Wie beurteilen Sie die NZZ als Institution, ihren Stellenwert in der Wirtschaft? Wie hat sich das Netzwerk rund um die NZZ in all den Jahren entwickelt?
Die NZZ kann nächstes Jahr ihr 225-Jahr- Jubiläum feiern. Der Dichter, Maler,Verleger und Forstmeister Salomon Gessner gründete 1780 die damalige Zürcher Zeitung zusammen mit Orell und Füssli. Seit dieser Gründung behauptet sich das Blatt als Informationsorgan von hoher Qualität und liberaler Grundhaltung. Genau dieser Auftrag ist auch Teil der Statuten der 1868 gegründeten Aktiengesellschaft für die Neue Zürcher Zeitung. In der Zwischenzeit ist aus dem Einproduktunternehmen NZZ eine stattliche Unternehmensgruppe herangewachsen.Wir führen innerhalb der NZZ AG verschiedenste Produkte, NZZ Folio, NZZ Online, NZZ am Sonntag, eine internationale Ausgabe. Zusätzlich haben wir rund um die NZZ eine Gruppe von Regionalzeitungen aufgebaut und uns vermehrt im Druckbereich engagiert. Diese facettenreiche Entwicklung war Grund genug für meinen Entschluss, zusammen mit meinem Mitarbeiter Pascal Morf eine Publikation zur Geschichte des Unternehmens NZZ zu verfassen. Sie wird im Januar 2005 erscheinen.
Warum aber hat die NZZ diese Ausstrahlung? Man hat immer das Gefühl, die NZZ sei mehr als eine Zeitung, sie sei Teil eines grösseren Netzwerks, vor allem mit der Freisinnigen Partei.
Da muss man schon mal festhalten: Die NZZ ist älter als die damalige Freisinnige Partei im Kanton Zürich oder die FDP auf eidgenössischer Ebene. Seit ihrer Gründung ist die NZZ eigenen Werten verpflichtet. Die NZZ wurde aus dem liberalen Gedankengut heraus gegründet, und der klare politische Auftrag verpflichtet sie auch heute noch. Natürlich vertreten wir zum Teil die gleichen Werte wie die Freisinnig Demokratische Partei. Aber: Die NZZ ist ein Meinungsblatt und kein Parteiblatt. Auch wenn es in der Geschichte der NZZ immer wieder Versuche gab, die NZZ stärker in den Dienst der Partei zu stellen. Doch da haben wir eine klare Meinung: Die NZZ fühlt sich nicht der FDP verpflichtet, sondern ist ein Blatt mit qualitativ und politisch hohem Anspruch, das sich an der liberalen Denkweise orientiert.
Dennoch scheint es, dass die Gemeinsamkeiten auch schon grösser waren. Heute hat man das Gefühl, die Distanz sei ziemlich gross.
Es hat in der Geschichte der NZZ sicher Phasen gegeben, in denen die Nähe zur FDP grösser war. Gerade in der heutigen Zeit ist es aber wichtig, dass die NZZ ihren politischen Auftrag nicht vergisst. Dabei hat die NZZ zur FDP eine gute Beziehung, aber sie kann und will nicht Sprachrohr der Partei sein. Laut Redaktionsstatut erwarten wir von unseren Redaktorinnen und Redaktoren, dass sie ihre Meinung kundtun. Da kann es nicht sein, dass sie sich bei politischen Kommentaren an der Parole der FDP orientieren müssen.
In welche Richtungen kann sich die NZZ-Gruppe noch entwickeln? Das Zeitungsgewerbe steckt strukturell in sehr schwierigen Zeiten. Wo hat die Gruppe Wachstumspotenzial?
Wachstum um jeden Preis ist für ein Unternehmen doch kein Ziel. Die NZZ bleibt das wichtigste Produkt in unserer Gruppe.Wir als VR müssen sehr sorgfältig beobachten, was am Markt geschieht.Wie viel des Inserateeinbruchs ist konjunkturell, wie viel strukturell bedingt? Das hat Konsequenzen: Die NZZ muss erfolgreich weitergeführt werden; das heisst: Wir müssen die Qualität erhalten; wir müssen die Kosten und Erlöse in eine vernünftige Relation bringen; wir haben zu überlegen, welche Anpassungen unser Produkt braucht. Und:Wir müssen auch auf die sich ändernden Mediennutzungsgewohnheiten reagieren.
Können Sie das ein wenig konkreter fassen? Was heisst das: das Produkt anpassen?
Ich habe die 225 Jahre NZZ im Detail analysiert. Die Entwicklung der NZZ verlief nicht zuletzt deshalb so erfreulich, weil man sich nie auf kurzfristige Trends einliess. Das soll auch so bleiben. Aber trotzdem gilt für uns, dass die NZZ in der Zukunft sehr sorgfältig an neue Herausforderungen anzupassen ist.Aber dazu möchte ich keine öffentliche Diskussion. Da mache ich nicht einmal Andeutungen.
Aber es geht grundsätzlich um Gesundschrumpfung?
Das würde ich nicht so sagen. Bei der NZZ geht es darum, dass man die Qualität erhält, dass man die richtigen Anpassungen macht, um die Position als nationale Zeitung mit internationaler Ausstrahlung mindestens halten, hoffentlich ausbauen zu können. Etwas anders ist es natürlich aus der Sicht der NZZGruppe als Ganzes. Das Beispiel der Zürcher Regionalzeitungen zeigt, dass ein Netzwerk zu schaffen ist, damit im Verbund eine Chance besteht, die Zukunft zu meistern. Wir als grosses Medienhaus wollen die Regionalzeitungen erhalten. Das heisst, wir unterstützen sie, damit eine vernünftige Relation der Kostenund Erlös-Strukturen erreicht werden kann. Ihre Stärken im lokalen Bereich sind zu fördern; gleichzeitig ist ein Verbundnetz, besonders unter den regionalen Zeitungen, aufzubauen, das die notwendigen Synergien bringt.
Glauben Sie, dass die NZZ ihrem Nimbus noch entspricht, zu den besten Zeitungen der Welt zu gehören? Man hört oft den Kosenamen der alten Tante.
Das hat man schon vor langer Zeit gesagt und es oft auch eher als Kosenamen gemeint. Im März 2003 hat eine Umfrage der Internationalen Medienhilfe in 50 Ländern ergeben, dass die NZZ die drittbeste Zeitung der Welt, hinter der The New York Times und der Financial Times ist. Die NZZ ist heute eine Kombination aus Traditionsbewusstsein mit einem sehr traditionellen Design und aus einem modernen Konzept der Informationsvermittlung. Die NZZ ist im nationalen und internationalen Umfeld in Bezug auf Qualität und Glaubwürdigkeit wirklich akzeptiert. Das wissen wir aus regelmässigen Umfragen. International bin ich immer wieder überrascht, wenn ich im Ausland als NZZ-Präsident für die Qualität der Zeitung gelobt werde.Das heisst aber nicht, dass wir nicht weiter daran arbeiten müssen. Wir haben uns immer wieder kritisch zu hinterfragen: Liegen wir bezüglich Inhalten, aber auch der Gestaltung des Blatts richtig, erreichen wir die richtigen Leute, sind wir schnell genug?
Wenn Sie sich hinterfragen, heisst das, dass es nicht der Fall ist?
Doch, es ist der Fall. Aber auch eine erfolgreiche Marke wie die NZZ darf sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen.