"Alles ist vergänglich!", sagt Paul Grau, 63, Betreiber des Schweizer Privatsenders Star TV. Noch im letzten Jahr verfügte er über ein kleines Imperium mit über achtzig Angestellten. Jetzt kocht man in Schlieren auf wesentlich kleinerer Flamme. "Konsolidierungsphase", nennt der TV-Pionier das und beurteilt in einem ausführlichen Gespräch mit "persönlich" die Privatfernsehlandschaft, die aktuelle Zuschauerforschung und seine Rolle. Den Kampf will er nicht aufgeben.
Herr Grau, wir sitzen hier beisammen, obwohl die guten Neuigkeiten rar sind im Lande Star TV. Ihr Sender hat gegen Ende des letzten Jahres gewaltig abgespeckt und sich komplett gewandelt.
Das sehe ich ganz anders: Erstens haben wir uns nicht komplett gewandelt, sondern haben uns nur zurück zu dem entwickelt, was die Marke Star TV im Kern ausmacht. Bei uns geht es um Spielfilme, ums Kino, um Filmpremieren. Das war immer schon so. Und zweitens sind wir – trotz der derzeitigen Konsolidierungsphase – auf gutem Weg.
Star TV hatte im letzten Jahr noch über achtzig Angestellte. Heute sind es noch knapp zwanzig. Die Eigenproduktionen sind heruntergefahren worden. Stirbt der Sender nach achtzehn Jahren langsam?
Unsinn. 2013 ist für uns ein Jahr der Neuausrichtung. Es ist klar: Im Moment verdienen wir kein Geld. Aber nächstes Jahr wird das Schiff wieder Fahrt aufnehmen.
Wie soll das gelingen?
Mit der konsequenten Ausrichtung auf unseren Markenkern. Wir bauen derzeit ein Studio vor den Arena-Kinos im Sihlcity-Einkaufszentrum. Bald werden wir dort Kinopremieren mit sechs Kameras einfangen können. Ausserdem werden wir weiterhin spannende Spielfilme zeigen und auf Eigenproduktionen wie "Laustark!" setzen.
Wieso eigentlich die Fokussierung auf den Filmsektor, auf die Kinowelt?
Weil ich aus der Ecke komme. Die ganze Familie Grau ist im Filmgeschäft. Sogar meine Nichte arbeitet in der Branche.
Dominik Kaiser, Chef von 3+, ist derzeit ständig in den Medien. Roger Schawinski sowieso. Nur Sie tauchen nie auf. Dabei haben Sie doch in Sachen Privatfernsehen alles ins Rollen gebracht.
Das freut mich natürlich, dass Sie das so sehen. Mir gings aber nie darum, ob ich jetzt der Erste bin oder nicht. Dieses Machogehabe ist mir fremd. Ich habe keine Minderwertigkeitskomplexe, die ich in der Öffentlichkeit abreagieren muss. Ich sehe das Ganze als Handwerk, fertig, Schluss.
Sind Sie – was den Streit um die Zuschauerforschung anbelangt – auf der Seite von Herrn Kaiser?
Nein, gar nicht. Er zieht eine harte juristische Linie durch. Ich bin eher für Transparenz und Konsens. Ich versuche gemeinsam mit Partnern Mehrwert zu schaffen.
Was halten Sie denn vom neuen Messsystem?
Das Tool selbst ist fantastisch. Zum Beispiel in puncto Zuschauerfluss: Sie können bei jedem Sender eruieren, woher die Zuschauer kommen, wohin sie gehen und wann sie dies tun. Für die Programmplanung ist das genial.
Also eine Art Google Analytics.
Exakt. Das ist genau der richtige Vergleich. Nur: Bei Google Analytics sieht man die tatsächlichen Zugriffe auf eine Website. Beim Fernsehen arbeitet man noch immer mit extrem stark hochgerechneten Zahlen.
Und da liegt auch Ihr Problem begraben, nehme ich an.
Richtig: Das Problem ist die richtige Kalibrierung. Die Soziodemografie der Schweizer Fernsehzuschauer muss sich in den Testpersonen widerspiegeln. Sonst sind die Zahlen zu wenig ergiebig. Das Problem ist medienpolitischer Art. Die Frage ist: Wie füttert man die Maschine richtig? Und da geht man bei der Mediapulse eben vom mit grossem Abstand grössten Kunden aus: von der SRG.
Ist eine Verbesserung in Sicht?
Was das Messsystem anbelangt, braucht es einfach ein bisschen Zeit. Man muss das Schritt für Schritt bereinigen. Zur generellen Situation erlaube ich mir einen kleinen medienpolitischen Exkurs: Ich habe gute Kontakte nach Deutschland. Dort läuft das genau gleiche Spiel. Mit genau den gleichen Playern. Die Privatfernsehsender haben das ganze System der Forschung annektiert. Da haben wir ja noch Glück: Mediapulse ist eine Stiftung, und Publicadata ist quasi die Vermarktungsorganisation für die Forschung. Aber wenn Sie sich die Zusammensetzung der Vorstände anschauen, dann wird Ihnen schwindlig. Was unmöglich und undenkbar ist, ist hier gewollt: Jeder kontrolliert sich selbst. Da schafft es Klaus Kappeler, in jedem Gremium der Wertschöpfungskette aufzutauchen. Ich habe das Gefühl, dass diese Leute in den Verwaltungs- und Stiftungsräten ihre Mandate zum Teil zur Selbstbedienung nutzen. Auf jeden Fall lässt das System dies zu.
Gleichzeitig gibt es seit zwei Jahren einen Steinwurf vom Leutschenbach entfernt einen jungen Sender, der eigentlich auf die gleiche Art Fernsehen macht wie früher Star TV.
Ich beobachte das mit sehr viel Sympathie. Joiz legt gerade das Fundament. Star TV hätte nicht mehr auf diese Schiene zurückschwenken können. Dafür hat der Sender schon einen zu weiten Weg zurückgelegt. Wir können nicht zurück in diese Sturm-und-Drang-Phase.
Aber viele Formate waren doch immer noch so schräg wie zehn Jahre zuvor. Zum Beispiel "Freestyle".
Ja, das stimmt schon. Das einfach abzuwürgen, war auch sicher nicht lustig. Man trennt sich nicht einfach so von sechzig Mitarbeitern. Aber man hat das von mir erwartet. Sonst gäbe es Star TV einfach nicht mehr.
Die TV-Freaks mussten gehen.
Ich muss intervenieren: Das waren keine Freaks. Die Wortwahl stört mich. Das waren grösstenteils junge Leute, die aufgrund ihres Backgrounds einen Praktikumsplatz gesucht haben. Wir haben ihnen den Quereinstieg ermöglicht. Gut die Hälfte all derer, die ein Praktikum bei uns gemacht haben, haben später als Festangestellte bei uns gearbeitet.
Nun zeigen Sie vermehrt Spielfilme. Nach welchen Kriterien suchen Sie diese aus?
Wir wollen das ganze Spektrum Spielfilm abdecken. Von den Free-TV-Premieren am Mittwoch bis zu den Klassikern am Sonntagabend. Von Action über Krimi und Komödie bis hin zum Melodram. Da setzen wir unsere Kernkompetenz ein.
Womit planen Sie in Zukunft Geld zu verdienen?
Ganz einfach: über die Vermarktung. Wir haben sie im Mai zur Belcom ausgelagert. Das ist sehr gut angelaufen. 2013 ist ein Übergangsjahr. Das ist einfach so. Im Moment verkaufen wir Star TV vor allem über Emotionen, nicht über Zahlen. Wir sind DER Filmspezialist, wir sind DER Kinopartner. Wir nudeln nicht nur irgendwelche Spielfilme ab. Bald werden wir auch wieder eine Sendung haben, die sich der Filmkritik widmet. Mit namhaften Journalisten.
Eine Weile haben Sie Ihr Geld vor allem mit Call-TV-Formaten verdient. "Ruf jetzt an! Der Red Button leuchtet!", hiess es immer wieder.
Für uns als Privatsender, der extrem unter der Dominanz von Publisuisse und Goldbach Media leidet, war das eine hochwillkommene Einnahmequelle. Bei uns war alles quersubventioniert. Die ganzen Magazinsendungen hätte es ohne Call-TV niemals gegeben. Roger Schawinski hat mich mal gefragt, wie ich meine Sendungen finanziere. Zwei Faktoren waren ihm unbekannt: dass man sehr günstig produzieren kann und dass es dieses Modell der Quersubventionierung gibt.
Die Call-TV-Sendungen sind vor ein paar Jahren verschwunden. War Star TV in rechtliche Probleme verwickelt?
Nur indirekt. Ein Produzent, der für uns gearbeitet hat, hatte ein Verfahren am Hals. Dieser hat sowohl für 3+ als auch für uns produziert.
Das müssen goldene Zeiten gewesen sein: Früher haben Sie Ihre gesamte Belegschaft jeweils für zwei Wochen nach Mallorca eingeladen. Hotel, Drinks – alles inklusive.
Das war eher eine soziale Regung. Ich hab mir gedacht: Wir könnten doch Star TV auch von Mallorca aus machen. So teuer war das gar nicht. Wir haben einen Beitrag über das Hotel gedreht, dafür haben wir ein ganzes Stockwerk umsonst bekommen. Das Geld stand bei meinen Tätigkeiten nicht im Vordergrund – weder das Verdienen noch das Ausgeben.
Star TV hat viele Leute ausgebildet, die heute in guter Position bei anderen Sendern arbeiten. Auf wen sind Sie besonders stolz?
Das hat mit Stolz nicht viel zu tun. Ich glaube nicht, dass es Lebensziel von mir war, Leute für das Schweizer Fernsehen auszubilden.
Kommen wir noch kurz zu Ihrer Künstlerkarriere. Wenn man in der Filmdatenbank IMDB nachschaut, tauchen da unter Ihrem Namen Filme wie "Sechs Schwedinnen auf der Alm", "Julchen und Jettchen, die verliebten Apothekerstöchter" oder "Mad Foxes" auf. Waren Sie Pornoproduzent?
Das muss eine Verwechslung sein. Ich habe nie Pornos produziert.
Seltsam. Ich hätte schwören können, Sie im Trailer zu "Mad Foxes" entdeckt zu haben.
Nun, dann lassen Sie mich präzisieren: Ich habe in den Siebzigern und frühen Achtzigern jahrelang für Erwin C. Dietrich gearbeitet. Immer wieder auch als Aufnahmeleiter. Aber das waren Erotikfilme, keine Pornos. So etwas wie Pornos gab es damals nicht. Das wäre gar nicht erlaubt gewesen.
Und "Mad Foxes"?
Das war eine extreme Story, eine einmalige Sache. Im Alter von dreissig Jahren habe ich mich tatsächlich als Regisseur versucht. Der Versuch ist grandios gescheitert.
Worum gings?
Ich hatte ursprünglich ein Drehbuch namens "Diamanten-Villiger" geschrieben. Eine Slapstick-Komödie. Es ging um einen Diamantenschieber. Für die Hauptrollen hatte ich die deutsche Popgruppe Trio vorgesehen, für die ich zuvor ein paar Videoclips gedreht hatte. Leider war mein Produzent Erwin C. Dietrich mit der Story nicht zufrieden. Ich hatte im Drehbuch eine Figur eingebaut, die an seine Person angelehnt war. Eine andere entsprach in etwa seiner Sekretärin. Er sagte schliesslich, es gebe da gerade einen erfolgreichen Film namens "Stingray", den ich einfach adaptieren solle. Eine "Bonnie & Clyde"-Geschichte. Weils schnell gehen musste, habe ich mir über einen befreundeten Ringier-Fotografen aus dem "Blick"-Archiv die blutigsten Titelstorys der letzten paar Jahre besorgt. Sachen wie Handgranaten-Selbstmord, die Ermordung von Polanskis schwangerer Frau, Terroranschläge in Bologna. Daraus wurde dann das Drehbuch zusammengesetzt.
Klingt abenteuerlich!
Das war es auch! Die Story ging so: Ein Rocker und ein Typ vom Zürichberg treffen sich nachts an einer Ampel. Die Rockerbande auf ihren Motorrädern, der Schnösel vom Zürichberg in einem Stingray. Das Ganze eskaliert. Der Film endet nach neunzig Minuten – alle sind tot (lacht).
Sie spielen selbst auch mit, habe ich gesehen.
Ja, ich spiele den Boss einer Karategang (lacht).
Der Streifen wird als trashiger Kultfilm gefeiert.
Das ist tatsächlich mittlerweile ein Kultfilm, ja. Damit hätte ich auch nicht gerechnet. Das war aber auch das Ende meiner Spielfilmkarriere. Ich habe gemerkt, dass ich eigentlich nicht zum Regisseur tauge.
Und die Erotikszenen?
Die waren extrem harmlos. Ein paar nackte Titten, sonst nichts. Ich habe vor allem Wert gelegt auf gute Special Effects. Ich wollte nicht, dass das peinlich aussieht. Das hatte aber zur Folge, dass der Film nicht sehr lang geworden ist.
Videos für Yello und Trio, Plattencover für Krokus, legendäre Trash-Filme. Was macht der Künstler Paul Grau heute?
Das, was Sie auf Star TV sehen. Meine Kreativität bringe ich heute in Form von neuen Werbeformen ein. Es geht darum, die Zukunft unseres Ladens zu sichern. Ich finde, so wie wir den Sender gestalten, das ist ein extrem anspruchsvoller und kreativer Akt.
Interview: Adrian Schräder, Bilder: Lukas Mäder
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