"Die Finanzkrise hat auch eine Medienkrise ausgelöst"

- Jens Korte berichtet seit zehn Jahren für das Schweizer Fernsehen von der Wall Street. Wie hat sich die Finanzkrise jetzt auf seine Tätigkeit ausgewirkt und wodurch unterscheidet sich die amerikanische Wirtschaftsberichterstattung von der europäischen? "persönlich" befragte den studierten Volkswirt, welcher am 19./20. Januar 2010 übrigens Gastreferent am 8. Alpensymposium in Interlaken ist. Das Interview:

Herr Korte, wie erleben Sie momentan die Stimmung an der Wall Street?

Das hängt davon ab, wen sie fragen. Die Wall Street bereitet sich ja wieder auf milliardenschwere Bonuszahlungen vor. Davon bekommen aber die Händler auf dem Parkett nicht viel ab. Der traditionelle Parketthandel ist ein Auslaufmodell. Entsprechend gedämpft erlebe ich hier schon seit Monaten und trotz Rally die Stimmung. Ich kenne auch eine Menge Leute, die seit über einem halben Jahr vergeblich einen Arbeitsplatz suchen.

Haben sich die Arbeitsbedingungen für die Journalisten aufgrund der Finanzkrise verändert?

Es ist etwas leichter geworden, eine Kamera auf dem Parkett zu bekommen. Die Finanzkrise hat auch eine Medienkrise ausgelöst. Bloomberg etwa hat sämtliche fremdsprachigen TVProgramme eingestellt. Ansonsten sollte uns allen bewusst sein, dass die Politik und Finanzindustrie zwar die Krise ausgelöst haben. Aber es wurden in den vergangenen Jahren auch zu wenige kritische Fragen gestellt. Ob sich das angesichts der ökonomischen Zwänge der Redaktionen und des Personalabbaus in den vergangenen Monaten grundsätzlich beheben lässt? Ich bin da etwas skeptisch.

Wie muss man sich Ihren Arbeitstag vorstellen?

Ich pendle zwischen Börse und Büro. Die Informationen beziehe ich aus einer Vielzahl von Quellen: Wir haben eine Kontaktliste mit über 3000 Experten zu den unterschiedlichsten Themengebieten. Dann Internet, Tagespresse, US-Fernsehen und konstanter Austausch mit Händlern auf dem Parkett. Dazwischen Schminken auf der Herren-Toilette.

Wo befindet sich Ihr Arbeitsplatz?

Keine fünf Minuten Fussweg zur Börse. Unser Büro liegt direkt gegenüber der Bullenstatue. Die Radioberichte und Kolumnen etc. mache ich im Studio in unserem Büro. Die TV-Sendungen vom Parkett der NYSE.

Wenn Sie die amerikanische Wirtschaftspresse mit derjenigen in Europa vergleichen, wo sind die grössten Unterschiede?

Die US-Presse geht sehr gründlich mit dem Thema um. Auch sehr vielschichtig. Selbst bei der «Sesamstrasse» gab es zur besten Sendezeit ein Special zum Thema Finanzkrise. Das Public Radio hat sich auf die Fahnen geschrieben: Jeder Amerikaner solle ein grobes Verständnis davon haben, was ein Credit Default Swap ist. Das Thema Wirtschaft wird prominenter gefahren als etwa in Deutschland. Von den fünf Top-Themen des Tages kommen in der Regel mindestens zwei Themen auf den Titelseiten aus dem Bereich Wirtschaft. Das gilt zumindest für Zeitungen wie die New York Times oder die Washington Post. Sie haben hier auch regelrechte Stars. Das kenne ich aus dem Printbereich in dieser Form aus dem deutschsprachigen Raum nicht. Das heisst natürlich nicht, dass es nicht auch in der Schweiz oder Deutschland hervorragende Journalisten gibt. Noch verfügen Zeitungen wie das Wall Street Journal allerdings auch über grössere Ressourcen als etwa eine NZZ oder Süddeutsche Zeitung.

Welchen Stellenwert hat die Wirtschaftsberichterstattung in den Staaten?

Einen grossen. In den USA hat die Finanzkrise deutlich grösseren ökonomischen, aber auch gesellschaftlichen Schaden angerichtet als etwa in der Schweiz oder Deutschland. Ich will die steigende Arbeitslosigkeit in der Schweiz gar nicht kleinreden. Das sind Probleme. Aber in den USA reden wir über eine inoffizielle Arbeitslosenquote von 17,5 Prozent. Hinzu kommen die Unsicherheiten mit der Gesundheitsreform. Oder auch der Krieg, der seit acht Jahren geführt wird. Entsprechend gross ist das Bedürfnis, über die konjunkturellen Entwicklungen auf dem Laufenden gehalten zu werden.

Die hiesigen Medien berichten von einem Ende der Rezession in den USA. Können Sie diesen Eindruck bestätigen?

Ja, offiziell ist die Rezession in den USA beendet. Die Frage ist nur, wer davon profitiert. Was hilft es, wenn das BIP erstmals seit etwa 1,5 Jahren wieder steigt, aber gleichzeitig mit die höchsten Arbeitslosenzahlen der Nachkriegsgeschichte gemeldet werden? Es ist auch nicht auszuschliessen, dass die USA erneut in eine Rezession abdriften, wenn die milliardenschweren Staatsprogramme auslaufen.

Wer sind momentan die Stars an der Wall Street?

Wie immer ist das unter anderem Goldman Sachs. Die Bank profitiert nicht zuletzt von der überschaubareren Konkurrenz. Zahlreiche Banken sind kollabiert, aber sie brauchen ja immer noch Banken, etwa die USRegierung, um das gigantische Defizit mit der Vergabe von Bonds gegenzufinanzieren. Aber auch etwa der Hedge Fund Manager John Paulson hat mit Wetten gegen den Markt im vergangenen Jahr Milliarden verdient. Und das sind die "Helden" der Wall Street, wenn jemand mit unorthodoxen Methoden Erfolg hat. Mit seiner Wette gegen die Bank of England geniesst George Soros noch heute Kultstatus.

Präsident Obama hat sich gegen die exorbitanten Boni ausgesprochen. Zeigt diese Kritik bereits Wirkung?

Die Wall Street bereitet sich auf Rekordboni vor. Das sagt wohl alles. Es geht eigentlich nur darum, den Wohlstand nicht zu stark zu zeigen. Die Finanzindustrie versucht mit der Begründung, bei zu starker Regulierung verlieren sie Talente und das Geschäft wandere etwa nach Asien ab, den Regulierungsdruck zu mindern.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Wir diskutieren hier viel die Rolle der Wall Street und der USA in der neuen Weltordnung und in der neuen Dekade. Auch wenn Asien stark wächst und Europa die Abhängigkeiten von den Vereinigten Staaten abgebaut hat. Auf absehbare Zeit werden sie die USA als Lokomotive für die Weltwirtschaft noch brauchen. Und solange die Situation noch so spannend bleibt und die wirtschaftspolitischen Veränderungen, auch mit der Präsidentschaft Barack Obamas, so brisant sind, macht mir die Arbeit hier nach wie vor viel Spass.

(Interview: Matthias Ackeret)