Herr Wachter, Sie gehen Ende 2008 nach 38 Jahren beim Fernsehen in Pension. Auf was freuen Sie sich am meisten?
Auf weniger Termine und mehr Zeit für mich selbst und meine Familie.
Sie waren eigentlich immer der grosse Meister hinter den Kulissen und präsentierten sich nie gross im Rampenlicht. Nun wurden Sie in diesem Jahr von der "Schweizer Illustrierten" in die "Top 100" der wichtigsten Schweizer gewählt. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Es freut mich natürlich, dass auch die Arbeit von Personen, die im Hintergrund tätig sind, anerkannt wird. Man muss aber auch klar sehen, dass es sich dabei um eine von vielen Ranglisten handelt und man eine solche Auszeichnung nicht überbewerten darf.
Formate wie Music-Star, oder Die grössten Schweizer Hits waren Publikumsknaller. Was freut Sie mehr: Wenn eine Show in Ihren Augen perfekt ist oder wenn sich die Quoten überschlagen?
Am besten ist es, wenn sich das eine zum anderen deckungsgleich verhält. Wenn eine Sendung, zu der wir stehen können, beim Publikum Anklang findet, ist es ideal, denn beide Faktoren sind wichtig. Natürlich soll man immer sein Bestes geben und eine möglichst gute Sendung produzieren, im Zentrum stehen jedoch die Zuschauer. Ich sage das auch stets den Mitarbeitern, die neu beim SF anfangen: Ihr macht nicht Fernsehen für Euch oder Eure Freunde, sondern fürs Zielpublikum.
Gibt es Beispiele für Sendungen, von denen Sie qualitativ vollends überzeugt waren, die dann jedoch beim Publikum floppten?
Ja, wir haben einmal eine Late-Night-Produktion namens Task Forceproduziert, eine Late-Night-Show, die nicht funktionierte und sein Publikum nicht fand. Dann muss man das als Fehler anerkennen und die Sendung wieder aus dem Programm nehmen.
Sie waren als Redaktionsleiter für einige der erfolgreichsten Unterhaltungssendungen des Schweizer Fernsehens verantwortlich und scheinen ein Gespür dafür zu haben, was die Leute am Bildschirm sehen wollen. Gabe oder gelerntes Handwerk?
Ein Quäntchen Gespür muss man mitbringen, doch vieles ist gelerntes Handwerk und vor allem auch Erfahrung. Nach 38 Jahren spürt man, was die Leute sehen wollen und wie die Dramaturgie einer Sendung sein muss, damit sie funktioniert.
Doch gerade in einer solch langen Zeit haben sich doch vermutlich auch die Vorlieben und Geschmäcker des Publikums verändert?
Die haben sich zwar schon verändert, doch die Grundprinzipien des Fernsehens bleiben immer die gleichen. Es ändert sich der Schnittrhythmus und das Design der Produktionen, doch massgebend sind nach wie vor die Inhalte, die Leistungen des Moderators, die Gäste, die im Mittelpunkt stehen, sowie die Emotionen, die eine Sendung zu erzeugen vermag. Das ist heute genau das Gleiche wie vor 40 Jahren.
Kurt Felix schrieb einmal, dass es im Leutschenbacher Flurfunk verbreitet werde, dass im CH-Showbusiness niemand an Wachter vorbeikommt. Der Tages-Anzeiger betitelte Sie einst als Schleusenwärter mit grosser Entscheidungsmacht. Bekamen Sie also viele nette Briefe von Möchtegern-Moderatoren, -Tänzerinnen und -Sängern?
Es ist natürlich eine totale Fehleinschätzung, mich als den Mann mit der grossen Entscheidungsmacht zu bezeichnen. Einerseits haben die Redaktoren meiner Redaktion genau soviel zu sagen wie ich, da wir Entscheidungen gemeinsam treffen. Andererseits gibt es im Unterhaltungsbereich diverse andere Redaktionen, bei denen ich kein Wort mitrede. Benissimo und Happy Day sind zum Beispiel Sendungen, die von anderen Redaktionen produziert werden und da muss man nicht am Wachter vorbeikommen (lacht).
Sie haben soeben gesagt, dass es im Unterhaltungsbereich verschiedene Redaktionen gibt. Haben Sie auch mal mit dem Gedanken gespielt, Unterhaltungschef und damit Ihr eigener Chef zu werden?
Viel früher einmal, habe ich mit diesem Posten geliebäugelt. Dann habe ich festge-stellt, dass mein Job in der Hierarchie der höchste ist, bei dem man noch selbst Sendungen produzieren kann. Weiter oben geht es um Management und Administration und nicht mehr um die eigentliche Produktion. Mir ist der Bezug zum Produkt bzw. zur der Sendung wichtig. Ich möchte selbst im Studio oder auf dem Dreh sein, sonst entfernt man sich irgendwann vom Fernsehmachen.
Die Arbeit des Schweizer Fernsehens und insbesondere Unterhaltungsformate sind oft der medialen Kritik ausgesetzt mehr als früher?
Die Kritik ertönt heute häufiger, schärfer und zugespitzer. Früher gab man den Interpreten und Moderatoren eine Chance, sich zu verbessern und aus Fehlern zu lernen, auch wenn eine Sendung vielleicht einmal nicht so gut startete. Heute ist das Klima viel rauer. Man muss kommen und das muss gleich funktionieren, sonst wird man sofort abgeschossen.
Erschwert die schärfere Beobachtung der Medien auch Ihre Arbeit?
Der Druck ist natürlich grösser. Man muss lernen, damit umzugehen, dann ist es kein Problem.
Während den fast 40 Jahren beim SF, haben Sie viele Fernsehdirektoren kommen und gehen sehen. Hand aufs Herz, in welcher Ära hat Ihre Arbeit am meisten Spass gemacht?
Das ist schwer zu sagen. Über meine Vorgesetzten äussere ich mich grundsätzlich nicht, weil es dabei um eine persönliche Einschätzung aus einer subjektiven Warte geht. Der eine gewichtete die Information stärker, der andere legte mehr Wert auf die Kultur, das ist alles subjektives Empfinden, deshalb halte ich mich aus dieser Diskussion raus.
Was hat sich im Fernsehbusiness allgemein verändert in all diesen Jahren?
Es ist alles schneller und vor allem komplexer geworden. Früher arbeitete man auch bei Studioproduktionen oft in kleineren Teams. Heute gibt es insbesondere im Show- und Eventbereich ganze Marketing-Abteilungen, Design-Abteilungen, Online-Redaktion usw., die an einem Produkt mitwirken. Das macht das Ganze zu einem sehr komplexen Unterfangen.
Im Januar startet Ihr Music-Star in die vierte Runde ohne Sie. Erschweren solche Gedanken den Abschied?
Überhaupt nicht. Ich traf mich noch mit Gölä, um ihn davon zu überzeugen, dass er die richtige Person für die Jury sei. Ansonsten hatte ich mit dieser Staffel schon nichts mehr zu tun und habe mich dementsprechend auch nicht in die Arbeit meines Nachfolgers Sven Sarbach, der ja bereits an den letzten Staffeln als Produzent mitgewirkt hatte, eingemischt. Ich finde es wichtig, dass er völlig freie Hand hat und nicht immer jemand sagt ich würde es übrigens anders machen. Er soll es so machen können, wie er es für gut findet. In dem Sinne ist die vierte Staffel bereits nicht mehr mein Music-Star.
Trotzdem haben Sie das ganze Format auf die Beine gestellt und nun geht die Show so ganz ohne Sie weiter. Verspüren Sie da gar keine Wehmut
Nein, man muss auch loslassen können. Es war eine schöne Zeit mit vielen tollen Formaten, doch nun macht das jemand anders, mit anderen Vorstellungen. Ich finde es spannend zu sehen, wie die Sendungen mit einem neuem Gesicht daher kommen werden.
Sie haben Ihren Nachfolger, Sven Sarbach, angesprochen. Er tritt kein leichtes Erbe an. Sie haben sehr viel erreicht und waren sehr erfolgreich. Was geben Sie ihm für einen ultimativen Tipp mit auf den Weg?
Er soll für seine Ideen, Vorstellungen und Ideale von Sendungen kämpfen und diese auch durchsetzen. Das ist am Anfang vielleicht etwas schwieriger, wird aber einfacher, wenn man erste Erfolge vorzuweisen hat. Es lohnt sich, sich diese Unabhängigkeit zu erkämpfen und nicht den Weg des geringsten Widerstandes zu wählen.
Abschlussfrage: Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus? Gibt es irgendwann ein TV-Comeback?
Im Moment gibt es noch keine konkreten Zukunftspläne. Ich nehme es so, wie es kommt. Wenn mich ein Projekt interessiert, arbeite ich dort gerne mit. Es haben mich bereits verschiedene Personen kontaktiert. Ich werde nun von Fall zu Fall entscheiden, wo ich allenfalls meine Erfahrung einbringen kann.
(Interview: Corinne Bauer)