13.04.2012

"Die Prognosen der Banken und Wirtschaftsinstitute liegen oft falsch. "

"Kuschelinterviewer" und "Sprecher der SNB" nennt ihn die "Weltwoche". Im Allgemeinen gilt Reto Lipp aber als kompetenter Wirtschaftsjournalist. Anlässlich des 200sten Eco am Montag, 16. April hat sich persoenlich.com mit dem Moderator zu Kritik an seiner Person, den Lehren aus der Wirtschaftskrise und seiner inexistenten Work-Life-Balance unterhalten. Das Interview:
"Die Prognosen der Banken und Wirtschaftsinstitute liegen oft falsch. "

Herr Lipp, Sie moderieren am Montagabend das 200ste Eco. Wenn Sie sich an die erste Sendung erinnern: Wobei sind Sie mittlerweile souveräner geworden?

Bei der ersten Sendung war ich unglaublich nervös, enorm angespannt. Man wusste nicht, ob die Sendung überhaupt ein Publikum finden wird. Jetzt bin ich ein wenig entspannter, weil auch viel routinierter. Nach meiner ersten Sendung bekam ich Feedbacks, wonach ich etwas verkrampft gewirkt habe. Das stimmte vermutlich. Diese Verkrampfungen haben sich gelöst.

An wen richten Sie sich beim Moderieren?

Unser Coach sagt immer, man müsse eine Person im geistigen Auge haben, am besten jemand aus dem normalen Publikum. Ich denke ab und zu an meine Mutter. Sie ist die absolut durchschnittliche Normal-Publikums-Frau. Ich denke jeweils: Wenn sie etwas versteht, wird es der grosse Teil des Publikums auch verstehen.

Wer ist Ihre Mutter?

Meine Mutter ist jetzt über achtzig, dennoch interessiert sie sich sehr stark für das Tages- und Wirtschaftsgeschehen und ist eine gute Ansprechperson. Sie ist grundsätzlich interessiert, aber keine Fachspezialistin, ähnlich wie unser Publikum: Es ist an der Wirtschaft interessiert, aber besteht nicht nur aus Fachpersonen.

Ihre Mutter gibt sicher auch Rückmeldungen.

Ja, sie sagt mir manchmal, welche Themen für sie zu kompliziert waren oder an welchen Stellen der Sendung sie geistig ausgestiegen ist. Solche Feedbacks sind wichtig, denn da muss man sich jeweils fragen: Stimmt das? Könnten wir das einfacher darstellen? Ich glaube, es ist die Aufgabe von Eco, die Komplexität zu reduzieren, ohne unseriös oder banal zu sein.

In den letzten Jahren hat sich der Erklärungsbedarf im Bereich Wirtschaft erhöht, etwa mit Finanz- und Schuldenkrise. Haben Sie persönlich Lehren aus der Krise gezogen?

Es hat in den letzten Jahren sicher Ereignisse gegeben, die wir uns vor fünf Jahren nicht hätten vorstellen können. Zum einen etwa die Tatsache, dass europäische Staatsanleihen nicht mehr sicher sind. Noch vor fünf, sechs Jahren kaufte man europäische Staatsanleihen, wenn man sein Geld sicher anlegen wollte. Dass man heute sogar grosse Staaten in Zweifel zieht, hätte man sich damals nicht vorstellen können. Nicht nur Griechenland – wo man immer seine Fragezeichen haben konnte – sondern auch Italien, Spanien und sogar Frankreich. Diese Entwicklung hätten auch Spitzenökonomen nicht erwartet. Diese Einsicht ist schon überraschend und führt natürlich zu einer grossen Verunsicherung, gerade bei Anlegern. Wo will man jetzt das Geld noch anlegen, wenn nicht einmal Staatsanleihen sicher sind? Von Aktien wollen wir ja gar nicht reden. Darum rennen in der Schweiz ja alle in die Immobilien. Aber ob sie wirklich sicher sind, ist eine andere Frage. Die ganze Krise hat ja mit einer Immobilienkrise in den USA angefangen.

Wo müssen Wirtschaftsjournalisten umdenken?

Wir haben auch einen Lernprozess durchgemacht, das ist ganz klar.

Was haben Sie falsch eingeschätzt?

Man hat gewisse Entwicklungstrends unterschätzt. Man ist zum Teil vielleicht auch zu unkritisch gewesen. Nehmen wir zum Beispiel die Wirtschaftsprognosen der Ökonomen: Diese stimmen oft nicht. Ein interessantes Beispiel: Im letzten Herbst sagten alle für diesen Frühling eine dramatische Krise voraus. Wenn man jetzt herumschaut, stellt man fest, dass es der Schweiz eigentlich relativ gut geht.

Sie reden jetzt von den Chefökonomen der Banken?

Ja. Die Prognosen der Banken und Wirtschaftsinstitute liegen oft falsch. Letztlich muss man sagen, dass man vielleicht die nächsten drei vier Monate voraussagen kann, aber schon Prognosen über ein Jahr hinaus sind höchst fragwürdig. Vor allem, wenn diese dann noch auf Prozentzahlen hinter dem Komma genau sind, also wenn beispielsweise 1.95 Prozent Wachstum im nächsten Jahr prophezeit werden. Solche Prognosen sind ein Witz.

Welche Konsequenzen zog die Eco-Redaktion: Laden Sie deshalb weniger Experten ein und gewichten die Meinung der Chefökonomen weniger stark?

Ich glaube, man muss die Experten einfach stärker hinterfragen, vielleicht vermehrt die Gegenpositionen abchecken oder andere Meinungen anhören.

Wo finden Sie diese Experten mit Gegenpositionen?

Das ist eben schwierig. Natürlich gibt es immer die Mainstream-Ökonomen, aber man findet auch immer Figuren, die sich von diesem Mainstream weg bewegen oder alternative Meinungen haben. Man muss versuchen, diese mit ins Boot zu holen und zu berücksichtigen, unterschiedliche Meinungen abzubilden, anstatt dem Mainstream hinterherzulaufen. Das ist sicher eine der Konsequenzen aus der Krise.

Wen meinen Sie mit "man"?

Ich glaube, wir müssen alle kritischer hinschauen. Das ist ganz klar. Wir sind manchmal vielleicht zu unkritisch gewesen, wir alle und damit meine ich die Wirtschaftsjournalisten im Allgemeinen und dazu gehört auch Eco.

Dürfen Sie als Wirtschaftsjournalist Aktien besitzen?

Nein, wir haben ein ganz, ganz striktes Redaktionsstatut bei der SRG. Dieses sagt: Man darf zwar Fonds und ETFs kaufen, aber keine Einzelaktien. Die Statuten wurden vor rund einem Jahr noch einmal verschärft und es wurde ganz klar kommuniziert, dass wir uns daran zu halten haben.

Bei der 200sten Sendung kommen Personen aus früheren Sendungen zu Wort. Gab es Leute, die kein zweites Mal kommen wollten, weil Eco zu kritisch berichtet hatte?

Eine intensive Arbeit ist es, die Leute zu überzeugen, mitzumachen. In der Politik ist das natürlich kein Problem. Politiker gehen gerne ins Fernsehen. Wirtschaftsleute haben oft gar keinen Anreiz, am Fernsehen aufzutreten. In der Schweizer Wirtschaftsszene scheint das Prinzip zu gelten: Wenn jemand am Fernsehen kommt, ist er ein bisschen verdächtig. Der will sich profilieren, will sich ins Schaufenster stellen und das ist in nicht so wahnsinnig erwünscht. Weil das sofort auch Neid weckt. Das gilt vor allem für den Bankensektor, aber auch für andere Wirtschaftsbereiche. Sich am Fernsehen zu exponieren, ist in der Schweiz nicht wahnsinnig beliebt, während etwa Bloomberg TV oder CNBC von Aufritten von Wirtschaftsvertretern leben. Ich muss immer noch um die Leute kämpfen, um sie ins Fernsehen zu bringen.

Sie sind beruflich stark engagiert. Wie leben Sie privat?

Bei mir gibt es keine klar definierte Work-Life-Balance, also keine Grenze zwischen Beruf und Hobby. Es verschwimmt alles ein bisschen und ich finde es toll, dass ich keinen "Nine to five"-Job habe. Auf der anderen Seite birgt dies natürlich das Problem, dass ich nie so recht abschalten kann. Selbst in den Osterferien in Spanien schaue ich, was man noch twittern könnte. Wenn ich in Spanien bin und Spanien wieder erneut als Euro-Krisenherd im Gespräch ist, herrscht bei mir schon ein bisschen "Deformation Professionelle". Ich habe manchmal Mühe abzuschalten, das gebe ich zu.

Sie haben schon auch ein privates Leben?

Ja, das gibt es schon auch, aber es ist sehr reduziert. Mein Luxus ist es, wenn ich mit einem guten Buch irgendwo im Liegestuhl liegen kann und keinen Termin habe. Zudem mache ich relativ viel Sport, obwohl ich eigentlich gar nicht gerne Sport treibe. Sport ist für mich wie Hygiene, wie Zähneputzen. Ich schwimme, gehe jeden Morgen auf meinen Stepper zuhause und mache Krafttraining, um fit zu bleiben und das Gewicht einigermassen unter Kontrolle zu halten.

Sie lesen auch viel.

Ja, ich lese viel, reise auch gerne, obwohl mir zu wenig Zeit bleibt. Ja, was mache ich eigentlich sonst noch? Ja, gut, ich schaue viel Fernsehen, versuche oft ins Kino zu gehen und lese andauernd Zeitung.

Sie studierten Wirtschaft, stiegen dann in den Journalismus ein. Dieser Schritt ist ungewöhnlich für einen auf das richtige Aufwand-Ertrags-Verhältnis trainierten Geist.

Es ist eigentlich umgekehrt. Ich habe mit fünfzehn ein Radio zum Geburtstag bekommen und irgendwie ist das Radio-Virus über mich hergefallen. Ich habe früher oft Radio Luxemburg gehört, weil das Schweizer Radio, Radio Beromünster, zu dieser Zeit für mich völlig uninteressant war. Bei Luxemburg waren damals Leute wie Frank Elstner, Thomas Gottschalk beschäftigt. Und das hat mich fasziniert. Das fand ich lässig, plaudern, Musik ansagen und das Musikprogramm bestimmen. Das wollte ich auch. Und dafür auch noch Geld verdienen? Hey, das ist super, dachte ich. Weil dann aber die Dame von der Berufsberatung sagte, ich müsse ein Studium haben, wenn ich zum Schweizer Radio wolle, entschied ich mich fürs Wirtschaftsstudium. So war das: Zuerst war das Radio, und die Ökonomie war sozusagen das Mittel zum Zweck.

Trotzdem betonen Sie immer wieder Ihre praktische Bank-Erfahrung. Dabei arbeiteten Sie gerade mal 14 Monate bei der UBS. Wieso so kurz?

Das ist wirklich reiner Zufall. Ich hatte nach zwanzig Jahren ein journalistisches Burnout. Ich war damals Chefredaktor von Stocks und wollte mich weiterbilden. Da habe ich gefunden, bei einem so grossen Konzern wie die UBS hast du jede Menge Weiterbildungsmöglichkeiten. Ich bekam ein Angebot und sagte mir: Diese Stelle ist interessant und gut bezahlt. Wieso sollst du das nicht machen? Bei der UBS analysierte ich dann die Börse, schrieb Berichte für die Anlageberater. Eigentlich waren die Aufgaben ähnlich wie im Journalismus. Sie hatten mit Inhalten zu tun, die Stelle war weniger ein Banker-Job. Ich war dort bis zu einem gewissen Grad ein Exot.

Aber das Engagement war nur sehr kurz.

Es sagen viele, ich sei geflohen von der UBS. Aber es ist überhaupt nicht so, mir hat es gut gefallen. Ich hatte sehr viel weniger Stress als im Journalismus und für einmal einen Job, bei dem du am Morgen kommst und am Abend gehst und das Büro dann hinter dir lassen kannst. Dann aber kam das Angebot von Kurt Schaad, der damals Eco aufbaute. Die UBS war bereit, mich vorzeitig aus dem Vertrag zu entlassen und ich habe zugesagt.

Sie gelten als kompetent und als ausgewiesener Fachmann. Ihnen widerfährt wenig Kritik, ausser durch die "Weltwoche". Warum werden Sie als "willfähriger staatlicher Hofberichterstatter", "Kuschelinterviewer" bezeichnet?

Ich habe keine Ahnung, weshalb mich der "Weltwoche"-Journalist immer wieder kritisiert. Eco ist keine polemische Sendung. Wir gehen kritisch, aber fair mit den Leuten um. Ich glaube nicht, dass man mir vorwerfen kann, ich sei nicht kritisch. Wir haben immer gewisse Ziele, die wir mit unseren Interviews erreichen wollen. Diese passen vielleicht nicht immer in das Schema, das sich die Weltwoche vorstellt, aber mit dem kann ich leben. Abgesehen davon: Andere Weltwoche-Journalisten haben Eco auch schon sehr gelobt.

Die Weltwoche bezeichnet Sie etwa auch als den "Pressesprecher der SNB".

Ja, das fand ich ganz lustig, weil ich bei meinem Interview mit Philipp Hildebrand angeblich nicht die Fragen gestellt habe, die sich die Weltwoche gewünscht hätte. Diese Fragen kamen aber drei Tage vorher schon in der Tagesschau.

So ganz unbefangen sind Sie nicht, wenn es um die Nationalbank geht. Sie haben ja dort ein halbes Jahr gearbeitet.

Doch, ich bin unbefangen. Ich war ein halbes Jahr dort, aber das war vor dreissig Jahren als Wirtschafts-Student für einen Sommerjob. Nach dreissig Jahren kann man mir nicht mehr vorwerfen, dass ich befangen bin. Nein, ich glaube, dass wir kritisch, aber fair mit den Leuten umgehen. Und das soll so bleiben.

Wie geht es mit Eco weiter?

Ich finde es spannend, dass ich inzwischen öfters auch mit anderen Redaktionen zusammenarbeiten kann. Wir bei Eco sind sowas wie das Kompetenzzentrum Wirtschaft im Schweizer Fernsehen. Oft kommen andere Sendungen wie der Club, die Arena oder 10vor10 auf uns zu und möchten von unserem Fachwissen profitieren. Diese Synergien intelligent zu nutzen, finde ich spannend. Denn heute sind grundsätzlich alle News immer gleich im Internet, und Formate wie die Tagesschau oder 10vor10 müssen dem Publikum mehr Analyse, Hintergrund und Einordnung bieten. Das ist das, was heute gefragt ist, und da können wir mit der Wirtschaftsredaktion von Eco sicher auch einen ganz erheblichen Beitrag leisten.

Und wo könnte Ihre persönliche Laufbahn weiter gehen?

Meine grosse Liebe ist immer noch das Radio. Ich würde wahnsinnig gern irgendwann wieder Radio machen, am liebsten eine Interviewsendung. Sehr gerne würde ich im Stile von französischen Radiosendungen am Morgen Interviews realisieren. Diese Radiokultur, am Morgen grosse Persönlichkeiten zu interviewen, gibt es bei uns in der Schweiz leider überhaupt nicht. Ich glaube aber nicht, dass sich eine solche Sendung derzeit realisieren liesse.

Wie wäre es mit einem Schritt ins Ausland? Abgesehen von einem Auslandaufenthalt in England nach der Matur waren Sie immer in Zürich.

Ich bin nicht der Ausland-Korrespondenten-Typ. Meine Basis ist in Zürich und für ein Engagement im Ausland ist der Zug wohl auch ein bisschen abgefahren.

Interview: Edith Hollenstein, Benedict Neff



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