18.09.2009

Journalismus

Die grossen Verlierer der Krise

Am härtesten trifft es die freien Journalisten.
Journalismus: Die grossen Verlierer der Krise

Während die Verleger in diesen Tagen an ihrem jährlichen Kongress zusammenkommen und bei guter Bewirtung darüber beraten, wie man möglichst schnell wieder in die Gewinnzone zurückkehren kann, sitzen die wahren Betroffenen der Krise vor leeren Auftragsbüchern. Am Härtesten hat es die freien Journalisten getroffen, dies geben alle zu. Und senken weiter ihre Ansätze. "persoenlich.com" hat sich umgehört. Zur Story:

Sie sind auf Abruf bereit und füllen täglich unsere Zeitungen mit Inhalt: Ohne freie Journalisten kommt keine Zeitung aus. Dabei sind sie äusserst kostengünstig: Sie werden sie von ihren Arbeitgebern stets nur für ihre abgelieferten Texte bezahlt. Niemand finanziert ihre Kaffeepausen, ihre Ferien, ihren Mutterschaftsurlaub. Und doch sind die freien Journalisten die grossen Verlierer der derzeitigen Krise. Einige Beispiele: Beim "NZZ"-Feuilleton wurden im letzten November die Zeilenansätze von 2,10 auf 1,40 Franken reduziert. Feuilleton-Chef Martin Meier kommentierte: "Für das NZZ-Feuilleton zu schreiben ist eine Ehre, kein Broterwerb." Eine Aussage, die sein Vorgesetzter, Chefredaktor Markus Spillmann im Interview mit "persoenlich.com" verteidigte. Sie sei nicht ganz falsch, meinte er. Von der Ressortleitung wird das Schreiben für das NZZ Feuilleton also als reine Prestige-Sache erachtet. Die Entlöhnung entspricht einer Spesenentschädigung. Für Interviews oder Artikel, die in der Zeitung fast eine Seite einnehmen, werden 180-200 Franken bezahlt. Die "NZZ" dient hier zwar als drastisches Beispiel, bildet aber längst keinen Einzelfall. Es gibt heute kaum mehr Tageszeitungen, die für einen einzelnen Text – egal wie aufwendig er in der Entstehung war – mehr als 500 bis 600 Franken Honorar entrichten. Der Lohn eines freien Journalisten setzt sich also aus mühselig addierten, tiefen dreistelligen Beträgen zusammen.

Dazu kommt ein weiteres Problem: Mehrfachverwertungen sind je länger je weniger möglich. Häufig wurden die niedrigen Ansätze damit begründet oder gerechtfertigt, dass die freien Journalisten ihre Texte ja mehrfach verwerten können. Doch dies ist einerseits von den grossen Zeitungen ungern gesehen und zweitens immer seltener möglich. Die "Basler Zeitung" und die "Aargauer Zeitung" haben eine Kooperation vereinbart und auch Tamedia und Espace Media tauschen Texte aus. Die voranschreitende Konsolidierung macht den Schreibern direkt und indirekt immer häufiger einen Strich durch die Rechnung. Ein Beispiel: War es früher gang und gäbe ein Interview sowohl einer grossen Tageszeitung, wie auch einer Lokalzeitung zu verkaufen, können heute Probleme auftauchen, die sich nicht vorhersehen lassen. Verkauft man beispielsweise ein Interview sowohl dem Berner Bund – einer Lokalzeitung mit einer Auflage von knapp über 50'000 Exemplaren – muss man damit rechnen, dass diese den Artikel, für den sie zwischen hundert und zweihundert Franken bezahlen, auch auf das Newsnetz stellen. Indem er ohne das Wissen des Schreibers gleichbehandelt wird wie ein Text aus dem "Tages-Anzeiger", verliert er zusätzlich an Wert. Zeitungen mit einer grossen Reichweite wie "20 Minuten", "Blick", "Blick am Abend" oder "Tages-Anzeiger" sind deshalb nicht bereit den gleichen Artikel, und sei es ein Interview mit der erfolgreichsten Band der Welt, ebenfalls zu erwerben. Dabei leben freie Journalisten in den meisten Fällen von der Mehrfachverwertung. Und bis vor kurzem war dies – auch wenn die "NZZ"-Oberen dies anders sehen – auch im Kulturbereich ein zwar mässig bezahlter, aber dennoch ein Leben ermöglichender Beruf. Diese Zeiten sind wohl vorbei.

Dem Fall mit "Basler Zeitung" und "Aargauer Zeitung" haben sich die Gewerkschaft Comedia und der Berufsverband Impressum angenommen. Momentan ist die Sache hängig. Die meisten Journalisten haben die ihnen zugeschickte Verzichtserklärung bis jetzt nicht unterschrieben. Aber die Widersetzung ist schwierig. Es herrscht Abhängigkeit: Freie Journalisten – auch wenn sie schon seit zwanzig Jahre für eine Zeitung schreiben, seit dreissig Jahren emsig alle möglichen Printmedien beliefern oder ein Qualitätsblatt seit Dekaden mitprägen – haben kaum eine Möglichkeit sich zu wehren. Man ist ja auf das nächste wohlwollende Telefonat, den nächsten Auftrag, die nächste Überweisung angewiesen. Und alternative Auftraggeber gibt es immer weniger. Viele versuchen ihre journalistische Tätigkeit mit besser dotierten Aufträgen im PR-Bereich abzufedern. Aber dazu muss man natürlich enorme Berufserfahrung und gute Kontakte haben. Das Magazin der Uhrenfirma IWC oder das Onboard Magazin der Swiss zahlen zum Beispiel nach wie vor angemessene Tageshonorare. Das heisst: Ein Lohn, welcher der aufgewendeten Zeit und nicht der Textlänge entspricht.

"Die freien Journalisten sind die grössten Verlierer dieser Krise, definitiv", sagt Beatrice Müller, Regionalsekretärin der Gewerkschaft Comedia, zuständig für die Region Bern. "Erstens weil sie erheblich weniger Aufträge erhalten, zweitens weil sie finanziell massiv gedrückt werden." Das könne man, weil sie darauf angewiesen seien. Besser schlecht bezahlt als gar nicht bezahlt. "Ausserdem werden die Urheberregelungen zu Ungunsten der Freischaffenden ausgeweitet. Die grossen Verlage sind heute selber so verzweigt, dass alles mehrfach verwertet wird. Will der Journalist seinen Text mehrfach verkaufen, um sein Einkommen aufzubessern, findet er deshalb kaum mehr Abnehmer." Nach ihrer Einschätzung leiden achtzig Prozent der freien Journalisten in der Schweiz ganz massiv unter den Kostensenkungsmassnahmen. Journalisten aller Bereiche: Seien es Wirtschaftsfachleute, Kultur- oder Regionaljournalisten. Kulturjournalisten sind dabei noch stärker betroffen als Wirtschaftsjournalisten.

Die Entlassungs- und Kürzungswellen machen auch vor Koryphäen nicht halt: Die Redaktion der "Weltwoche" ist in den letzten Monaten beispielsweise auf ein kleines Kernteam zurückgestutzt worden. Begründet wurde der Abbau gegenüber den fixen Freien und festen Mitarbeitern mit einem knappen Verweis auf die Krise. Einige müssen jetzt stempeln gehen. Der Abbau bei freien Mitarbeitern ist für Verleger und Verantwortliche eine einfache und sofort budgetwirksame Massnahme. Doch ist sie überhaupt sinnvoll? – Er vermute nicht, sagte "NZZ"-Chefredaktor Spillmann gegenüber persoenlich.com. Aber man komme als Budgetverantwortlicher irgendwo nicht aus diesem Teufelskreis heraus. "Wenn ein Chefredaktor die Festen angreift, heisst es sofort, er baut Leute und Qualität ab. Mit allen Konsequenzen, die das hat." Rein theoretisch sei ein Modell, wie es Roger Köppel bei der "Weltwoche" praktiziere, das viel elegantere und schlankere. Ob es auch das Fairere ist, sei dahingestellt. "Viele Arbeitgeber wollen nur noch auf Honorarbasis bezahlen, um sich vor der Entrichtung der Sozialleistungen zu drücken", sagt Müller von Comedia. "Im selbständig erwerbenden Status zu sein, hat sehr, sehr viele Nachteile." Egal mit welchem Modell: Die freien Journalisten in der Schweiz haben derzeit einen verdammt schweren Stand. Für viele heisst es: Weder Ehre, noch Broterwerb, noch Brot. (ads)



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