Herr Aust, praktisch geschlossen schätzten die Medien den Ausgang der Wahlen in Deutschland falsch ein. Muss Ihre Zunft -- und insbesondere der Spiegel -- über die Bücher, wie Kanzler Schröder es in der Elefantenrunde angemahnt hat?
Überhaupt nicht. Wir haben immer über das geschrieben, was ist. Der weit überwiegende Teil der Berichterstattung des Spiegels in den letzten Wochen und Monaten bezog sich auf konkrete Ereignisse der Aktualität. Dazu haben wir selbstverständlich von Zeit zu Zeit auch Geschichten über die Prognosen der Meinungsforschungsinstitute gebracht. Ich hege generell eine gewisse Skepsis gegenüber Meinungsforschern und deren Ergebnissen in der Vorwahlzeit. Sie sind nicht mehr als Schnappschüsse von beweglichen Zielen. Bei den diesjährigen Wahlen kann man die Schwankungen jedoch nicht den Meinungsforschern anlasten. Die deutsche Bevölkerung war sich einfach nicht im Klaren, ob sie die einen oder die anderen wählen soll. Es ist also sozusagen das Problem des Wählers, wenn er sich von jetzt auf gleich anders entscheidet. Für die -- durchaus legitime -- Wankelmütigkeit der Leser gibt es ein gutes Beispiel: Im Mai bei den Bundeswahlen in Nordrhein-Westfalen hat die Mehrheit CDU gewählt. Schon im September hatte die SPD mehr Stimmen. Also, was können wir dafür, wenn sich die Leute einmal so und das nächste Mal andersrum entscheiden?
Andere haben die Falscheinschätzung so interpretiert: Nicht nur die Politik, sondern auch die Medien kennen die Wünsche der deutschen Bevölkerung nicht.
Ich glaube, die Bevölkerung selbst weiss nicht genau, was sie will. Sonst wäre sie nicht so wankelmütig. Die Wähler sind beweglicher geworden. Ich persönlich finde dies nicht weiter schlimm.
Hat der Spiegel Kanzler Schröder im Vorwahlkampf zu hart angefasst?
Nein, das glaube ich nicht. Wir haben uns mit dieser Regierung so kritisch beschäftigt, wie mit allen Regierungen zuvor auch. Wenn ich mir die Spiegel-Berichterstattung über 16 Jahre Kohl ansehe, ist die durchgehend sehr viel kritischer, als sie Schröder gegenüber ist. Bei Schröder wechselten sich Phasen freundlicher Berichterstattung mit anderen ab. Die Art und Weise der Berichterstattung ist doch davon abhängig, was gerade passiert. Vor den Wahlen 2002 etwa haben wir mindestens eine Titelgeschichte darüber gemacht, wie recht Schröder hat, sich in Sachen Irakkrieg mit den Amerikanern zu zerstreiten. Dass Schröder dafür sorgte, Deutschland aus dem Irakkrieg zu halten, war wohl eine seiner grössten politischen Taten. Und das haben wir auch entsprechend geschrieben.
Wurde "Medienkanzler" Schröder in den letzten Monaten dafür bestraft, dass er stets das Scheinwerferlicht der Medien gesucht hat?
Schröder hat ein instrumentelles Verhältnis zu den Medien. Er versucht stets, die Medien für sich einzuspannen. Das möchte ich ihm nicht vorwerfen, das ist sein gutes Recht. Nur muss er sich dann auch nicht wundern, wenn die Medien sich dieser Haltung irgendwann verschliessen. Doch in dem Moment, in welchem wir uns der Instrumentalisierung verweigern, wird uns das als Falschheit angekreidet. Dann werden Verschwörungstheorien gebastelt, es heisst dann, man sei mit dem Gegner unter einer Decke. Dieser Mechanismus ist aber kein neuer: Auch andere Politiker legen eine ähnliche Haltung an den Tag.
Ihr Kollege Jürgen Leinemann beschreibt das Wesen des leitenden Politikers als arrogant, abgehoben und machtsüchtig. Ist Ihr Bild des Politikers ähnlich negativ?
Nein. Die politische Klasse besteht nicht nur aus Lumpen! Im Gegenteil: Ich glaube, dass es unter den Politikern sicherlich eine grössere Zahl von verantwortungsbewussten Menschen gibt, als bei Angehörigen anderer Berufsgruppen. Sonst würden sie sich ja auch nicht mehr Gedanken über die Allgemeinheit machen, als andere. Der überwiegende Teil der Politiker sind intelligente, gut informierte, anständige und hart arbeitende Leute. Aber: Der Kampf um die Macht prägt den Menschen. Wenn die Politiker an der Macht sind, dann wissen sie oftmals gar nicht mehr, warum sie da hin wollten, sondern geniessen die Rituale der Macht. Das ist bei leitenden Politikern und Staatschef ganz besonders zu beobachten. Wenn sie ständig in der Regierungsmaschine unterwegs sind, von Musikkapellen empfangen werden, über rote Teppiche schreiten und sich stets inmitten dieses ganzen Staatspomps bewegen, befördert dies das Ego eines Menschen ganz besonders. Insofern glaube ich, dass an Leinemanns These von der Droge Macht, schon etwas Richtiges dran ist.
Der Spiegel bewertet zum einen jede Handlung des Kanzlers gnadenlos. Zum anderen darf die Würde des Bundeskanzlers nicht allzu stark beschädigt werden. Wo liegen für den Spiegel da die Grenzen?
Private Dinge, die keinen direkten politischen Bezug haben, sind für uns in der Regel kein Thema. Es gibt viele Details aus dem Privatleben eines Politikers, die man zwar mitbekommen hat, aber dennoch nicht thematisiert. Denn natürlich müssen Politiker auch einen bestimmten Privatbereich haben. Doch wir dürfen uns natürlich auch keinen falschen Vorstellungen hingeben: Indem sich jemand in die Öffentlichkeit begibt, gibt er einen Grossteil seiner Privatsphäre auf. Gerade Politiker neigen ja häufig dazu, mit ihrem Privatleben Wahlkampf zu führen und Homestorys zu machen. Niemand darf sich dann wundern, dass das Private damit plötzlich öffentlich wird. Es geht natürlich nicht an, dass einer seine Privatsphäre aufhebt, wenn es ihm gerade nützt und dann Zeter und Mordio schreit, wenn es ihm gerade schadet. Da muss man sich schon entscheiden.
Herr Aust, noch ein Wort mit Bezug auf die Austellung "Die Kunst des Spiegel -- Titelbilder aus fünf Jahrzehnten": Welches Titelbild ist ihnen über die Jahre hinweg am stärksten haften geblieben?
Das war das Bild von Rudolf Augstein, der als junger Journalist für 103 Tage ins Gefängnis wanderte. Daraus entstand danach bekanntlich die Spiegelaffäre. Mir ist es als Symbolbild für den Spiegels gespeichert geblieben. Ansonsten gibts eine Menge Bilder, die bleiben, aber auch solche, bei denen ich mich fragen muss: Hergott, ist uns da wirklich nichts Besseres eingefallen?
--> Vom 30. September bis 20. November 2005 präsentiert Littmann Kulturprojekte im ehemaligen Museum für Gestaltung in Basel die Ausstellung "Die Kunst des Spiegel -- Titelbilder aus fünf Jahrzehnten".