven Aussenpolitik von Alt Bundesrat J. Deiss. Beide, Herr Deiss und dann Frau Calmy-Rey haben die Schweizerische Aussenpolitik schrittweise verändert und an die Weltpolitik angepasst. Das hat das Image der Schweiz in der Welt verändert, im positiven Sinn.

Inwiefern ist das politische System der Schweiz von Interesse für die Leser aus dem arabischen Raum?

Das politische System der Schweiz gilt als Vorbild für ein friedliches, multikulturelles Leben. Der Schweizer Erfolg in der Bildung, Forschung und Innovation ist ebenfalls vorbildhaft. Auch das Interesse der Schweizer an Kultur im Allgemeinen ist interessant - Man sieht dies an den Ausstellungen in Zürich, Lugano, Basel oder Luzern.

Wie beurteilen Sie die Medienberichterstattung in der Schweiz? A) allgemein? B) bezüglich der Wahlen?

Die Medienberichterstattung in der Schweiz ist im Allgemeinen interssant, informativ, vielfältig und innovativ. In Bezug auf die Wahlen ist die Medienberichterstattung zum Teil neutral, vor allem im öffentlichen rechtlichen Radio und TV und in den grossen Zeitungen. Es gibt aber auch Medien, die eine bestimmte Richtung unterstützen. Ich glaube, solche Berichte verwirren bzw. polarisieren die Leserschaft.

Sie waren vor vier Jahren schon im Leutschenbach. Wie war die Situation für Sie als Journalist für ein ausländisches Medium?

Die SRG war sehr hilfsbereit gegenüber den ausländischen Journalisten und wir hatten direkte Kontakte mit den Politikern. Wir hätten es allerdings logischer gefunden, wenn die Elefantenrunde in der Hauptstadt Bern statt in Zürich stattgefunden hätte.

Sie arbeiten als UN- und Schweiz-Korrespondent. Ist dies Ihr Traumjob?

Ich lebe seit 25 Jahren in der Schweiz. Meine Arbeit als UN- und Schweiz-Korrespondent gefällt mir sehr, ich bin sozusagen in der Küche des Weltgeschehens bei der UNO und den übrigen internationalen Organisationen. Ich berichte gerne live direkt aus den Konferenzräumen, wie z.B. aus dem UN Rat für Menschenrechte, über WHO-Beschlüsse, UNHCR, WMO oder der ITU Konferenz. Während der WTO Douha Runde habe ich auf dem Trottoir meine Berichte geschrieben, ich mag es auch mitten in Demos meine Berichte zu schreiben und Bilder in die Agentur zu schicken. Ja, ich habe meinen Traumberuf.

Interview: Corinne Bauer.