Die Meinung des Kanzlers

Gerhard Schröder - Ein Interview über Steinbrück, Putin und Ringier.

Gerhard Schröders politische Meinung ist wieder gefragt. Nach dem Wahlsieg der SPD in Niedersachsen und dem Einzug seiner Frau ins Landesparlament herrscht in Deutschland "Schröder"-Nostalgie. "persönlich" hat den Altkanzler in Hannover getroffen und sich mit ihm über Peer Steinbrück, Wladimir Putin, Michael Ringier, Marc Walder und Christoph Blocher unterhalten.

Herr Bundeskanzler ...

Nein, bitte Herr Schröder. Vor dem Amt hiess ich Herr Schröder, und nach dem Amt selbstverständlich wieder.

Herr Schröder, die Sozialdemokraten haben soeben in Ihrem Heimatland Niedersachsen die Wahlen gewonnen. Ist dies nun die Wende in Deutschland?
Ich würde es nicht als die Wende bezeichnen, da es sich um eine klassische Landtagswahl handelte. Es standen dabei vor allem regionale Themen im Vordergrund. Die Berliner Politik hat während des ganzen Wahlkampfs nur eine minimale Rolle gespielt. Gewonnen hat am Schluss die SPD, weil sie in den niedersächsischen Themen wie Bildungspolitik auch besser aufgestellt war.

Von aussen hatte man den Eindruck, dass Sie und Ihre Frau definitiv zu den "Clintons von Niedersachsen" geworden sind. Ihre Frau, Doris Schröder-Köpf, zieht neu in den Landtag ein.
(Lacht.) Nein, nein, in Niedersachsen gibt es keine Schröder-Dynastie. Aber man erinnert sich wohl gerne an meine Regierungszeit als Ministerpräsident zurück. Anfang der Neunzigerjahre hatten wir die erste rot-grüne Koalition vereinbart, die während einer Legislaturperiode sehr gut funktionierte. Anschliessend hatten wir sogar die absolute SPD-Mehrheit. Aber das ist Geschichte! Wenn man in diesem Wahlkampf an Schröder dachte, dachte man vor allem an meine Frau.

Jetzt untertreiben Sie.
Nein, das stimmt. Natürlich bin ich mehrfach bei Wahlveranstaltungen aufgetreten, aber dies hat das Resultat nicht weiter beeinflusst. Die SPD war dieses Mal wirklich gut aufgestellt. Stephan Weil, der bisherige Oberbürgermeister von Hannover, hat einen souveränen Wahlkampf absolviert. Und er wird ein guter Ministerpräsident, da bin ich ganz sicher. 

Was haben Sie Ihrer Frau während des Wahlkampfs geraten?
Ich würde einen Teufel tun, ihr irgendwas zu raten. Das war ihr eigener Wahlkampf. Und sie legt auch zu Recht Wert darauf, dass sie es ohne meine Hilfe durchgezogen hat. Ich bin stolz auf sie, dass sie das so toll gemacht hat.

Sie haben Ihr wirklich keinen Ratschlag gegeben?
(Lacht.) Nein, wirklich nicht. Ich habe mich seit 1998 – also seit genau fünfzehn Jahren – nicht mehr mit Landespolitik beschäftigt. In dieser Zeit hat sich wahnsinnig viel verändert. Ein Ratschlag von mir wäre völlig unangebracht gewesen. 

Dann sind die Frauen am Schluss wirklich stärker.

Ja, so ist es! 

Was würde sich für die Schweiz unter einer rot-grünen Bundesregierung ändern?
Wenig. Am wichtigsten ist und bleibt, dass die Beziehungen zwischen Deutschland und der Schweiz freundschaftlich sind – und dies ist eigentlich auch der Normalfall. Man sollte das Thema Steuerhinterziehung nicht als Gradmesser nehmen und unser Verhältnis auf das Problem der Steuerflüchtlinge reduzieren. Viel wichtiger wäre es nach meinem Dafürhalten, endlich das Problem des Zür- cher Flughafens zu lösen. Moritz Leuenber- ger hatte eine Lösung präsentiert, leider ist er damit im Schweizer Parlament gescheitert.

Aber der Steuerstreit ist doch ein Thema.
Ja, klar. Es dürfte aber auch bei Ihnen mittlerweile unbestritten sein, dass ein Geschäftsmodell, welches deutschen Steuerhinterziehern hilft, auf Dauer keine Überlebenschance hat. Ich glaube, dies hat auch die Mehrheit der Schweizer Banker begriffen. Für mich war klar, dass das Steuerabkommen, welches Herr Schäuble und Frau Widmer-Schlumpf verhandelt hatten, vor der diesjährigen Bundestagswahl keine Chance hat. Tatsache ist, dieses Abkommen ist tot und muss neu verhandelt werden. Nach der Wahl kann es neue Verhandlungen geben. Es wird aber ein anderes Abkommen als das bisherige werden, da die Mehrheit in der deutschen Länderkammer, dem Bundesrat, mittlerweile rot- grün ist. Ohne das Votum der Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft, ist nichts zu machen. Und Frau Kraft ist eine hochvernünftige Frau.

Beruht dieses Schweiz-Bashing nicht auf der Tatsache, dass die Schweiz nicht Mitglied der EU ist?
Nein, überhaupt nicht. Würde die Schweiz der EU heute einen Aufnahmeantrag stellen, wäre sie morgen dabei. Sie erfüllt alle Kriterien problemlos.

Aber vielleicht gibt es übermorgen die EU gar nicht mehr ...
Das ist Quatsch. Die EU wird überleben. Sie muss nur endlich begreifen, dass es bei einer gemeinsamen Finanzpolitik unumgänglich ist, auch die Wirtschaft, sogar in einem gewissen Rahmen die Sozialpolitik zu koordinieren. 

Ganz zum Schluss noch eine Frage zum Ringier-Engagement. Warum haben Sie dieses wenige Tage nach Ihrer Abwahl angenommen?
Dies hat ausschliesslich mit der Person von Michael Ringier zu tun, den ich – auch als Kunstsammler – sehr schätze. Michael Ringier weiss, dass die Herstellung von Publikationen etwas ganz Besonderes und Wichtiges ist. Dies kann man nicht von jedem Verleger sagen. Ringier ist der einzige Verlag, bei welchem ich ein solches Engagement eingegangen wäre. Dies hängt aber auch mit seinen Führungskräften wie Marc Walder zusammen.

Mit Marc Walder spielen Sie Tennis.
Ja, aber als ehemaliger Spitzenspieler ist er mir deutlich überlegen. Für Michael Ringier gilt dasselbe. Bei Marc Walder beeindruckt mich, dass er erkannt hat, dass verantwortlicher Journalismus und Print allen Prophezeiungen zum Trotz längst nicht tot sind. Gleichzeitig weiss er, dass die Zukunft der Branche in den digitalen Medien liegt. Er ist also nicht nur ein guter Sportler, sondern auch ein guter CEO. Nochmals zurück zum Tennis. So schlecht spiele ich aber doch nicht. In meiner Altersklasse kenne ich unter den ehemaligen Politikern keine Gegner, nur Opfer (lacht). 

Adolf Ogi hat Sie auch einmal herausgefordert?
Ja, aber zum Skilaufen. Dafür bin ich definitiv zu alt. Ich komme auch so gerne in die Schweiz. Die Schweiz ist ein tolles Land. Ich hatte bei einer Tagung vor einigen Jahren in Lausanne einmal eine muntere Auseinandersetzung mit dem damaligen Bundesrat Blocher, in der wir offen Rede und Gegenrede hielten. So tickt die Schweiz. Es ist beeindruckend, wie viel Mitspracherecht das Volk hat. Dabei zeigt die Mehrheit meist ein hohes Verantwortlichkeitsgefühl. In Deutsch- land ist eine solche Form von direkter Demokratie – nicht zuletzt aufgrund unserer historischen Erfahrung – derzeit undenkbar. Aber vielleicht lernen wir das noch von der Schweiz. 

Interview: Matthias Ackeret / Bild: Keystone

Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von "persönlich".