Marco Boselli, 2013 war ein ereignisreiches Jahr für "20 Minuten". Es gab viele personelle Wechsel, Sie haben neue Räumlichkeiten inklusive Newsroom bezogen und die Konvergenz umgesetzt. Wie ist "20 Minuten" Anfang 2014 aufgestellt?
Wir sind besser aufgestellt als je zuvor. Wir haben heute nur noch ein Team, das verantwortlich ist für beide Publikationskanäle. Es gibt nicht mehr "sie" und "wir", sondern nur noch ein "wir". Alle sind für den Erfolg von beiden Kanälen verantwortlich. Es ist ein tolles Schaffen so.
Das heisst, es gab vorher ein Problem zwischen Print und Online?
Das ist so. Als wir die beiden Redaktionen zusammenlegen wollten, ist uns erst richtig aufgefallen, wie gross diese "klimatischen" Unterschiede waren. Es hat ziemlich gerumpelt, worüber wir mittlerweile froh sind, denn es hat uns erlaubt, viele gute neue Leute ins Team zu holen, um unseren Konvergenz-Prozess so zu beschleunigen. Und die Zahlen sprechen für sich.
Also ist die Konvergenz ein voller Erfolg für "20 Minuten".
Absolut. Wir können heute das Markenversprechen besser und einheitlicher einlösen als vorher. Es ist für "20 Minuten" die bestmögliche Arbeitsweise.
Seit kurzem arbeiten auch die Regionalredaktionen konvergent...
...genau, das ist ganz frisch. Dass wir in den Regionen präsent sind, ist eine grosse Stärke von "20 Minuten". Nun arbeiten sie - genau wie die Redaktion in Zürich - strikt nach der Devise "web first". Die Print-Inhalte werden dann in Zürich von zwei Regional-Blattmachern erstellt. Wir erhoffen uns durch diese Umstellung, dass wir in den Regionen noch mehr Digitalnutzer erreichen können.
Warum kommt dieser Schritt erst jetzt?
Wir wollten zuerst in Zürich schauen, wie es mit der Konvergenz läuft, wie es funktioniert, aus einem Webprogramm heraus eine Tageszeitung zu machen, was für Schulungen es dazu noch braucht. Das wollten wir erst in einem zweiten Schritt auf die Regionen ausdehnen.
Noch eine Frage zu den Regionalredaktionen: Warum hat es da so viele Praktikanten?
In den Regionen hat es jeweils rund 430 Stellenprozente - 230 für Redaktoren und 200 für Praktikanten. Die Praktikanten sind wichtige Arbeitskräfte und sehr gute Mitarbeiter, die viel lernen, viel leisten und neue Sichtweisen einbringen. Das Praktikantenwesen ist sehr wichtig für uns. Auch, weil solche Praktika nicht selten zu Festanstellungen bei uns führen.
In der Redaktion in Zürich hat es dagegen sehr wenig Praktikanten - obwohl bei "20 Minuten" dem Klischee nach unterbezahlte "Kindersoldaten" Agenturmeldungen abfüllen und Copy/Paste-Journalismus betreiben. Nun kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass das nicht so ist. Woher kommt dieses Image?
Das ist einfach der Neid einiger Ewiggestriger, die verzweifelt versuchen, uns in eine billige Ecke zu stellen. Aber wer das heute noch sagt, der schaut unsere Homepage oder unsere Zeitung nicht an. Wir haben viele junge Journalisten, wir haben Praktikanten, doch das redaktionelle Konzept von "20 Minuten" lässt das auch zu. Wir machen keine Analysestücke und keine grossen Hintergrundgeschichten. Wir sind ein News-Portal, wir leisten Service, wir unterhalten - das kann auch ein junger Journalist, wenn er talentiert ist und unter der Führung eines erfahrenen Redaktors steht. Und solche arbeiten zahlreiche bei uns.
Mit Lorenz Hanselmann geht nach sieben Jahren bei "20 Minuten" der Reporterchef, momentan sind mehrere Stellen ausgeschrieben. Ist die Redaktion immer noch nicht zur Ruhe gekommen?
Eigentlich schon. Lorenz Hanselmann war sehr lange bei uns, ich verstehe, dass er mal etwas anderes machen will. Und eine gewisse Fluktuation ist schliesslich normal. Aber natürlich bedaure ich alle Abgänge.
Ist "20 Minuten" auch eine Talentschmiede, der die Leute davonlaufen, sobald sie etwas "Besseres" gefunden haben? Warum können Sie diese Leute nicht halten?
"20 Minuten" ist ein attraktiver Arbeitgeber - aber man kann nicht alles machen bei uns. Wer investigativ arbeiten oder grosse Analysen schreiben will, ist bei einer anderen Zeitung besser aufgehoben. Schön jedenfalls, dass "20 Minuten"-Journalisten heute solche Karrieren offenstehen.
Verwaltungsratspräsident Pietro Supino hat an der Medienkonferenz vom vergangenen Donnerstag betont, dass investigativer Journalismus und grosse Geschichten wichtig sind für die Tamedia - am anderen Ende sei "20 Minuten" mit einem Reichweitenmodell. Inwiefern schliesst sich das aus? Warum machen Sie nicht mehr investigative Recherchen und grosse Geschichten?
Wir müssen mit unseren personellen Ressourcen sehr effizient umgehen. Investigativer Journalismus ist personell aber sehr aufwendig - und gehört einfach nicht zur Marke "20 Minuten". Wir müssen schnell sein und Geschichten bringen, an die andere Zeitungen nicht denken. Wir sollten uns nicht in eine Richtung entwickeln, die nicht zum Brand passt. Wir sind schnell, wir sind jung, wir sind unterhaltend, wir sind informativ und interaktiv - aber Investigativjournalismus machen andere besser.
Auch Analysen, Editorials oder Kolumnen fehlen - könnte man sagen, "20 Minuten" hat keine Meinung?
"20 Minuten" hat selbstverständlich eine Meinung, die sich schon bei der Auswahl der Themen zeigt. Wir drücken den Leuten diese Meinung aber nicht aufs Auge wie andere Zeitungen. Analyse bedeutet bei uns, dass wir erklären und einen Service bieten zu aktuellen Themen - aber nicht, dass der Journalist noch seine eigene Sichtweise zum Thema reinbringt.
Ist das Fehlen von grossen Geschichten und Meinungsstücken nicht auch eine Vorgabe von oben, damit "20 Minuten" nicht zu einer Konkurrenz für den "Tages-Anzeiger" wird?
Es gibt keine Vorgaben von oben. Es gab eine Phase, in der Newsnetz - ganz zu Beginn - etwas zu "boulevardig" aufgestellt war und "20 Minuten Online" ein wenig zu "newsnetzig". Da haben beide Geschichten gemacht, die besser zum anderen gepasst hätten. Das hat man korrigiert. Doch grundsätzlich darf "20 Minuten" über alles schreiben - aber eben in der Art und Weise, wie man es von "20 Minuten" erwarten darf.
Schränkt der "Tages-Anzeiger" denn nicht die Möglichkeiten von "20 Minuten" ein?
Nein, das glaube ich nicht. Wir haben ein Reichweitenmodell. Das heisst, wir müssen den grösstmöglichen gemeinsamen Nenner im Geschmack unserer Nutzer finden. Wir wollen die Leute schnell informieren. Online kann das mal ein bisschen länger sein, aber in der gedruckten Zeitung ist das wirklich kurz und knapp. Das Reichweitenmodell ist keine Beschränkung, sondern ein Auftrag - und ich glaube, wir machen das sehr gut.
Pietro Supino hat ebenfalls gesagt, dass "20 Minuten" einen einzigartigen öffentlichen Raum mit hohem gesellschaftlichem Wert schafft. Sie haben sehr viele junge Leser und wohl auch einige, die sonst wenig lesen. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?
Indem wir zum Beispiel versuchen, diesen vielen jungen Lesern nicht eine Meinung aufzudrücken und sie zu beeinflussen, sondern auf Themen zu setzen, die diese beschäftigen. Ein ideales Thema ist eines, das Jugendliche und Eltern gleichzeitig informiert und interessiert - wie zum Beispiel die heutige Frontgeschichte: Da fragen wir beim Lehrerverband nach, wie das während der Weltmeisterschaft ist, wenn die Kinder nach Mitternacht Fussball schauen wollen und am nächsten Tag wieder zur Schule müssen. Unser Anspruch ist, solche Themen auf Augenhöhe mit unseren Lesern zu finden und so ausgewogen wie möglich zu behandeln.
Wie weit können Sie denn auf die Leser zugehen - und wie weit müssen die Journalisten auch bei "20 Minuten" selber entscheiden, was relevant ist und was nicht?
Es ist ein Mix. Es gibt natürlich Must-Have-Themen. Auf der anderen Seite ist es die grosse Stärke unserer Redaktion, Geschichten zu finden, die vorbei an den sogenannt relevanten Themen für Gesprächsstoff sorgen. "20 Minuten" ist eine Plattform, auf der man die wichtigen Themen findet, auf der wir aber auch selber Themen setzen können. Diese Geschichten kommen von den Leuten, die hier arbeiten, die sich Fragen stellen, die Sachen sehen, die sie beschäftigen - und die nicht warten, bis eine Einladung an eine Pressekonferenz kommt.
Sie haben das Titelthema der heutigen Ausgabe bereits erwähnt, über dessen Relevanz man diskutieren könnte. Darunter ist ein grosses Bild von Julia Roberts. Es fällt auf, dass die Titelseiten von "20 Minuten" oft sehr boulevardesk daherkommen.
Wir sind ein Boulevardtitel, das ist so. Wir versuchen, Unterhaltung und ernste Themen zu verbinden. Heute sind zwei eher leichte Themen auf der Titelseite, das ist möglich. Relevanz liegt im Auge des Betrachters. Den Lackmustest hat man dann, wenn man morgens um neun schaut, über was die Leute im Büro während der Kaffepause diskutieren. Das ist unser Relevanzbegriff.
Einen etwas anderen Relevanzbegriff hat die scheidende MAZ-Direktorin Sylvia Egli von Matt. Im Interview mit der NZZ sagte sie, angesprochen auf das Allgemeinwissen ihrer Studierenden: "Ich denke, die Studenten sind gut informiert. Aber das Erkennen der Zusammenhänge fällt nicht allen leicht. Man spürt, dass sich etliche mit der Lektüre von '20 Minuten' begnügen." Was halten Sie von dieser Aussage?
Früher haben Journalistenschüler natürlich nur die FAZ und das Feuilleton der NZZ gelesen…Von Matt oder auch Imhof machen den Fehler, uns mit traditionellen Zeitungen zu vergleichen. Für mich ist das so, als ob man eine Rock’n’Roll-Band mit einem klassischen Symphonieorchester vergleicht. Man macht uns zum Vorwurf, dass wir keine Harfenistin und keinen Kesselpaukisten haben und sagt, das wäre aber wahnsinnig wichtig für euch. Nein, in einer Rock’n’Roll-Band braucht es die zwei nicht! Wir sind ein junges, schnelles News- und Unterhaltungsmedium. Das ist unser Auftrag, den nehmen wir sehr ernst, und ich glaube, das gelingt uns auch sehr gut.
In der "Süddeutschen" haben Sie gesagt, dass "20 Minuten" wesentlich mehr Exemplare drucken könnte, dann aber die Anzeigenpreise zu hoch wären. Ist "20 Minuten" an eine Grenze gestossen?
Das ist so. Beim 1000er-Kontaktpreis - der wichtigsten Währung für Print-Inserate - gehören wir zu den günstigsten. Bei uns erreicht man 1000 Leser für etwa 30 Franken, bei einigen Regionalzeitungen kostet das im Vergleich über 100 Franken. Aber die Tatsache, dass wir so viele Leser haben, macht uns im absoluten Preis sehr teuer. Noch mehr Leser wären für das Geschäftsmodell von "20 Minuten" nicht wirklich von Vorteil.
Wie lange gibt es die gedruckte Ausgabe von "20 Minuten" noch?
Wir haben kürzlich eine grosse Umfrage gemacht und gesehen, dass Pendlerzeitungen bei 15- bis 25-jährigen, den Digital Natives also, immer noch sehr wichtig sind: 77 Prozent gaben an, wenn etwas Wichtiges geschehe, würden sie sich mit einer Gratiszeitung informieren. Eine für uns grossartige Aussage, die uns in der Überzeugung bestärkt, dass Zeitungen mittelfristig wichtig bleiben. Allerdings nehmen Print-Inserate generell ab, und ich kann nicht sagen, wie lange Print noch unser wichtigster Ertragsbringer sein wird. Doch wir investieren viel in unsere digitalen Aktivitäten, um diesem Strukturwandel begegnen zu können - in dem Sinne kannibalisieren wir uns am liebsten selber.
Sie haben an der Medienkonferenz eine neue App angekündigt. Wie wird diese aussehen?
70 Prozent des Traffics kommt über unsere App - das ist ein wichtiger Kanal für uns. Doch wenn man heute schaut, was es so gibt, sind wir gerade im internationalen Vergleich trotz unseres Erfolg ein bisschen angestaubt. Wir wollen die Stärken von "20 Minuten" ergänzen durch die grossen Trends der mobilen News-Vermittlung. Viel mehr will ich noch nicht verraten, aber ich glaube, es wird ein grosser Wurf.
Sie sind auch Chefredaktor von "20 Minuten Friday". Gibt es da auch eine engere Zusammenarbeit in Zukunft?
Das ist so. Wir werden noch dieses Jahr mit einer eigenen "Friday"-Welt innerhalb von 20minuten.ch starten. Das haben wir auch von Kunden oft gehört, dass sie eine digitale Erweiterung des Brands "Friday" wollen.
Umsatz und Gewinn von Tamedia sind im letzten Jahr gesunken. Was bedeutet das für "20 Minuten"? Muss gespart werden?
Chefredaktor von "20 Minuten" zu sein, bedeutet immer auch, unternehmerisch zu denken und deshalb auch auf die Kosten zu achten. Im Zusammenhang mit der Konvergenz gab es ein Sparpotenzial, das wir für 2014 und 2015 umgesetzt haben. Im Zuge des strukturellen Wandels in der Medienbranche bleibt ein sorgfältiger Umgang mit Ressourcen aber natürlich ein Dauerthema.
In der "Süddeutschen" hiess es auch, "20 Minuten" sei die "rentabelste, profitabelste und lukrativste Zeitung ganz Europas". Stimmt das?
Ich kenne die Rentabilitäten anderer Tageszeitungen leider nicht. Aber ja, es läuft uns gut, und wir leisten sicher einen schönen Beitrag an die Zahlen von Tamedia.
Interview: Lukas Meyer//Bild: Stevan Bukvic
Anmerkung: Das Gespräch fand im Anschluss an die Bilanzmedienkonferenz der Tamedia am 13. März statt, bei der Marco Boselli die Lage von "20 Minuten" präsentierte. Der Interviewer arbeitete vor seinem Engagement bei persoenlich.com für drei Monate als Vertretung im Ressort Wissen von "20 Minuten".