Wie muss man sich das rumänische Mediensystem heute vorstellen?
Es ist ein unglaublich umkämpfter Markt. Es gibt knapp 40 rumänische TV-Stationen, die Werbung verkaufen, davon alleine 14 Sender mit Vollprogramm. Alle drängen in den Markt, weil die Wachstumsraten die höchsten in Europa sind. Fernsehen ist klar das Schlüsselmedium mit über 65 Prozent Marktanteil des Werbekuchens. Die rumänischen Medien sind alle sehr jung, die meisten wurden nach 1995 gegründet. Der Markt ist immer noch sehr stark in Bewegung, alle paar Wochen erscheint ein neues Magazin oder eröffnet eine neue TV-Station.
Welchen Stellenwert hat Ihre Firma, die SBS Broadcasting Group Romania, innerhalb der rumänischen Medienlandschaft?
Wir beschäftigen über 500 Mitarbeiter. Zu unserer Gruppe gehören die Privatfernsehen Prima TV und Kiss TV sowie die beiden Radiostationen Kiss FM und Magic FM. Wir sind die Nummer drei im TV und Nummer eins im Radio.
Ist es für einen Ausländer von Nachteil, einen Sender in Rumänien zu leiten?
Überhaupt nicht, Ausländer werden in Rumänien sehr zuvorkommend aufgenommen. So hat der Ringier-Verlag mit der Gratiszeitung Compact, die auf dem Wege ist, zur grössten Tageszeitung des Landes zu werden, eine sehr starke Stellung. Am meisten Schwierigkeiten hatte ich zu Beginn mit den Mentalitätsunterschieden. Rumänien ist eine Mischung zwischen Italien und Südamerika. Macht man mit einem Rumänen einen Termin auf eine Woche hinaus ab, klappt es bestimmt nicht. Es ist immer notwendig, sich am Vortag zu vergewissern, ob dieser Termin überhaupt eingehalten wird. Die Rumänien sind auch Weltmeister in der Improvisation, alles scheint erst chaotisch, aber am Schluss klappt es doch.
Welche Qualitäten muss ein TV-Manager in Rumänien haben?
Ich war zu Beginn oftmals zu nachgiebig. In der Zwischenzeit habe ich mir eine gewisse Härte zugelegt, die zum Überleben erforderlich ist. Gleichzeitig habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich relativ stressresistent bin. Sobald sich die Schwierigkeiten türmen und die Situation ausweglos erscheint, bin ich am ruhigsten. Dies ist in einem Land wie Rumänien nicht schlecht. Kurz nach meinem Start vor zwei Jahren wurde ich sofort ins kalte Wasser geworfen. Eine Gruppe unserer News-Journalisten wurde im Irak entführt. Doch irgendwie hatte ich bei der ganzen Geschichte ein schales Gefühl, zu viele Widersprüche tauchten auf. Am Ende stellte sich heraus, dass das Ganze eine Inszenierung war: Ein rumänischer Geschäftsmann, der wegen verschiedenster Delikte angeklagt war, versprach der Journalistengruppe einen Haufen Geld, damit er sie retten könne, um anschliessend als Held dazustehen. Richtig kompliziert wurde die ganze Sache aber erst, als unsere Leute von einer militanten Gruppe wirklich entführt wurden. Innert kürzester Zeit lernte ich den Präsidenten, den Ministerpräsidenten sowie den Chef des Inland- und Auslandgeheimdienstes kennen.
Wie endete die ganze Entführungsgeschichte?
Die Gruppe kam unversehrt frei, und mir fiel ein Riesenstein vom Herzen. Was genau geschah, wird wohl das Licht der Wahrheit nie erblicken.
Was ist für einen Schweizer schwer zu verstehen?
Die Korruption ist in Rumänien leider immer noch Alltag. Aber es ist Besserung in Sicht, es braucht jedoch noch sehr grosse Anstrengungen, scharfe Kontrollen aus Brüssel und einen Wechsel der Classe politique. Im Gegensatz zu Bulgarien gibt es hier aber überhaupt keine Gewalt im Business. Probleme werden hier mit Geld geregelt.
Die Hälfte der rumänischen Radio- und Fernsehsender ist unrentabel. Warum überleben diese Sender trotzdem?
Das ist mir auch ein Rätsel. Viele rumänische Medien gehören einflussreichen Politikern, auf lokaler und nationaler Ebene. Doch die Berlusconisierung hat auch ihre Grenzen. Mittlerweile kehrt im Medienbereich eine gewisse Normalität ein, Professionalität statt Propaganda. Ich nehme an, dass in den nächsten zwei Jahren einige Sender von der Bildfläche verschwinden werden.
Sie haben beim Schweizer Fernsehen und bei TV3 mit vielen Stars wie Kurt Aeschbacher oder Michelle Hunziker zusammengearbeitet. Sind diese mit den rumänischen TV-Grössen vergleichbar?
Überhaupt nicht. Im Gegensatz zu unseren Stars heben die Rumänen, wenn sie es geschafft haben, ab. Ein rumänischer Fernsehstar würde niemals in die Migros gehen, um einzukaufen. Auch sind deren Gagen im Verhältnis sehr hoch und lassen sich nicht mit denjenigen unserer Stars vergleichen. Mithilfe der Zeitungen treiben sie gegenseitig ihren Preis in die Höhe. Dies ist für mich eine äusserst heikle Situation, da bei uns der Rest der Belegschaft immer noch verhältnismässig wenig verdient.
Wie lange bleiben Sie noch in Rumänien?
Diese Frage drängt sich irgendwann auf. Nach vier oder fünf Jahren wird es Zeit für einen Wechsel: Trotz aller Liebe zum Land werde ich sicher nicht Rumäne.