30.03.2007

"Die Idee ist in der TV-Branche alles und gleichzeitig nichts"

Der Österreicher Mario Pricken hat mit 60 freien Kreativen 850 Rohideen für neue TV-Formate entwickelt. Davon wurden 230 als Konzeptansätze zu TV-Shows weiterentwickelt. Nun hat er diese im Internet frei zugänglich gemacht. "Um dem üblichen Ideenklau der Branche vorzubeugen", wie er im Gespräch mit "persoenlich.com" erklärt. Der Innovation Director bietet sich auch dem Schweizer Fernsehen als Ideenlieferant an. Das Interview:
"Die Idee ist in der TV-Branche alles und gleichzeitig nichts"

Mario Pricken, die ganze Fernsehwelt klagt, dass es immer schwieriger wird, noch etwas Neues zu erfinden. Sie haben zusammen mit 60 Kreativen eben mal so in 7 Tagen 850 Ideen für Fernsehsendungen entwickelt. Wie ist das möglich?

Ideen sind heute nach wie vor Zufallsprodukte, die in den meisten Fällen intuitiv und auf der Basis eines kreativen Talents entwickelt werden. Da es nur eine geringe Zahl an wirklichen Top-Kreativen gibt, denen es gelingt regelmässig grossartige Ideen zu entwickeln, ist der Rest auf den puren Zufall angewiesen.

Ihre Ideen sind aber nicht zufällig entstanden…

Ich konnte mir als Kreativitätstrainer und Innovation Director über die letzten acht Jahre in den Branchen Medien, Marketing und Werbung viel Wissen darüber aneignen, wie man Kreativabteilungen aufbaut und Ideenmanager etabliert. Für unsere Creative Session haben wir Methoden des Ideenmanagements und einige neue Kreativitätstechniken angewandt.

Warum haben Sie Ideen für TV-Formate entwickelt. Gefällt Ihnen das heutige Fernsehprogramm nicht?

Der Bedarf an Content und neuen Formatideen ist enorm. Gleichzeitig steht man vor der paradoxen Situation, dass Programmchefs und Senderverantwortliche von Angst getrieben werden und alles unternehmen, um kein Risiko einzugehen. Stattdessen werden Formate aus den USA, England oder Holland zugekauft oder alte Erfolgsformate recycelt. Ich wollte beweisen, dass es im deutschsprachigen Raum nicht an Ideen mangelt, sondern lediglich an Mut bei den Programmverantwortlichen.

Sind die Ideen alle neu, oder gilt die Maxime "Besser gut geklaut, als schlecht neu erfunden"?

Es kann durchaus zufällige Überschneidungen geben, aber keine der Ideen wurde von den Teilnehmern meines Teams absichtlich kopiert. Erstaunlich ist allerdings, dass man oft von der Realität überholt wird. So gibt es inzwischen einige Ideen in der Datenbank, die man im letzten Jahr auf dem einen oder anderen Sender entdecken konnte.

Können Sie mir konkrete Sendungen nennen?

Ich war ziemlich erstaunt, als ich kürzlich auf BBC eine Art "wissenschaftliche Datingshow" sah, bei der zehn Frauen und zehn Männer von Experten unterschiedlichster Fachbereiche nach streng wissenschaftlichen Kriterien untersucht wurden. Danach geben die Psychologen, Verhaltensforscher oder Gentechniker ihre Prognosen ab, wer zu wem passt. Aufeinander losgelassen wurde dann geschaut, welche Paare tatsächlich zueinander fanden.

Wieviele Ihrer Konzepte wurden bisher umgesetzt?

Ursprünglich waren rund 260 Ideen im Pool von denen 30 von einer Kölner Produktionsfirma zugekauft wurden. Welche der Ideen gerade in Produktion sind oder bereits umgesetzt wurden, kann ich nicht sagen, da ich selbst viel zu selten Zeit finde fernzusehen.

Warum haben Sie im Internet nun 230 Konzepte für TV-Formate in einer Ideendatenbank frei zugänglich gemacht?

Ich habe auf Anfrage dem ORF meine Datenbank zur Verfügung gestellt, aber selbst nach einigen Wochen warten kein Feedback erhalten. Um dem üblichen Ideenklau der Branche vorzubeugen, habe ich nun beschlossen die Ideen zu entwerten, indem ich sie der gesamten Branche und damit auch den Mitbewerbern dieses Senders frei zugänglich mache.

Das Schweizer Fernsehen steht auch in der Kritik, zu viele ausländische Formate zu adaptieren. Kennt man dort Ihre TV-Konzepte?

Ehrlich gestanden hatte ich mit Schweizer TV-Stationen oder Produktionsfirmen bisher keinen Kontakt. Ich stelle es mir aber sehr spannend und herausfordernd vor, mit dreissig bis vierzig klugen Köpfen aus der Schweiz grosse Pools an Formatideen zu entwickeln und für den heimischen Markt masszuschneidern.

Sie scheinen mit dem TV-Business nicht nur gute Erfahrungen gemacht zu haben?

Die Idee ist in der TV-Branche alles und gleichzeitig nichts. Auf der einen Seite wird hemmungslos geklaut und der Begriff "Urheberrecht" ist ein Fremdwort. Auf der anderen Seite ist die Idee immer der erste und wichtigste Baustein für den Erfolg eines TV-Formats. Das Dilemma ist, dass man beispielsweise technische Neuerungen, Werke und Muster schützen kann, aber die Idee für ein neues TV-Format so gut wie kaum. Ich könnte mich für diese Branche mehr begeistern, wenn es hier endlich mehr Klarheit geben würde.

(Interview: Stefan Wyss)


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen