"Die Kirche verdient diese harmlose Berichterstattung nicht"

Papstwahl - Ein neuer Papst ist gewählt. Vor der Wahl berichteten die Schweizer Medien viel über rote Schuhe, weissen und schwarzen Rauch und schwarze und weisse Kardinäle, die Papst hätten werden können. "Sind wir bald Papst?", fragte der "Blick" und die hiesigen Zeitungen übertrafen sich gegenseitig mit hausgemachten Grafiken, Livetickern, Quiz und schulmeisterlichen Expertisen zum grossen "Spektakel". Was ist bloss los mit den säkularisierten Schweizer Medien? persoenlich.com hat sich im Vorfeld der Wahl mit Tagi-Journalist Michael Meier über die mediale Berichterstattung zum Konklave unterhalten. Sie sei so üppig wie noch nie, sagte der Vatikankenner, allerdings auch harmlos und kaum kritisch. Das Interview:

Herr Meier, momentan herrscht in den Schweizer Medien ein riesen Brimborium um die Papstwahl. Wie beurteilen Sie die Berichterstattung?
Es herrscht ein erstaunlich grosser Hype um die Papstwahl. Es wurde schon sehr viel heisse Luft verbreitet, um die Tage zwischen dem Rücktritt des alten und der Wahl des neuen Papstes zu füllen. Eigentlich kann man zum Thema fast gar nichts mehr sagen. Was mich an der Berichterstattung besonders stört, ist die Verharmlosung: Das Fernsehen zeigt Bilder vom Petersplatz mit Massen von Leuten und die Kommentatoren sagen, dass sich alle wahnsinnig auf den neuen Papst freuen. Dabei gäbe es neben diesen Enthusiasten auf dem Petersplatz doch auch kritische Stimmen, die der Meinung sind, man müsse die Kirche reformieren. Diese kommen in der Berichterstattung über die Kirche aber zu wenig zu Wort.

Die Berichterstattung ist dementsprechend zu wenig kritisch?
Absolut, dies übrigens vielleicht auch deswegen, weil zu wenig Wissen über die Institution vorhanden ist.

Man hat das Gefühl, dass die Schweizer Medien inhaltlich wenig zu dieser Papstwahl beizutragen haben, aber sehr viel schreiben. Man lernt viel über Rauch und das päpstliche Ornat – jeweils reich illustriert – Hintergründe zu den Papabili, ihre Weltanschauung und theologischen Ansichten werden weniger präsentiert, allenfalls, wird gefragt, ob sie in einen Missbrauchsskandal verwickelt waren.
Genau. Und durch diesen medialen Fokus wird das Ereignis verharmlost. Wenn die Medien etwa schreiben, es brauche jetzt einen schwarzen Papst, dann muss man die entsprechenden Kandidaten auch genau anschauen. Kardinal Turkson zum Beispiel, der sehr medienwirksam und smart von Plakaten lacht, ist gleichzeitig auch sehr islamkritisch und homophob, ein Kandidat, der etwa auch die Anti-Kondompolitik des Vatikans unterstützt. Setzt man sich mit den Kandidaten genauer auseinander, so wird es sehr schnell politisch. Die Medien hätten vielmehr berichten müssen, wofür die Top-Kandidaten genau stehen, als sich nur in harmloser Weise mit dem Spektakel aufzuhalten.

 

20min.ch: "Jetzt gibt es erst einmal Mittagessen im Gästehaus."

Teilen Sie den Eindruck, dass es unter den Schweizer Journalisten an Vatikankennern mangelt, die das Ereignis journalistisch solid begleiten können?
Es gibt tatsächlich nur wenige, vor allem bei den Zeitungen. Bei Radio und Fernsehen gibt es zwar einige Experten, diese treten bis jetzt aber sehr zurückhaltend in Erscheinung. Ich frage mich auch, ob für die jungen Online-Journalisten das Papsttum vielleich nur noch ein Kuriosum darstellt.

Es wird wohl auch künftig nicht mehr Vatikankenner unter den Schweizer Journalisten geben. Die Medien schalten sich, wenn es um den Vatikan geht, nur bei Grossereignissen ein.
Klar, jedoch schafft es die katholische Kirche immer wieder, sich in den medialen Fokus zu rücken. Und dann sind natürlich auch die Missbrauchsskandale immer wieder ein Thema. Unter den Kardinälen, die jetzt den Papst wählen, sind auch solche, die erwiesenermassen Missbrauchskandale vertuscht haben.

Parallel dazu ist in einigen Medien aber auch eine Tendenz dazu erkennbar, das Publikum förmlich zu unterrichten, Rainer Stadler schrieb in der NZZ etwa von "einem allgemeinen Weiterbildungskurs in katholischen Belangen". Woher rührt dieser Eifer angesichts von Medien und Öffentlichkeit, die sich kaum mehr über die katholische Kirche und den katholischen Glauben identifizieren?
Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, dass eine altehrwürdige, zweitausend Jahre alte, traditionelle Institution, die weltumspannend ist, eine natürliche Faszination ausübt. Die katholische Kirche ist der älteste Global-Player. Ich stelle diese Faszination gerade auch bei Reformierten fest, die fast etwas neidisch zu den Katholiken blicken, die eine Weltkirche mit einer klar akzentuierten Spitze haben.

Verschiedene Zeitungen brachten auch Kurt Koch als möglichen neuen Papst ins Spiel – ein absolut absurder Gedanke, der allenfalls nicht mehr als eine kurze Erwähnung verdient. "Blick" titulierte in Analogie zur "Bildzeitung" gleichwohl "Sind wir bald Papst?" und Sie gaben auf Tagesanzeiger.ch ein längeres Interview zur Frage, ob Kurt Koch denn das Zeug zum Papst hätte. Sind solche Erörterungen mehr als Entertainment?
Kurt Koch als möglicher Papst wurde vor allem von den Wochenzeitungen lanciert, darunter auch die "Zeit": Victor Willi schrieb einen Kommentar, der zeigt, dass er von der Sache nichts versteht. Ich habe das Interview bei tagesanzeiger.ch nur gegeben, um diese Spekulationen zu entkräften. Sie müssen bedenken, dass es immer auch Leute gibt, die die Lage nicht richtig einschätzen können, und einen Schweizer Papst Koch durchaus für möglich halten.

 

Blick.ch: "Sind wir bald Papst?"

Liegt das derzeitige Interesse und die Faszination der Öffentlichkeit an der Kirche vor allem an deren anachronistischer Obskurität, die in ihren Ritualen zum Ausdruck kommt und einen Kontrapunkt zur Moderne setzt?
Diese Faszination gibt es. Die Öffentlichkeit wird das Konklave aber vermutlich gar nicht als Obskurität wahrnehmen, das Papsttum übt eher eine ähnliche Faszination wie die Royals aus. Die Faszination für Monarchien und Papsttum funktionieren stark über die Personalisierung. Rituale wie der "weisse Rauch" oder das "extra omnes" – alle müssen raus, und die Kardinäle werden eingeschlossen – haben auch etwas Archetypisches, das der moderne Mensch vielleicht etwas verloren hat. Wobei ich nicht gesagt haben möchte, dass diese Rituale stimmig sind und auf eine tiefere Wahrheit verweisen.

War die mediale Berichterstattung – inklusive Social Media – jemals so üppig bei einer Papstwahl?
Nein, der Unterschied etwa zur Berichterstattung im Umfeld der Wahl Joseph Ratzinger zum Papst ist frappierend. Die Berichterstattung ist viel ausgedehnter geworden, bemerkenswerterweise auch dann, wenn es gar nichts zu berichten gibt. Vor acht Jahren haben wir beim Tagesanzeiger zum Vorkonklave so gut wie nichts berichtet. Jetzt herrscht Zugzwang, man hat das Gefühl, jeden Tag wieder etwas Neues bringen zu müssen. Die Berichterstattung ist viel üppiger geworden.

Was berichten Sie, wenn nichts zu berichten ist?
Ich berichte nicht soviel, aber man kann natürlich immer noch mehr Hintergründe bringen. So habe ich etwa eine Seite zur Geschichte des Papsttums geschrieben, auch darüber, wohin sich das Papsttum entwickeln sollte. Ich mache aber lieber nichts, als heisse Luft.

Bei Tagesanzeiger.ch gibt es jetzt auch ein Konklave-Quiz.
Das gibt es auch noch? Damit habe ich mich noch gar nicht befasst.

 

Tagesanzeiger.ch: "Quiz: Sind Sie fit für die Papstwahl?"

Was halten Sie von Live-Tickern zur Papstwahl, Websites wie Popealarm und die vielen Darstellungsskizzen zum Konklave?
Für mich ist das neu, ich beobachte alles, aber ich denke, der Erkenntnisgewinn ist an einem kleinen Ort. Das sind eher Spielereien und der Versuch, etwas näher dabei zu sein. Ich finde es ehrlich gesagt aber sehr schwierig zu sagen, was diesem Hype um die Papstwahl genau zugrunde liegt. Gewiss spielen die neuen Medien eine grosse Rolle, sie machen die umfangreiche Berichterstattung, die wir jetzt sehen, erst möglich. Mag sein, dass auch der überraschende Papstrücktritt von Papst Benedikt bei der medialen Aufmerksamkeit eine Rolle spielt.

20min.ch: "Die Papstwahl: Ablauf"

Für das Image der Kirche ist die, wie Sie sagten, "harmlose Berichterstattung", aber wohl eine riesige Chance.
Auf jeden Fall, die Kirche verdient diese harmlose Berichterstattung eigentlich gar nicht (lacht). Man hört jetzt immer wieder von Würdenträgern und kirchlichen Exponenten, die am öffentlichen Interesse an der Papstwahl eine klare Bestätigung für ihre Institution sehen. Ich finde die Verharmlosung schade und auch gefährlich.

Sie sitzen in Ihrem Büro in Zürich und schreiben nun regelmässig zur Papstwahl. Wie halten Sie sich selbst auf dem Laufenden?
Ich sitze jetzt natürlich auch ständig vor dem Fernseher und bin im Internet, ich habe meine favorisierten Sites, die ich immer wieder konsultiere, aber wie schon gesagt, vieles ist einfach Leerlauf. Nebenbei habe ich auch noch Austausch mit einigen Theologen, Journalisten oder auch Bischöfen, die einen, ohne indiskret zu sein, auf etwas hinweisen können.

Interview: Benedict Neff, Main-Bild: Keystone