"Die Mitarbeitenden sind genauso entscheidend wie die Chefredaktion"

Landbote - Christoph Zimmer über die Aufgaben des neuen Chefredaktors Benjamin Geiger.

Herr Zimmer, Colette Gradwohl gibt die Leitung des "Landboten" ab "aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen über die Weiterentwicklung der Winterthurer Tageszeitung" (persoenlich.com berichtete). Worüber genau waren Sie sich nicht einig?
In den letzten Wochen zeigte sich in verschiedenen Gesprächen, dass zwischen dem neuen Verwaltungsrat und Colette Gradwohl in verschiedenen Bereichen unterschiedliche Vorstellungen darüber bestehen, wie sich der "Landbote" in Zukunft entwickeln soll. Colette Gradwohl und der Verwaltungsrat haben aber gemeinsam entschieden, diese Diskussionen nicht nach aussen zu tragen.

Ist Colette Gradwohl in diesen Tagen noch auf der Redaktion? 
Colette Gradwohl hat die Leitung bereits heute Montag an Benjamin Geiger übergeben. In den nächsten Tagen wird sie noch einige Arbeiten abschliessen und die Übergabe regeln. 

Colette Gradwohl war Chefredaktorin und gleichzeitig Geschäftsführerin. Wird Benjamin Geiger ebenfalls beide Funktionen übernehmen?
Nein, er wird sich voll auf die Redaktion konzentrieren. Für die meisten Verlagsaufgaben des "Landboten", zum Beispiel den gesamten Verkauf, ist bereits heute das Team der Zürcher Regionalzeitungen unter der Leitung von Robin Tanner verantwortlich. Daran wird sich nichts ändern.

Winterthur als sechstgrösste Stadt der Schweiz - und zweitgrösste im Kanton Zürich - hat nun keine Zeitung mehr mit eigener Chefredaktion. Befürchten Sie nicht, dass die Zeitung politisch und gesellschaftlich stark an Profil verlieren wird und viele Abonnenten künftig auf die Zeitung verzichten werden?
Winterthur hat mit Benjamin Geiger weiterhin einen eigenen Chefredaktor – aber er trägt auch die publizistische Verantwortung für den "Zürcher Unterländer" und die "Zürichsee-Zeitung". Dieses Modell funktioniert bei anderen Zeitungsverbünden in der Schweiz seit Jahren erfolgreich. Der "Landbote" wird weiterhin eine starke Tageszeitung für Winterthur bleiben und wie bisher bleibt Winterthur der bedeutendste Redaktions- und Verlagsstandort der Zürcher Regionalzeitungen.

Aber wie kann eine einzige Person die publizistische Verantwortung tragen für drei verschiedene Titel mit wöchentlich sechs Ausgaben? Hinzu kommt, dass die Redaktionen auch geografisch an unterschiedlichen Orten beheimatet sind. 
Es ja nicht so, dass Benjamin Geiger die Zeitungen alleine führen wird, er übernimmt diese Aufgabe gemeinsam mit starken Stellvertretern sowie einer Redaktionsmannschaft mit profilierten Stimmen. Die Mitarbeitenden der drei Zeitungen sind genauso entscheidend für den Erfolg eines Titels wie die Chefredaktion. Vor allem aber ist die Zusammenarbeit des "Landboten" mit dem "Zürcher Unterländer", der "Zürichsee-Zeitung" – und auch mit dem unabhängigen Partner "Zürcher Oberländer" –  für Winterthur und den Kanton Zürich eine Chance: Angesichts des wirtschaftlichen Drucks in der Zeitungsbranche hätten sowohl der "Landbote" als auch die anderen Partner der Zürcher Regionalzeitungen alleine kaum eine Perspektive. Gemeinsam sind sie aber auch in Zukunft auf kantonaler Ebene eine starke, unabhängige Zeitungsstimme neben NZZ und "Tages-Anzeiger" und können in ihrer Region eine umfassende Berichterstattung über die drei Regionen bieten.

Welche weiteren Veränderungen stehen beim "Landboten" an? Werden Stellen abgebaut?
Es wird durch die engere Zusammenarbeit der drei Zeitungen und die Mantelkooperation mit der "BZ Berner Zeitung" sicher Änderungen geben. In den nächsten Tagen wird Benjamin Geiger Gespräche mit den Mitarbeitenden führen und wir werden anschliessend so rasch wie möglich informieren.

Interview (die Fragen wurden schriftlich beantwortet): Edith Hollenstein, Hauptbild: Keystone