Herr Bigi, TeleZüri gehört seit letztem Jahr zu den AZ Medien von Peter Wanner. Wie stehen Sie zu dem Besitzerwechsel?
Ich finde es positiv, dass der Sender wieder an einen Verlag ging und nicht in politische Hände. AZ Medien ist ein Verlag, der expandiert und Peter Wanner sind elektronische Medien wichtig. TeleZüri ist die Lokomotive des Schweizer Privatfernsehens im regionalen und lokalen Bereich. Daher denke ich, dass dem Sender eine gute Zukunft bevorsteht.
Bestehen schon Pläne zu Änderungen beim Sender oder TalkTäglich?
Zurzeit ist mir in dieser Hinsicht nichts bekannt, aber ich schliesse es nicht aus. Die Verträge der bisherigen TeleZüri-Angestellten laufen noch bis Mitte Sommer, also wird sich bis dahin personell nichts ändern. Konzeptionell bin ich nicht zuständig und kann diese Frage daher nicht beantworten.
Wie sieht es für Sie persönlich aus?
Ich bin - als Ergänzung zu meiner Hochschultätigkeit und der Kommunikationsfirma mit meiner Frau - nach wie vor interessiert, ein Standbein im praktischen Journalismus zu haben. Auch bei TeleZüri.
Sie sind seit der Gründung bei TeleZüri dabei. Nun konzentrieren Sie sich mehr auf Ihre Lehrtätigkeit. Warum?
Als Gründungsmitglied war ich die ersten Jahre sehr aktiv und prägend für den Sender tätig, habe mich dann aber - nicht aufgrund des Senders, sondern wegen meiner eigenen Entwicklung - nicht im Fernsehbereich, sondern im Bereich der Lehre weiter spezialisiert. Für mich wurde dies ein immer wichtigeres Standbein. Es war mein inneres Bedürfnis, zu reflektieren und die Erfahrungen, die ich über die Jahre als praktizierender Journalist gemacht habe auch analysiert an Einsteiger weiter zu geben.
Seit letztem Dezember dürfen Sie sich Doktor nennen. Welchen Einfluss haben die Erkenntnisse aus Ihrer Doktorarbeit auf Ihre Arbeit als Journalist?
Im Tagesjournalismus bringt mir der Doktortitel natürlich nichts. Es wäre völlig verfehlt, zu behaupten, mit einem Doktortitel sei ich der bessere Journalist. Während meiner Doktorarbeit lernte ich aber, was es heisst, in die Tiefe zu gehen. Das ist weit entfernt vom Tagesjournalismus. Daher plädiere ich nun vielleicht noch mehr dafür, dass ein Teil des Journalismus auch in die Tiefe gehen muss. Dieser Recherchier- und Investigativ-Journalismus kostet etwas, aber man muss ihn ermöglichen. Eine gut recherchierte Story ist Knochenarbeit und kann nicht aus dem Tag heraus entstehen. Ich sehe es als positives Zeichen, dass jetzt auch Grossverlage wie zum Beispiel die Tamedia den investigativen Journalismus vermehrt fördern wollen.
Was muss im heutigen Journalismus verbessert werden?
Der Journalismus braucht mehr Echtheit statt Echtzeit. Den Primeur zu haben sollte heutzutage nicht mehr das Wichtigste sein, sondern dass die Information stimmt. Denn häufig ist es nicht mehr ein journalistisches Medium, das zuerst informiert, sondern irgendein Weblog. Gerade in diesem Zeitalter der globalen Kommunikation ist Journalismus noch wichtiger geworden. Ich hoffe und glaube auch, dass diese Zeit einen Wendepunkt für den Journalismus darstellt, aus dem er gestärkt hervorgehen wird. Vielleicht wird es weniger Journalisten brauchen, da es viel mehr Kommunizierende gibt, aber ihre Rolle wird noch viel wichtiger. Nur die Nachricht an sich ist noch keine journalistische Leistung, aber sie in den richtigen Kontext zu setzen schon. Dies ist eine wichtige Rolle des Journalismus, an die ich weiterhin glaube.
Können Sie dazu ein Beispiel geben?
Wenn der Direktor der Nationalbank mutmasslich in Devisengeschäfte verwickelt ist und man dies öffentlich machen will, braucht es dazu keinen Journalisten. Aber um die Situation zu analysieren und zu recherchieren, ob die Information auch wirklich stimmt und wie es so weit kommen konnte, braucht es Journalisten.
Wie lehren Sie dies Ihre Studenten?
Das MAZ ist bestrebt, Journalismus auch von seiner verantwortungsvollen Seite zu lehren. Es gibt grosse Zwänge, denen Journalisten ausgesetzt sind. Diese sind zum Teil ökonomischer Art, es gibt aber auch organisatorische und strukturelle Herausforderungen. Deshalb ist es heute noch wichtiger, dass man den angehenden Journalisten mit auf den Weg gibt, dass sie eine grosse Eigenverantwortung haben und nicht nur als Arbeitskraft in den Markt einsteigen. Ich selber bin involviert in einen Kurs zum Thema Journalismuskonzepte. Darin soll anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse aufgezeigt werden, wie Mediennutzung wirkt. Auch ein angehender Journalist sollte meines Erachtens minimale Kenntnis aktueller Forschungsergebnisse haben. Dieser Pflichtkurs zählt, wie ich in den Interviews mit MAZ-Absolventen erfahren habe, bei den Studierenden nicht zu den beliebtesten. Journalisten, die bereits praktisch tätig sind, wollen vor allem praktisch profitieren und nicht zwingend ihr Schaffen reflektieren.
Aber nehmen die Studenten diese Verantwortung im Arbeitsalltag wahr?
Eher nicht, zumindest nicht bewusst. Meine Doktoratsstudie befasste sich damit, welche Relevanz die Journalistenausbildung letztlich in der journalistischen Praxis hat. Diese Studie zeigte auf, dass die Mehrheit der untersuchten jungen Journalisten während der Ausbildung und auch danach in der Praxis sehr ökonomisch denken. Ihr primäres Ziel ist es also, einen besseren Job zu erhalten. Der eigene Wert auf dem Arbeitsmarkt steht im Vordergrund. Sie machen sich wenig Gedanken über die gesellschaftliche Verantwortung, die sie als Journalisten innehaben. Wenn man davon ausgeht, dass der Journalismus auch in der heutigen Zeit die Demokratie stärken und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen soll, bezweifle ich, dass dies genügend umgesetzt wird.
Wie haben sich die Studenten verändert, seit Sie dozieren?
Viele Studierende erscheinen mir selbstbewusster und auch fordernder. Sie wissen eher schon, was sie wollen.
Stehen Ihre beiden Rollen als Journalist und Wissenschaftler manchmal in Konflikt?
Fakt ist, dass gerade im Bereich der Medien noch immer eine tiefe Kluft zwischen Wissenschaft und Praxis besteht. Ich bin einer der wenigen, die beide Seiten praktizieren, kann die beiden Rollen aber auch trennen. An ein TalkTäglich würde ich niemals mit wissenschaftlicher Methodik herangehen. Was ich aber aus der wissenschaftlichen Arbeit mitnehmen kann, ist der kritische Blick, das Durchhaltevermögen und eine gewisse Gelassenheit. Denn bei der wissenschaftlichen Arbeit steht man zum Teil über Jahre konstant unter Druck, schleppt die Arbeit mit sich herum, bis man sie endlich abgeben kann. Dabei ist Kondition und Konzentration noch viel wichtiger als bei dem Stress, den man aus dem Tagesjournalismus kennt.
Inwiefern sind Sie ein Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Praxis?
An der Hochschule für Wirtschaft in Zürich schlage ich mit jeder Lehrveranstaltung Brücken zwischen Wissenschaft und Praxis. Aber auch am MAZ versuche ich, gewisse wissenschaftliche Erkenntnisse in die praxisorientierten Kurse einzubringen. Es ist mir wichtig darauf hinzuweisen, dass es sich lohnt, noch einmal zu reflektieren, bevor eine Story publiziert wird. Genauigkeit ist in der Wissenschaft Pflicht und ich denke, wenn der Journalismus weiter diese gesellschaftstragende Rolle spielen will, dann ist Exaktheit auch im Journalismus von grosser Bedeutung.
Was müssen angehende Journalisten unbedingt beachten?
Es braucht nach wie vor Herzblut. Sie oder er muss dafür - und nicht davon - leben wollen. Ausserdem braucht man eine kritische Haltung. Und zwar nicht nur gegen die Politik oder die Wirtschaft sondern auch gegen das eigene Umfeld und den eigenen Chef. Man sollte nicht einfach auf einen Zug aufspringen, sondern zuerst abwarten und herausfinden, wo der Zug überhaupt hinfährt und ob es der richtige Zug ist.
Interview: Sibylle Lagler