"Die Haltung, die Tele Züri mit der Expansion einnimmt, ist für Kooperationen nicht förderlich"

- Am Montag Abend hat der neue Privatsender Tele 1 seinen Sendebetrieb aufgenommen. Im Gespräch mit "persoenlich.com" erklärt Chefredaktor Oliver Kuhn, was Tele 1 besser macht als Tele Züri, wie er die Mitarbeiter der "Luzerner Zeitung" aus der Reserve locken will und warum die Sendung "Swiss Date" nichts für die Zentralschweizer ist: "Wir leben in einer Gegend, in welcher die Familie eine wichtige Rolle spielt und die Menschen weniger kuppelgestresst sind als in Zürich." Das Interview:

Herr Kuhn, im April 2009 übernahm die Tele 1 AG den Fernsehsender TeleTell. Wieviel Tele Tell ist in Tele 1 noch enthalten?

Personell gesehen besteht Tele 1 zu 40 Prozent aus Tele Tell, denn alle früheren Tele Tell- Mitarbeiter sind jetzt für Tele 1 tätig. Sonst ist jedoch nichts mehr rein Tele Tell. Was früher "Aktuell" hiess, heisst neu beispielsweise "Nachrichten". Tele 1 positioniert sich bei den News-Formaten auch inhaltlich anders als Tele Tell.

Können Sie das konkretisieren?

Wir haben alle internationalen und nationalen Inhalte, die keinen direkten Bezug zur Zentralschweiz haben, gestrichen. Alle Nachrichten-Sendungen haben einen ganz klaren Fokus auf die sechs zentralschweizer Kantone. World-News haben hier keinen Platz mehr.

Was bietet Tele 1 neben den News-Formaten?

Die Nachrichten sind ganz klar unser Flaggschiff. Wir produzieren daneben aber auch viele neue Sendungen, die es früher nicht gab.

Nachrichten als Flaggschiff. Tele Züri hat vor kurzem nach Luzern expandiert. Was machen Sie besser als der Newskonkurrent aus Zürich?

Tele Züri ist klar die Nummer 1 der Privatsender, was die Zahl der Zuschauer betrifft. Allein schon aufgrund des Einzugsgebietes und des Wirtschaftsraums. Wir machen allgemein gesehen nichts besser, aber wir decken die Zentralschweiz in einem Umfang ab, wie Tele Züri es gar nicht kann und auch nicht will, da sonst die Zürcher Zuschauer verärgert wären. Unser Trumpf in der Zentralschweiz ist die Nähe zur Region. Die hat weder ein anderer Lokalsender noch das Schweizer Fernsehen.

In einem Gespräch haben Sie SF als Vorbild genannt. Wie meinen Sie das?

Unsere Konkurrenz ist drei Millimeter von uns weg, nämlich der Knopf nebenan auf der TV-Fernbedienung. Wenn man dort drückt kommt nicht Tele Bern oder Tele Basel, sondern vielleicht ARD, RTL oder eben SF. Das bedeutet für uns, dass wir uns mit diesen Sendern vergleichen und uns in diese Richtung orientieren müssen. Insbesondere was die Qualität der Inhalte anbetrifft: Wir machen bewusst keine Unterhaltung, weil der Aufwand zu gross wäre. Dafür setzen wir bei der tagesaktuellen Berichterstattung die Qualitätslatte sehr hoch an.

Was passiert mit den Co-Produktionen wie "Gesundheit“ oder Swiss Date, die Tele Tell mit anderen Stationen hatte?

Beim Verkauf von Tele Tell an die Luzerner Medien wurde vertraglich festgehalten, dass wir während fünf Jahren einen gewisse Anzahl Leistungen von Tele M 1 beziehen können, bzw. müssen. Dazu gehören Co-Produktionen wie "Gesundheit", "Tierisch" oder "Wohnen". Es macht Sinn, bei Sendungen, die keinen eigentlichen Bezug zu einer bestimmten Region haben, mit anderen Fernsehstationen zusammen zu spannen. So haben wir die Möglichkeit, massiv mehr redaktionelle Inhalte anzubieten. Swiss Date haben wir aus dem Programm gestrichen.

Weshalb?

Wir leben in einer Gegend, in welcher die Familie eine wichtige Rolle spielt und die Menschen weniger kuppelgestresst sind als in Zürich (lacht). Und gerne nutzen wir diese "freien" Sendeplätze für Eigenproduktionen, wie beispielsweise eine neue Talksendung.

Wie sieht das Sendungskonzept dieses Formats aus?

Die Sendung heisst "Kontrovers" und dauert rund 20 Minuten. Sie soll eine Art Mischung zwischen "Arena" und "Club" sein, aber auch hier wieder mit klarem Fokus auf die Zentralschweiz. Die Exponenten kommen aus der Umgebung oder haben gerade in der Gegend zu tun.

Sie moderieren die Sendung selber. Wie sieht ihr Moderationsstil aus?

Hart in der Sache, aber fair.

Sie haben früher mit Markus Gilli, Chefredaktor von Tele Züri, zusammen gearbeitet. Findet immer noch ein reger Austausch zwischen Ihnen statt?

Nein, denn die Haltung, die Tele Züri mit der Expansion in verschiedenste Gebiete derzeit einnimmt, ist für Kooperationen nicht unbedingt förderlich.

Sender, die eine TV-Konzession erhalten haben, haben laut Markus Gilli wenig davon eingehalten, was sie im Vornherein versprochen haben. Kann man Ihnen bald Ähnliches vorwerfen?

Nein, natürlich nicht. Was man aber beachten muss, ist das seit der Konzessionseingabe zwei Jahre vergangen sind. Seither hat sich die Medienlandschaft weiterentwickelt. Wenn wir alles genauso umgesetzt hätten wie das damals festgehalten wurde, wären wir völlig stehen geblieben. Wir haben deshalb die damaligen Ideen nochmals genau analysiert und Verbesserungspotenzial gesucht und umgesetzt.

Haben Sie ein Beispiel?

Im Konzessionsgesuch war vorgesehen, das Wetter vom Hochhausdach des Verkehrshauses zu senden. Dieser Ansatz war erstens nicht sehr kreativ, da es noch einen anderen Sender gibt, welche die Wettersendung von einem Hochhausdach sendet (lacht). Zweitens ist das Wetter in den sechs Kantonen teils sehr unterschiedlich. Es wäre unglaubwürdig, immer nur das Wetter von Luzern zu zeigen, wenn in Uri ein Fönsturm bläst. Die nun gefundene Lösung mit insgesamt über sechzig verschiedenen Kameras und Meteorologe Peter Wick macht daher mehr Sinn. Drittens wäre die Verkehrshaus-Lösung massiv teurer gewesen.

Sie erhalten vom Bund jährlich 2,3 Millionen Franken. Reicht das nicht für solche Projekte?

Mit der Unterstützung vom Bund decken wir etwa einen Viertel des Betriebsaufwands. Der Rest wird durch Werbung finanziert.

Gibt der Markt soviel her?

Wir schätzen, dass das Potenzial durchaus in diesem Bereich oder sogar höher liegt. Der Markt muss allerdings zuerst noch erschlossen werden. Tele 1 hat gegenüber Tele Tell klar den Vorteil, dass es in der Zentralschweiz mit einem eigenen Studio vertreten ist und sich damit regional auch besser verankern kann.

Die neuen Räumlichkeiten sind im selben Haus wie die Redaktion der "Neuen Luzerner Zeitung". Stand das Thema Newsroom nie zur Diskussion?

Inhaltlich sind wir strikte getrennt. Es ist für mich sogar ein Ansporn, die Mitarbeiter der "NLZ" immer mal wieder mit Primeurs aus der Reserve zu locken. Bevor innerhalb der LZ Medien und auch in der ganzen NZZ-Gruppe über das Thema Newsroom diskutiert werden kann, bräuchte es politische Änderungen. Unter anderem war ja die Konzessionsvergabe an die Voraussetzung geknüpft, dass die Meinungsvielfalt gewährleistet sein muss.

Abschlussfrage: Das erste grosse Ziel ist vermutlich, den Sendestart erfolgreich zu meistern. Was ist das nächste Etappenziel?

Die nächste grosse Nagelprobe ist die Luzerner Fasnacht, zu der einige Spezialsendungen geplant sind.

(Interview: Corinne Bauer)