Die neue 20 Minuten-App im persoenlich.com-Test

#20minupdate - Lange und grossspurig angekündigt: Ab Montag gibt es die neue Anwendung von 20 Minuten für Smartphones. Auf vier Ansichten liefert die Würfel-App personalisierbare Nachrichten und setzt stärker auf Community und Spiele. Über eine Million Franken hat Tamedia für das neuste Projekt ausgegeben. Top oder Flop? persoenlich.com hat die Applikation im Vorfeld getestet.

1. Wie gut ist das Würfeldesign?
Wer die App zum ersten Mal öffnet, wundert sich über den Hype darum - zumindest auf den ersten Blick. Die ClassicView (in der App verwirrenderweise «Front» genannt) liefert von der Redaktion kuratierte Nachrichten. Alles wie gehabt; gleiches Design, gleiche Schrift und gleicher Inhalt. Die Dimension der Veränderung zeigt sich erst mit dem Wisch nach rechts. So kommt man nämlich zu den anderen Ansichten namens SocialView, PlayView und PersonalView. Die App bietet eine solche Vielzahl an neuen Features, dass 20 Minuten Gefahr läuft, die Leser zu überfordern. Die Gliederung in die vier verschiedenen Views sorgt aber für Ordnung im Gewirr. Und wer den Überblick doch verliert, klickt rechts oben auf die Menüleiste und erhält eine genaue Übersicht des Angebots.

 

2. Was bringt die Geo-Lokalisierung?
Die Reader-Activity-Map zeigt genau an, wo sich die Leser der App befinden. Zoomt man heran, sieht man beispielsweise, dass die Anwendung im Starbucks beim Zürcher Central dreimal geöffnet ist, oder dass sich gerade zehn Leser am Bahnhof Tiefenbrunnen in Zürich befinden. Ein lustiges Tool, dass den Nutzern jedoch genau vor Augen führt: 20 Minuten weiss jederzeit wo du bist. Auch wenn das nicht so ist, weil die Daten nicht personalisiert sind und nach 15 Minuten wieder gelöscht werden (siehe Interview mit Peter Wälty), bleibt der Gedanke wohl doch bei manch vorsichtigem Benutzer hängen.

 

3. Was bringt die PersonalView?
Wer die App nutzt um Nachrichten zu konsumieren, kommt gut ohne Login zurecht. Will man sich allerdings aktiv an der Community beteiligen, kommt man nicht darum herum, sich anzumelden. Dann sind Angaben wie Name, Geburtsdatum, Wohnort und Geschlecht Pflicht. Wer gern mehr über sich preisgibt, kann ein Bild hochladen und weitere Angaben wie «Wenn ich ein Auto wäre, wäre ich...» oder «Wenn ich ein Instrument wär, wär ich...» machen. Die Möglichkeit sein Profil derart auszuschmücken zeigt, was 20 Minuten mit der App anstrebt - nämlich eine Social-Media-Plattform zu werden. Zurzeit können die Leser erst über die Kommentarfunktion öffentlich miteinander in kommunizieren. Lange wird dies wohl nicht so bleiben.

 

4. Wie wird der Leser zum Poweruser Pro?
Während andere Portale sich aus Qualitätsgründen überlegen, die Kommentarfunktion kostenpflichtig zu machen, ruft 20 Minuten die Leser mittels öffentlichem Ranking dazu auf, sich aktiv zu beteiligen. Fotoreporter oder Kommentar-Schreibende werden mit Punkten belohnt und erhalten am Schluss je nach Aktivitätsrate Titel wie «Opinionleader Pro», «Newsreader Pro» oder «Nice Guy Pro» (warum sind eigentlich alle Begriffe in Englisch?). Ist man eingeloggt, ist es ein Leichtes, sich in der Community zu beteiligen. Postet man einen Kommentar oder ein Bild erscheint beim Glöckchen rechts oben eine Mitteilung, sobald ein anderer Leser in irgendeiner Form auf das Geschriebene oder das Foto reagiert. Wer seine Personendaten für sich behalten will, kann die Leserkommentare in der SocialView live mitverfolgen und bewerten, ohne eingeloggt zu sein.

 

5. Wer will Leserbilder sehen?
Eine übergrosse Zuccetti, zwei Büssi im Stroh oder ein Kaffee mit verziertem Milchschaum: Im Bilder-Feed werden künftig (fast) alle Bilder von «Leserreportern» veröffentlicht. Dabei geht es nicht mehr um Fotos von Unfällen oder Unwettern, die schnellstmöglich an die Redaktion gelangen sollen, sondern um Unterhaltung. Rund 300 Leserbilder erhält die Redaktion am Tag. Tendenz steigend, denn vor allem junge Leser möchten sich vielleicht mit dem Titel «Photoreporter Pro» (siehe Punkt 4) brüsten. Leserreporter erhalten übrigens bereits beim Hochladen Arbeitsanweisungen («bitte die Kamera quer halten»). Das System des Bilder-Feed ist einfach: In der SocialView sind die von der Community am meisten «gelikeden» Bilder zu sehen, in der PersonalView greift das System auf die Stichworte zurück, mit denen der Leser seine Interessen beim Login hinterlegt hat. Das Ganze erinnert an den sozialen Fotodienst Instagram, mit dem Unterschied, dass man sich den Bilder-Feed von 20 Minuten auch ohne Login anschauen kann. Man fragt sich: Wen interessieren diese Bilder? Wir glauben: Viele Pendler zum Zeitvertreib.

 

persoenlich.com findet: Die App ist punkto Design, Community und Nutzererlebnis wohl das beste, was zurzeit auf dem Schweizer Markt ist. Fraglich ist, wie viele der 3,6 Millionen Nutzer wirklich nach rechts wischen und die drei zusätzlichen Ansichten nutzen. Die Daten, die Tamedia durch die Personalisierung sammeln kann, sind wichtig für die Vermarktung. Ob die Applikation die Kosten von über eine Million Franken Wert war, wird sich zeigen. Klar ist: Das Medienhaus kann die Anwendung als Eingangspforte für aufgekaufte Onlinedienste wie Zattoo oder Partner wie den Filmverleih HollyStar nutzen. Es ist wohl eine Frage der Zeit, bis Ricardo (die Weko hat den Kauf kürzlich bewilligt) in irgendeiner der Views auftaucht.

Text: Michèle Widmer, Bilder: Screenshots und zVg.