"Die NZZ hat beim Mantel exakt unser Abgeltungsmodell kopiert"

Südostschweiz Medien - Das Lebrument-Medienimperium muss einen herben Rückschlag hinnehmen: Der am Dienstag bekannt gewordene Deal, wonach vier Zeitungen künftig nicht mehr mit Südostschweiz Medien kooperieren, sondern mit der NZZ, ist ein grosser Dämpfer für den Bündner Verlag. Damit sackt die abonnierte Auflage ab und fällt neu auf 82'000 Exemplare – weit unter die magische Grenze von 100'000. Warum siegte schliesslich die Zürcher Mediengruppe? Im Interview erklärt Andrea Masüger, CEO der Südostschweiz Medien, unter anderem wie es der NZZ gelang, den "Boten der Urschweiz" zu ködern.

Herr Masüger, die Nachricht, wonach der "Werdenberger & Obertoggenburger", der "Bote der Urschweiz", das "Liechtensteiner Vaterland" und die "Rheintalische Volkszeitung" aus Ihrem Verbund ausscheiden, kam am Dienstagabend sehr überraschend (persoenlich.com berichtete). Wann haben Sie selber von dieser Entscheidung erfahren?
Für uns war dies alles andere als überraschend. Der laufende Vertrag war bis Ende 2013 begrenzt. Wir verhandelten seit Längerem über eine Verlängerung, im Wissen darum, dass auch andere Verlage, wie die NZZ, an den Titeln interessiert waren. Überraschend für mich ist eher, dass von diesen Gesprächen und Verhandlungen, die über Monate liefen, nichts an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Dies spricht für die Zuverlässigkeit der Verhandelnden.

Wie genau kam es dazu, dass sich die vier Zeitungen entschieden, sich der NZZ-Gruppe anzuschliessen?
Einige dieser Titel sind entweder im Besitze oder in einem starken Nahverhältis zur NZZ. Es war absehbar, dass diese nach Ablauf unseres Zusammenarbeitsvertrages zur NZZ wechseln mussten. Der Südostschweiz-Verbund wurde ja vor 16 Jahren gegründet, als die NZZ noch nicht so aggressiv Regionalverlage zusammenkaufte.

Der Grund liegt im Auslaufen der Verträge.
Ja. Wie gesagt: Der Zusammenarbeitsvertrag lief aus und musste neu verhandelt werden. Da meldeten sich eben neue Interessenten, bzw. die NZZ machte ihre Mehrheitsverhältnisse geltend.

Warum konnten die Südostschweiz Medien den vier Titeln kein so attraktives Angebot machen wie die NZZ-Gruppe?
Gemäss meinen Informationen waren die Angebote vergleichbar. So hat die NZZ bei den Mantelkosten exakt unser Abgeltungsmodell kopiert. Ausschlaggebend für den Wechsel waren die oben angeführten Gründe.

Sie sprachen vorhin von "Mehrheitsbesitz" oder "starkem Nahverhältis" zur NZZ. Doch am "Boten der Urschweiz" ist die NZZ nicht beteiligt.
Den "Boten der Urschweiz" hat man mit der Einstellung seines Hauptkonkurrenten, der "Neuen Schwyzer Zeitung", geködert. Auch diese gehört der NZZ.

Wer genau zog die Fäden innerhalb der NZZ?
Das weiss ich nicht.

Beim Deal könnte es sich um die letzte grosse Abschieds-Tat von Noch-NZZ-CEO Albert P. Stäheli handeln.
Ich möchte Polo Stäheli nicht gönnen, dass dies als eine seiner grossen Taten in die Geschichte eingehen wird. Denn diese bringt der NZZ zwar etwas mehr Auflage, der Südostschweiz aber einen Verbund, der nun geschlossener und abgerundeter auftritt als früher. Unsere wichtigsten Partner sind weiterhin dabei, und diese sind unabhängig. Parter, die im Besitze anderer sind, sind immer Wackelkandidaten. Die Südostschweiz gehört weiter zu den grossen Deutschschweizer Zeitungen. Und manche Werber, die sich früher an gewissen Angebotsüberschneidungen im St. Galler Rheintal und in der Innerschweiz gestört haben, werden sich über das entschlackte Gebiet nun freuen. Das haben erste Gespräche gezeigt.

Die Auflage des übrig gebliebenen Verbundes beträgt noch 82'083 Exemplare. Mit unter 100'000 gehören Sie nun nicht mehr zu den grossen nationalen Titeln. Was bedeutet dies für den "Südostschweiz Medienverbund"?
Ist die "Basler Zeitung" kein grosser nationaler Titel? Wir werden künftig in dieser Grössenordnung sein. Wir werden weiterhin zu den Top-Ten in der Deutschschweiz gehören. Die magische Grenze von 100’000 Exemplaren ist zu relativieren. Sie spielt im Lesermarkt keine Rolle, und im Werbemarkt wird eher auf die Leserzahlen und auf Attraktivität sowie Kaufkraft eines Gebietes geachtet als auf die Auflage. Gerade bei der Kaufkraft zählt die Südostschweiz, dank den tiefen Lebenshaltungskosten, zu den attraktivsten Regionen der Schweiz.

Welche Auswirkungen hat diese "Umorganisation", wie Sie den Deal nennen, auf das Personal?
Nach heutigem Stand hat sie keine Auswirkungen. Die interne Arbeit bei den Südostschweiz Medien ist vom Verhalten externer Partner nicht abhängig.

... und auf Ihre eigene Arbeit?
Ausser, dass ich jetzt einige Interviews geben muss, sehe ich auch keine speziellen Veränderungen.

Interview: Edith Hollenstein