Frau Anthon, Sie haben in Ihrer Bachelorarbeit an der Zürcher Hochschule für Wirtschaft untersucht, welche Auswirkungen die "Blick"-Medienkonvergenz auf Journalisten hat – gleichzeitig sind Sie stellvertretende Ressortleiterin People beim "Blick". Wie schwierig war da die kritische Abgrenzung zu Ihrem Arbeitgeber?
Ich arbeite seit knapp zehn Jahren bei Ringier, insofern wusste ich im Vorfeld auf was ich mich einlasse und habe die Problematik mit meinem Thesis-Betreuer Hugo Bigi besprochen. Ich habe das Dilemma etwas entschärft, in dem ich die Interviews nie im Haus selber durchgeführt habe. Ich denke, das war auch für meine Interviewpartner wichtig, weil das eine Distanz zum Arbeitgeber erzeugt.
Wie offen konnten Ihre Kolleginnen und Kollegen mit Ihnen über ihre Anliegen und Kritik sprechen? Was war Ihr Eindruck?
Ich glaube sie konnten sehr offen mit mir sprechen, sogar offener als mit einem Aussenstehenden. Gerade weil ich selbst ein Teil des Newsrooms bin und deshalb sehr genau weiss, von was sie sprechen und an entsprechender Stelle auch nachhaken konnte.
Was sind Ihre Schlüsselerkenntnisse?
Dass die Lage gar nicht so schlecht ist, wie es Aussenstehende vielleicht wahrnehmen würden. Wenn ich Gespräche mit Leuten führe, die nicht im Newsroom arbeiten, dann merke ich, dass sie oft ein sehr negatives Bild haben. Aber die Newsroom-Mitarbeiter selber haben ein anderes, differenzierteres Empfinden. Was hingegen oft bemängelt wurde, sind Dinge wie fehlende Privatsphäre, etwa um ungestört Telefoninterviews durchzuführen. Ich stehe jetzt ja auch vor dem Gebäude in der Kälte (lacht).
Gemäss Ihrer Untersuchung ist die Mehrheit Ihrer Kolleginnen und Kollegen zufrieden mit dem Ist-Zustand, die Konvergenz werde von den "Blick"-Mitarbeitern als Erleichterung wahrgenommen. Gleichzeitig haben im Dezember gleich acht Redaktoren ihre Stelle gekündigt (persoenlich.com berichtete). Wie geht das zusammen?
Man muss natürlich sagen, dass diese Untersuchung vor rund einem Jahr durchgeführt wurde. Seither ist vieles anders. Dadurch, dass wir nun wieder vor einem Umbruch stehen, hat sich die Personalsituation noch einmal verändert. Aber die Erleichterung führe ich vor allem darauf zurück, dass Geschichten, die früher tagelang keinen Platz in der Zeitung fanden und am Schluss womöglich keine Relevanz mehr hatten, heute über andere Kanäle publiziert werden können. Der Journalist hat so viel mehr Möglichkeiten, seine Arbeit umzusetzen und gelesen zu werden.
Beobachten Sie Unterschiede zwischen der Rollenauffassung von Print- und Onlinejournalisten?
Ja, das gibt es bei Einzelnen sicher noch. Aber im Newsroom geht es um die Geschichte, nicht den Publikations-Kanal. Ich denke, die meisten haben den Wake-Up-Call gehört.
Sie sagen, das Arbeitsvolumen und der Zeitdruck sei durch die Konvergenz gestiegen – worunter auch die publizistische Qualität leide: Können Sie uns ein konkretes Beispiel nennen?
Onlinegeschichten versucht man sicherlich so schnell wie möglich zu publizieren – sobald die Grundrecherche gemacht ist. Leider kann das bedeuten, dass vielleicht auf einen zusätzlichen Telefonanruf zugunsten des Tempos vor der Veröffentlichung verzichtet wird. Aber ich finde, das hängt eher von der Geschichte als vom Medium ab.
Überstunden scheinen gemäss Ihrer Untersuchung bei der "Blick"-Gruppe als normal zu gelten. Wie motiviert man seine Mitarbeiter dazu?
Das ist eine gute Frage. Ich denke, wer bei uns arbeiten will, der zeigt von Anfang an Bereitschaft, mehr zu leisten. Man nimmt das bewusst in Kauf, es gehört zum 'Blick'. Wer sein Pensum lieber von 8 bis 17 Uhr abspult, wird sich kaum bewerben.
Aus Ihrer Befragung geht auch hervor, dass sich Ihre Kolleginnen und Kollegen mehr Personal und finanzielle Mittel wünschen. Ist das realistisch?
Ich denke schon, dass wieder mehr Mittel gesprochen werden. Aber es wird nicht zwingend in klassische schreibende journalistische Ressourcen investiert, sondern in anderen Bereichen wie die Technik, in SEO-Optimierung, Videoproduktionen. Damit, dass nicht plötzlich viel mehr Journalisten eingestellt werden, müssen wir uns wohl abfinden.
In Ihrer Arbeit empfehlen Sie die Umsetzung von fünf Punkten zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Darunter mehr Licht im Büro, regelmässige Blattkritik für jeden Kanal – so oft wie möglich und gemeinsame Aktivitäten der Kollegen. Welche Ihrer Vorschläge wurden berücksichtigt?
Also der Punkt mit der Blattkritik wurde beim 'Blick am Abend' schon vorher umgesetzt, auch beim 'SonntagsBlick' findet eine Besprechung statt, beim 'Blick' und Online noch nicht. Aber wir befinden uns ohnehin in einem Umbruch, da geschieht im Moment sehr viel.
Warum sind Sie überzeugte Konvergenz-Journalistin?
Mir gefällt das Tempo wahnsinnig gut und ich arbeite gerne an mehreren Themen gleichzeitig. Die Konvergenz macht den Job viel dynamischer. Diese Aufbruchsstimmung und die Geschwindigkeit macht es für mich aus.
Interview: Lucienne Vaudan, Bild: Thomas Buchwalder
Kaye Erika Cheska Anthon, geboren 1985 in Cebu (Philippinen), absolvierte 2008 die Ringier Journalistenschule und schrieb für verschiedene Produkte und Ressorts des Schweizer Verlags - unter anderem als Kolumnistin für die Tageszeitung "Blick". Als Journalistin war Kaye E.C. Anthon Teil des ersten Schweizer Newsrooms, welcher 2010 seinen Betrieb aufnahm. Aufgrund der langjährigen Erfahrung und Kontakte entschied sie sich, in ihrer Studien-Abschlussarbeit an der Hochschule für Wirtschaft Zürich den Newsroom der Blick-Gruppe zu untersuchen.
Die Arbeit mit dem Titel "Arbeiten im Newsroom: Wie wirkt sich Konvergenz auf Journalisten aus?" kann hier gekauft werden.