"Die Kunst liegt darin, Person und Wohnraum als Einheit festzuhalten"

SonntagsZeitung - Zuhause bei Herr und Frau Schweizer: Seit 2002 porträtiert die "SonntagsZeitung" in den Rubriken "Design your life" und "Daheim" bekannte und weniger bekannte Menschen mit interessanten Lebensentwürfen in ihrem privaten Umfeld. Nun ist ein Buch mit hundert dieser Wohnreportagen erschienen. Unter den Porträtierten: Beat Schlatter (Bild), Shawne Fielding, Jürg Marquard, Nadine Strittmatter, Ueli Steck, Clown Dimitri und viele mehr. Herausgeberin Claudia Schmid, Redaktorin der "SonntagsZeitung", erklärt im Interview das Format und seine Tücken. Und erzählt, bei wem sie am Liebsten eingezogen wäre.

Frau Schmid, vor kurzem erschien mit dem Buch "Daheim" eine Sammlung von 100 Wohnreportagen aus der "SonntagsZeitung". Was macht diese in Ihren Augen konservierenswert?
Die Bandbreite. Keine Zeitung hat in den letzten elf Jahren soviel verschiedene Schweizer Wohnrealitäten festgehalten. Über 600 Porträts sind dabei zusammengekommen. Wir haben einen "Waldmenschen" besucht, der mitten in der Natur im Emmenthal wohnt, aber auch die Milliardärin Caroline Scheufele von Chopard in ihrer Villa. Da nur zwei Fotografen – zuerst Zsimond Toth, dann Philipp Rohner – die Bilder gemacht haben, hat sich eine Art optische "Grundform" entwickelt, die jetzt im Buch noch viel besser zur Geltung kommt, als in der Zeitung. Zudem sind mittlerweile viele "Daheims" Zeitdokumente. Viele leben heute nicht mehr so, wie wir sie damals angetroffen haben. Oder sie sind gestorben – wie die Märlitane Trudi Gerster oder der Plastiker Bernhard Luginbühl.

"So wohnt die Schweiz", heisst es im Untertitel. Soll die Rubrik tatsächlich einen Querschnitt durch die Bevölkerung abbilden?
Natürlich. Wir besuchen nicht ausschliesslich Promis, wie das die "Schweizer Illustrierte" oder die Lifestyle-Homestory bei Tele Züri zu tun pflegen, sondern Leute, die ungewöhnlich wohnen oder ungewöhnliche Wohnformen leben. Im Buch sind etwa zwei Selbstversorger aus dem Onsernone-Tal verewigt. Manchmal reicht auch eine gute Idee. So stellten wir vor neun Jahren während der Adventszeit das Ehepaar Frieden vor, das damals seit 47 Jahren glücklich verheiratet war und im appenzellischen Weiler namens Weihnachten wohnte.

Wie wohnt sie denn so, die Schweiz? Sind die Schweizer originelle Wohner – oder doch eher und vor allem praktisch veranlagt?
Letzteres. Schweizerinnen und Schweizer haben einen pragmatischen Zugang zum Wohnen – was es nicht einfach gemacht hat, die Frage nach einem Schweizer Wohnstil in meinem Buch-Essay zu klären. Für viele – und damit unterscheiden sich die Schweizer von den Skandinaviern oder den Italienern - ist Design etwas Elitäres. Die bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschmack oder Stil wird wie in der Mode vor allem von Profis ausgeübt – also von Architekten oder Gestaltern. Was aber nicht heisst, dass ein "Daheim" besser ist, wenn es von einem Profi bewohnt wird. In jedem Heim finden sich interessante Gegenstände, die indirekt auf den Charakter einer Person hinweisen. Und wenn nichts darin zu finden ist, wie etwa in Ueli Stecks Chalet, dann ist das ja auch eine Aussage: Der Ueli, der wohnt in den Bergen draussen, nicht im Haus.

Wie treffen Sie die Auswahl der Personen?
Das ist sehr unterschiedlich. Grundsätzlich läuft die Suche immer auf mehreren Kanälen: Regelmässig besuchen wir Leute, die gerade im Gespräch sind, oft bekomme ich Tipps aus dem Bekanntenkreis, der Redaktion oder von freien Autoren. Weil ich viel reise, entdecke ich immer wieder mal spannende Leute, respektive deren Häuser. Alles in allem muss dann über die Wochen der Mix aus bekannteren und unbekannten Leuten, Regionen, aus Männer und Frauen, aus Bodenständigem und Eklektischem stimmen.

Einige der Porträtierten sind Promis. Sie haben ein gewisses Interesse daran regelmässig in den Medien erscheinen. Wie aber überzeugt man die Anderen ihre privaten Räume herzuzeigen?
Da hilft es oft, wenn man den Leuten einige Beispiele aus der Vergangenheit vorlegt. Gut gewählte Beispiele funktionieren als Köder. Einem Designer schicke ich vorab vielleicht das "Daheim" eines bekannten Architekten. Viele "unbekannte" Leute zeigen ihr Heim aber sehr gerne. Ein Porträt kommt dann fast einer Auszeichnung gleich.

Was ist die Herausforderung für die Journalistin?
Man muss sehr aufmerksam sein. Das "Daheim" bietet einem Möglichkeiten, besonders bekannte Personen in einem neuen Licht zu entdecken. Vielleicht gibt einem ja schon nur die Art und Weise, wie jemand einen Kaffee macht, wie er einem empfängt, oder ob er oder sie bittet, die Schuhe auszuziehen, einen Hinweis. Beim Schreiben liegt die Kunst darin, sich von gängigen Promi-Klischees zu lösen und die Person und ihren Wohnraum als eine Art Einheit festzuhalten, ohne ins Aufzählende zu kippen. Bei unbekannteren Personen muss man den Leser noch viel mehr an der Hand nehmen. Vielleicht ist das Haus oder die Architektur sehr aussergewöhnlich. Das muss man dann aber auch dem Leser klarmachen. Das Wissen über Stilepochen oder die Architektur des Hauses, kann helfen, ein Gespräch in Gang zu bringen – auch wenn am Ende nicht im Detail darüber geschrieben wird. Wir sind ja kein Fachmagazin.

Wie viel Zeit verbringen Sie jeweils in den fremden Wohnungen?
Ein Besuch dauert inklusive Fotos etwa zwei Stunden. Länger kann man die Konzentration auf beiden Seiten auch selten aufrechterhalten. Denn man muss ja nicht nur die richtigen Fragen stellen – sondern auch sehr viel Optisches aufnehmen.

Irgendjemand, mit dem Sie gerne getauscht hätten?
Es gibt da so ein Haus im Engadin, in dem ich mich sehr wohlgefühlt habe. Ich muss immer wieder daran denken. Es gehört dem Fotografen Peter Vann. Ein umgebauter, alter Stall mit riesigen Fenstern. Ich erinnere mich an gleissendes Sonnenlicht, welches das Wohnzimmer erfüllt hat, und eine wahnsinnige Aussicht. Eine knarrende Holztreppe führte in einen umgebauten Dachstock. Das ganze Haus war unprätentiös und gemütlich eingerichtet, aber da und dort hingen originale Pop-Art-Bilder, teilweise in der Küche. Das fand ich sehr cool.

Werden zuweilen auch Besuche nicht verwerten, weil sich Wohnraum oder Person als zu wenig spannend entpuppen?
Nein. Bei Leuten, bei denen ich unsicher bin, ob sie journalistisch genug hergeben, lasse ich mir manchmal Bilder der Wohnung zukommen. Damit ich absagen kann, bevor es zu spät ist. Grundsätzlich sollte es aber möglich sein, auch „Langweiler“ spannend zu beschreiben. Oft verrät einem ja schon das Bild, wie jemand drauf ist. Deshalb ist das Porträt so wichtig.

Ich glaube den Texten entnehmen zu können, dass die Hausherren recht oft versuchen den Journalisten oder die Journalistin zu "führen", sprich deren Interesse auf gewisse Gegenstände oder Räume zu lenken (und gleichzeitig vielleicht anderes zu kaschieren). Ist das so?
Eigentlich sollte das Gegenteil der Fall sein. Es ist sehr schwer, von sich aus über Stil zu sprechen. Dass Sie diesen Eindruck haben, liegt wohl eher an der Dramaturgie der Texte, die im Nachhinein entsteht, um die Dinge verbinden zu können.

Bald erhält die "SonntagsZeitung" mit Arthur Rutishauser einen neuen Chefredaktor. Wird die Serie weitergeführt?
Das weiss ich nicht. Ich habe Arthur Rutishauser aber bereits ein "Daheim"-Buch zugestellt, damit er zumindest die schönsten 100 Wohngeschichten schon mal beisammen hat.

Wie wohnt eigentlich Herr Spieler, der scheidende Chefredaktor?
Ich war noch nie bei ihm zu Hause. Vielleicht lässt er sich ja mal in Engelberg für ein "Daheim" besuchen, wenn er nicht mehr unser Chef ist. Ehrlich gesagt glaube ich aber nicht, dass er auf diesen Moment wartet (lacht).

Interview: Adrian Schräder//Bilder: Philipp Rohner